17. August 2017, 20:25 Uhr

Terror und Stalin

Dunkelste Zeit der Sowjetunion

17. August 2017, 20:25 Uhr

Das Gräberfeld von Lewaschowo ist ein bedrückender Ort. Kiefern überragen den unebenen Boden voller Hügel und Gräben. In den Massengräbern am Stadtrand von St. Petersburg liegen 19 450 Menschen. Viele wurden 1937/38 ermordet, als der Terror des Sowjet-Diktators Josef Stalin am schlimmsten wütete.

Von August 1937 bis November 1938 wurden in der Sowjetunion etwa 1,5 Millionen Menschen als angebliche Volksfeinde, Verräter oder Spione verhaftet, 680 000 wurden hingerichtet. Und es gibt in Russland viele solcher Stätten, an denen die Henker des damaligen Geheimdienstes NKWD ihre Opfer verscharrten: Butowo und Kommunarka bei Moskau, Sandarmoch und Krasny Bor im nordrussischen Karelien...

In St. Petersburg, damals Leningrad, fielen dem »Großen Terror« (so der Historiker Robert Conquest) 45 000 Menschen zum Opfer. Es gibt keine genauen Totenlisten für Lewaschowo, aber wahrscheinlich liegen hier der Religionsphilosoph Pawel Florenski und der Dichter Boris Kornilow.

»Einmal im Jahr kommen wir hierher, um die Toten zu ehren«, sagt Irina Tyrul (84). Die Russin lettischer Abstammung hat aus den Akten erfahren, dass ihr 1944 ermordeter Vater Alfred Tyrulis in Lewaschowo beerdigt wurde. Sie hat ihm einen kleinen Grabstein gesetzt. Zu Sowjetzeiten waren die Massengräber streng geheim, seit 1989 ist Lewaschowo eine Gedenkstätte. Mit Bildern an Bäumen, mit Kreuzen und Steinen geben seitdem Hinterbliebene den Opfern ihre Namen zurück.

Die heutige Führung wolle über den Stalin-Terror möglichst nicht reden, sagt Tyrul. Russland gedenkt dieses Jahr der Februarrevolution und der Oktoberrevolution 1917.

Blutiger Sommer 1937

Dazwischen liegt der blutige 1937er Sommer vor 80 Jahren als unbequemes drittes Jubiläum. »Der Große Terror ist ein Schlüsselmoment im Streit über Stalin und darüber, was sein Erbe für die heutige Entwicklung des Landes bedeutet«, sagte der Historiker und Stalin-Biograf Oleg Chlewnjuk der Deutschen Presse-Agentur in Moskau.

Für die Stalin-Gegner in Russland beweisen die Terroropfer klar, wie verbrecherisch seine Herrschaft war. Die andere Seite unterstreicht Stalins Rolle als Sieger über den Faschismus im Zweiten Weltkrieg. Die politische Konjunktur stärkt eher diese Seite.

Mit dem NKWD-Befehl Nr. 00 447 vom 30. Juli 1937 »zur Repression ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer anti-sowjetischer Elemente« begannen die sogenannten Massenoperationen. Wegen des Spanischen Bürgerkriegs, wegen der Aufrüstung Hitler-Deutschlands habe Stalin Kriegsgefahr gewittert und jedweden Gegner ausschalten wollen, sagt Chlewnjuk.

Täglich 1400 Tote

Die Verfolgung traf Bauern, ehemalige zaristische Beamte, Anhänger anderer Parteien, Priester und Gläubige. Sie wurden verhaftet, gefoltert und von sogenannten Troikas aus drei Richtern verurteilt. Jede Sowjetrepublik, jedes Gebiet bekam vorgegeben, wie viele Menschen verhaftet, wie viele erschossen werden mussten. Und jede örtliche Führung bat noch um höhere Quoten, um vor Stalin und seinem Geheimdienstchef Nikolai Jeschow gut dazustehen.

Massenoperationen richteten sich auch gegen nationale Minderheiten – gegen die Russlanddeutschen, Polen, Letten, Esten, Finnen, Griechen, Iraner, Koreaner und Chinesen. 16 Monate lang wurden in der Sowjetunion täglich etwa 1400 Menschen getötet. Dann beendete Stalin den Großen Terror so plötzlich, wie er ihn begonnen hatte. In kleinerem Umfang ging das Töten weiter bis zu Stalins Tod 1953, in Lewaschowo wurden 1954 die letzten Hingerichteten begraben.

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