22. August 2019, 20:10 Uhr

Erdbeben, Drogen und Atomkraft

Ein UN-Standort gilt als politischer und wirtschaftlicher Gewinn. Österreich zog vor 40 Jahren das große Los. Seitdem kann sich das Land umso mehr als Brückenbauer fühlen.
22. August 2019, 20:10 Uhr
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Von DPA
Mächtig und imposant: die UN am Standort Wien. (Foto: Nikoleta Haffa/Vienna International Centre/dpa)

Diese Drogen dienen dem Kampf gegen die Kriminalität. Hinter sehr fest verschlossenen Türen im UN-Gebäude in Wien lagern 200 Proben gängiger und seltener Rauschgifte in höchster Reinheit. »Wir verschicken sie testweise an 280 Drogenlabore in 80 Ländern, damit wir die Güte ihrer Analytik überprüfen können«, sagt Conor Crean, wissenschaftlicher Mitarbeiter des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). Die Idee: Je besser die Drogenlabore arbeiten, desto schlechter für die Kriminellen.

Regelmäßig werden in den Räumen der UN-Behörde auch die Mitarbeiter der Labore geschult, wird Ausrüstung für die Drogenfahnder zusammengestellt oder werden für Länder in Süd- und Mittelamerika teure Geräte zur schnellen Untersuchung von Drogen auch außerhalb eines Labors verschickt.

Die UNODC ist eine der etwa ein Dutzend Institutionen, die zur UN-Familie in Wien zählen. Die österreichische Hauptstadt ist seit 40 Jahren einer der vier Standorte der Vereinten Nationen. Am 23. August 1979 wurde der imposante Bau an der Donau fertiggestellt. Die Stadt Wien und die Republik Österreich hatten den Boden für diesen politischen Schachzug geebnet. Die Stadt stellte das Gelände, übernahm 35 Prozent der Baukosten im dreistelligen Millionenbereich, die Republik trug davon 65 Prozent. Für den symbolischen Betrag von einem Schilling (heute sieben Eurocent) pro Jahr pachteten die UN für 99 Jahre das Gebäude. »Der Betrag ist für Österreich wichtig, ganz ohne Geld würde das Haus nach österreichischem Recht nach 30 Jahren den UN automatisch gehören«, sagt eine UN-Sprecherin.

IAEA am wichtigsten

Der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) nannte die Ansiedlung die »Krönung der österreichischen Neutralitätspolitik«. Das EU-Land hat sich einer »immerwährenden Neutralität« verpflichtet und versteht sich seit Jahrzehnten als Brückenbauer zwischen Ost und West. Heute arbeiten 5000 Beschäftigte aus 125 Nationen auf dem Gelände, das extraterritorialen Charakter hat. Für die Sicherheit sorgt eine UN-eigene Truppe. Zusätzlich bedeuten die 70 000 Konferenzteilnehmer pro Jahr für die Stadt einen erheblichen wirtschaftlichen Gewinn.

Größte und wichtigste UN-Institution in Wien ist die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA). Die IAEA und ihr damaliger Generaldirektor Mohammed El-Baradei erhielten 2005 den Friedensnobelpreis. Das norwegische Nobel-Komitee würdigte, dass sich die UN-Behörde für die sichere Nutzung der Atomkraft und gegen deren Verwendung zu militärischen Zwecke einsetzt. Genau darum geht es auch seit 2016 bei der Überwachung des Atom-Deals mit dem Iran, der Teheran am Bau einer Atomwaffe hindern soll. Selten zuvor war die IAEA ein so wichtiges Rad im Getriebe der internationalen Diplomatie.

Das Geschäft der IAEA bestimmen auch die weltweit rund 450 Atomreaktoren in etwa 30 Ländern sowie der Umgang mit Strahlenquellen in Industrie, Forschung und Medizin. »Fast jeden Tag gab es Meldungen an uns«, sagt IAEA-Mitarbeiter Kilian Smith mit Blick auf das vergangene Jahr. 2018 erhielt die IAEA von den Behörden der Mitgliedsstaaten oder über andere Quellen Informationen über 313 Ereignisse mit tatsächlichen oder auch nur vermuteten Strahlenereignissen. Das seien keine großen Störfälle, aber die Mitgliedsländer wie Deutschland seien verpflichtet, Auffälligkeiten zu melden, sagt Smith. Die IAEA könne so an der ständigen Verfeinerung der Sicherheitsstandards arbeiten.

Erdkruste im Blick

Die UN-Behörde hat sich mit einem eigenen Notfall-Center für Fälle wie den Super-GAU von Fukushima gewappnet. Als es dort 2011 infolge eines Erdbebens und Tsunamis zu einer teilweisen Kernschmelze kam, bedeutete das für die IAEA den Ausnahmezustand. 54 Tage lang versuchten insgesamt 230 IAEA-Experten im rund um die Uhr besetzten Notfall-Center, den Japanern bei der Eindämmung der Katastrophe zu helfen. »Es kommt immer auf die schnelle Einschätzung der Lage an«, sagt Smith.

Eine schnelle Einschätzung ist auch bei der Unterscheidung von Explosionen oder Erdbeben sehr gefragt. Die UN-Atomteststopp-behörde CTBTO überwacht von ihrem brandneuen Operation-Center aus weltweit alle auffälligen Bewegungen der Erdkruste. »Die Welt ist voller seismischer Aktivitäten«, sagt dazu Mario Villagran-Herrera, Manager des Operation-Centers. Alles jenseits einer Stärke von 3,0 auf der Richter-Skala sei für die CTBTO-Experten interessant. Rund 50 000 Ereignisse haben die fast lückenlos auf dem Planeten verteilten Überwachungsstationen der UN-Behörde zwischen 2000 und 2017 erfasst. Eine Datensammlung von unschätzbarem Wert, wenn die Fachleute von Wien aus wieder einmal der Frage nachgehen, ob eine Erschütterung von einer unterirdisch gezündeten Atombombe oder einem Erdbeben herrührt. Die sechs Atomtests Nordkoreas zwischen 2006 und 2017 zu identifizieren, war eher ein Kinderspiel. »Die wurden von Mal zu Mal immer stärker«, so Villagran-Herrera.



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