01. Januar 2020, 21:56 Uhr

Ein Krieg vor der Haustür Europas

01. Januar 2020, 21:56 Uhr
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Von DPA

Besinnlich ging es in den Tagen rund um Weihnachten im libyschen Luftraum nicht zu - obwohl eigentlich nur noch wenige Flugzeuge den Airport von Tripolis planmäßig anfliegen. Am Rand der Startbahn stehen Flugzeuge, die sich seit Monaten nicht mehr bewegt haben. Das Rollfeld selbst liegt größtenteils verwaist, Raketen haben die Dächer von Hangars durchschlagen. Aber frühmorgens zwischen 5 und 8 Uhr landeten in den vergangenen Tagen fünf Sonderflüge der Libyan Airlines. Dazu mehrere Boeing 747 einer moldawischen Transportfirma. Abflugorte: Ankara, Istanbul und Ostende. Kurz darauf gibt es die ersten Videos syrischer Kämpfer in Libyen.

Der Konflikt am Südrand des Mittelmeers ist längst kein lokaler Bürgerkrieg mehr. Die einzelnen Konfliktparteien - darunter unzählige Milizen - werden schon länger von Ländern wie der Türkei, Italien, Frankreich oder den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt.

Als der mächtige Feldmarschall Chalifa Haftar im April 2019 seine Truppen aber in Richtung der Hauptstadt Tripolis und der dort ansässigen Einheitsregierung marschieren ließ, nahm der Konflikt eine dramatische Wendung. Wenige Tage bevor eine von den Vereinten Nationen organisierte Konferenz alle Konfliktpartner an einen Tisch bringen sollte schuf der Armeechef Fakten - mithilfe ausländischer Söldner.

»Söldner aus dem Sudan, Tschad und Russland spielten bislang vor allem auf Seiten Haftars eine Rolle«, sagt der Libyen-Experte Wolfram Lacher von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. »Mit der Entsendung syrischer Milizen als Teil der türkischen Unterstützung sind Söldner jetzt erstmals auch auf Seiten der Gegner Haftars eine nennenswerte Kraft.« In einem bislang vertraulichen Bericht von UN-Experten kritisiert die Expertengruppe, dass Länder wie die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Jordanien mit illegalen Waffenlieferungen ein bestehendes Waffenembargo unterlaufen würden.

Kämpfer-Anwerberbüros

Am Wochenende tauchten erstmals Videos in den sozialen Netzwerken auf. Eine Gruppe Kämpfer behauptet darin in syrischem Dialekt, ein Militärlager von Kämpfern des Generals Haftar eingenommen zu haben. Die Aufnahmen entstanden nachweislich im Süden der Hauptstadt Tripolis, unweit der Frontlinie. Auch wenn die libysche Regierung weiterhin behauptet, die Bilder stammten aus Syrien.

Dort, im syrischen Afrin, soll es inzwischen Anwerbebüros für Kämpfer geben, die nach Libyen gehen wollen. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, dass sich rund 300 von der Türkei unterstützte syrische Milizionäre in Libyen aufhalten sollen. Ihnen würden bis zu 2500 US-Dollar für einen drei- bis sechsmonatigen Einsatz gezahlt.

»Haftars Gegnern blieb nichts anderes übrig, als sich in die Arme der Türkei zu werfen«, sagt Wolfram Lacher von der SWP. »Das Resultat ist ein Krieg vor Europas Haustür, der von fernen Mächten wie Russland und den Emiraten angetrieben wird, auf den die Europäer aus Eigenverschuldung aber überhaupt keinen Einfluss mehr haben.«

Je näher General Haftar auf die Hauptstadt Tripolis vorrückt, umso eiliger hat es der türkische Präsident, die libysche Regierung zu unterstützen. Die Erlaubnis, Truppen nach Libyen zu schicken, will er sich schon am heutigen Donnerstag vom Parlament in Ankara holen.



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