14. September 2017, 22:15 Uhr

Die in Berlin den Kopf hinhalten

In neun Tagen ist Bundestagswahl. Für die Spitzenkandidaten der Parteien reiht sich nun ein Termin an den anderen. Doch wer genau tritt eigentlich für welche Partei an? Nachfolgend ein Überblick.
14. September 2017, 22:15 Uhr

Angela Merkel (CDU) ist seit zwölf Jahren Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Das könnte die 63-Jährige mit einem Wahlsieg am 24. September weitere vier Jahre bleiben.

Merkel, Pfarrerstocher aus der DDR, promovierte Physikerin, hochbegabt und lange scheu, kaperte nach dem Mauerfall als Quereinsteigerin zuerst die von Männern dominierte CDU. Später eroberte sie als Kanzlerin die Bundesrepublik. Mit Ausdauer und Beharrlichkeit, Anpassungsfähigkeit und Härte, Zurückhaltung und Mut. Die Liste ihrer Titel ist lang: Kohls Mädchen, die Unterschätzte, die Wankelmütige, Klimakanzlerin, Wahlkampfmaschine, mächtigste Frau der Welt, Sphinx, Flüchtlingskanzlerin. Was stimmt? Vielleicht alles – oder ein bisschen oder jeweils zu seiner Zeit.

Auf internationaler Bühne bietet sie schwierigsten Kalibern wie Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan die Stirn. Und zeigt sich dann auch immer wieder kompromissbereit.

Sie selbst sagt, dass sie sich als Kanzlerin mit all den Herausforderungen auch wandeln müsse. Kehrtwende in der Atompolitik, bei der Wehrpflicht, »Ehe für alle« und auch in der Flüchtlingspolitik. Der Willkommenskultur folgte die Asylrechtsverschärfung.

Die Öffentlichkeit erlebt die Kanzlerin meist als beherrscht. Ihr Markenzeichen sind die zu einer Raute vor dem Bauch geformten Hände. So nimmt sie Haltung an. Politik betreibt sie gern per SMS. Im kleinen Kreis jedoch gilt sie als locker und witzig. Manch einer empfindet sie aber auch als schwierig. Sie grüße oft nicht. Was allerdings an ihrer Kurzsichtigkeit liegen könnte beziehungsweise daran, dass sie keine Brille aufsetzt. Außer bei der Neujahrsansprache oder Länderspielen der Fußballnationalmannschaft.

Und wie geht es weiter, wenn Merkel die Wahl noch einmal gewinnt? Bleibt sie die vollen vier Jahre, wie sie versichert? Ein CDU-Regierungsmitglied sagt: »In der Regel wird man abgewählt. Dass man strahlend ausscheidet, ist selten.« Der Aufbau eines Nachfolgers sei in der Politik nicht einfach, sagt jemand anderes. Merkel selbst habe keine Angst vor dem Leben danach.

SPD

Martin Schulz hat ein Ziel. Der Sozialdemokrat will Bundeskanzler werden. Vor sechs Monaten wurde Schulz mit 100 Prozent zum Vorsitzenden der ältesten deutschen Partei gewählt. Danach erlebt Schulz mit der SPD eine Niederlage, eine Heimsuchung nach der anderen. Steht ihm am Wahlabend die historisch größte noch bevor, wie die neuesten Umfragen vermuten lassen? Und wird es ihm seine SPD dann danken, wie der 61 Jahre alte Buchhändler aus Würselen selbst hofft, dass er so viele Rückschläge ertragen hat?

Schulz kann, falls auf den letzten Metern dieses Wahlkampfes kein Wunder passiert, aller Voraussicht nach nicht Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden. Gefühlt tausendmal hat er bei Reden und Auftritten das Gegenteil verkündet.

Keiner zieht sich auf den Marktplätzen der Republik so gerne aus wie er. In Essen, Bochum, Bielefeld oder in Göttingen. Das Jackett muss weg. »Mann, is dat heiß hier«, sagt er dann in breitem Rheinländisch. Ist es ein Tick? Nein, kein Tick. Schulz, der Kumpel. Schulz, der Malocher. Schulz, der sein letztes Hemd für die SPD gibt.

Anfang des Jahres funktioniert das noch. Er, der vermeintliche Underdog, der Mann ohne Abi, der frühere Alkoholiker, der seine Sucht vor 37 Jahren besiegte, tritt gegen die Dauerkanzlerin an. Emotion gegen Raute. Der glühende Europäer gegen die pragmatische »Madame No«. Über 20 000 Bürger, ganz viele Jüngere, rennen der SPD die Bude ein, holen sich ein Parteibuch, wollen mit Schulz für ein sozial gerechteres Land, für ein geeintes Europa streiten.

Ein Schulz denkt groß. Das hat er als populärer Präsident des Europaparlaments im Kreis der Mächtigen gelernt. Und liegt da Mitte März die mögliche Kanzlerschaft nicht vor ihm auf dem Silbertablett, und er muss nur noch zugreifen?

Schulz kann herzerfrischend lustig sein, Promis parodieren, in Hotelfoyers Witze mit perfekter Pointe vortragen, Menschen nahekommen. Auf Kritik reagiert er oft verletzlich und nachtragend. Journalisten steckten ihn in Schubladen, schrieben ihn als »Provinzfuzzi« ab, seien bei der »Monarchin Merkel« zu nachsichtig, beschwert er sich. Im Willy-Brandt-Haus sei mit ihm ein verbindlicher, offener Geist eingezogen, loben Mitarbeiter.

Am 24. September nach 18 Uhr Uhr wird sich zeigen, ob und wie es für Schulz weitergeht. Rettet sich die SPD wieder in die große Koalition, könnte es genug Macht für beide geben. Aber in der Opposition? Schulz will an der Spitze bleiben. So oder so.

Grüne

Die grünen Hoffnungen liegen auf Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt . Denkbar knapp hat die Grünen-Basis den Parteichef zum Spitzenkandidaten gewählt. 76 Stimmen machten den Unterschied. Seine Anhänger finden, er sei für diesen Wahlkampf genau der Richtige. Als Sohn türkischer Gastarbeiter wirke seine Kritik an der türkischen Regierung glaubwürdig. Als Schwabe verbinde man ihn mit dem beliebten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Er tauche auch regelmäßig in der Liste der beliebtesten Politiker auf – aktuell auf Platz fünf. Gern erzählt Özdemir von seinem Aufwachsen zwischen zwei Kulturen in Bad Urach und von seiner Ausbildung als Erzieher. Integration ist eines der wichtigsten Themen des Realpolitikers. Niemand stand länger an der Spitze der Ökopartei. Seit 2008 ist er Vorsitzender, noch einmal wird er sich wohl nicht zur Wahl stellen. Bei den Grünen ist der 50-Jährige seit 1981 und zog 1994 als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Bundestag ein. Von 2004 bis 2009 war Özdemir Abgeordneter des EU-Parlaments.

Dass keine Frau vom linken Parteiflügel der Realo-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt die Spitzenkandidatur streitig gemacht hat, werten Parteifreunde als Beweis für die starke Stellung der 51-Jährigen. Sie macht den Job schon zum zweiten Mal. Anders als Co-Kandidat Jürgen Trittin rückte sie nach der Wahl 2013 nicht in die zweite Reihe, sondern wurde Chefin der grünen Bundestagsfraktion. Das war sie auch schon von 2002 bis 2005. Im Bundestag sitzt Göring-Eckardt seit 1998. Der fünffachen Großmutter liegt Soziales besonders am Herzen. Ihr Theologiestudium schloss die passionierte Joggerin nicht ab, in der evangelischen Kirche ist sie bis heute aktiv.

FDP

Auf dem Kennzeichen von Christian Lindners Auto steht »D – CL 2017«. Das könnte man auch als Wahlkampf-Slogan deuten. Ein Comeback der FDP im Bundestag 2017 – mit und dank Christian Lindner. 2013 waren die Liberalen rausgeflogen, nachdem sie sich vier Jahre mit ihren Koalitionspartner CDU und CSU in den Haaren gelegen hatten. Der Absturz vor vier Jahren fegte die alten FDP-Spitzenkräfte fort.

Lindner dagegen startete durch. Er führte die nordrhein-westfälischen Liberalen schon 2012 zum Erfolg: Mit smartem Auftritt, starken Reden und dem Gespür für die richtigen Themen holte er im Düsseldorfer Landtag 8,6 Prozent. Er wiederholte diesen Triumph im Frühjahr 2017. Konsequenterweise wurde er Ende 2013, im Jahr des Desasters der Bundes-FDP, Bundesvorsitzender. Er trat einen schweren Gang an. Schritt für Schritt führte er die Partei zurück in die Landtage. In Rheinland-Pfalz regiert die FDP heute in einer Ampel mit SPD und Grünen, in Schleswig-Holstein unter Wolfgang Kubicki neuerdings in einer sogenannten Jamaika-Koalition mit Union und Grünen. Nun ist sogar eine Koalition im Bund wieder denkbar: Schwarz-Gelb.

Der Politikwissenschaftler, der mit einer Journalistin verheiratet ist, galt schon früh als Wunderkind der FDP. Lindner redet pointiert und druckreif zu allen Themen – wenn es sein muss anderthalb Stunden lang ohne Manuskript. Und er kommt bei vielen gut an.

Linkspartei

Im Wahlkampf tritt Dietmar Bartsch oft witzig auf. Der 59-Jährige ist ein erfahrener Stratege seiner Partei. In der Politik ist er gut vernetzt. Im persönlichen Umgang gilt er als unkompliziert und hat ein gewinnendes Wesen. Dennoch hat er es als ein Hoffnungsträger für Rot-Rot-Grün im Bund schwer, gilt doch ein Linksbündnis nach der Wahl als wenig aussichtsreich. In der DDR trat er noch als Heranwachsender in die SED ein, studierte Ökonomie und promovierte in Moskau. Von 1991 bis 1997 war er Schatzmeister der Nachfolgepartei PDS. Anschließend wurde er Bundesgeschäftsführer – bis er sich 2010 mit seinem damaligen Parteichef Oskar Lafontaine überwarf. 2012 unterlag der Stralsunder in einem Flügelkampf um den Parteivorsitz, an dem auch Lafontaine beteiligt war. Gemeinsam mit Sahra Wagenknecht trat Bartsch 2015 die Nachfolge von Gregor Gysi im Fraktionsvorsitz an.

Die 48-Jährige Sahra Wagenknecht tritt immer noch für eine Überwindung des Kapitalismus in Deutschland ein. Sie zieht die Aufmerksamkeit eines Massenpublikums auf sich – in Talkshows ist sie gefragt. Im Bundestag ruft sie regelmäßig gereizte Reaktionen der anderen Parteien hervor. Als Rednerin kann die Frau von Oskar Lafontaine Hallen für sich einnehmen. Sie ist kontrolliert und ehrgeizig, ob im Wahlkampf oder auf ihrem Fahrrad, mit dem sie große Touren zu Hause im Saarland unternimmt.

Lange war sie Wortführerin der Parteigruppierung »Kommunistische Plattform«, ließ ihre Mitgliedschaft aber nach dem Aufstieg in die Parteispitze ruhen. Seit dem Rückzug Lafontaines aus der Bundespolitik führte Wagenknecht den linken Parteiflügel an.

AfD

Die AfD tritt mit zwei sehr unterschiedlichen Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl an.

Alexander Gauland (76) spricht meist mit leiser, betont unaufgeregter Stimme. Der stellvertretende Parteivorsitzende gilt als wichtigster Strippenzieher der AfD. Gauland ist der klassische Bildungsbürger. Er liebt die Oper und würzt seine Wahlkampfreden gelegentlich mit historischen Anspielungen, die viele seiner Zuhörer überfordern. Zu diesem Image passt seine Vorliebe für Tweed-Sakkos und Krawatten in Dunkelgrün.

Gauland war CDU-Mitglied und Staatssekretär in Hessen, später dann Herausgeber der »Märkischen Allgemeinen« in Potsdam. Die AfD ist seine späte Rache dafür, dass sich in der CDU eines Tages keine Mehrheit mehr für den von ihm und einigen Gleichgesinnten vertretenen rechtskonservativen Kurs fand. Gauland hat eine erwachsene Tochter, die keinerlei Affinität zur AfD hat. Seine Unterstützung für den rechtsnationalen Flügel der Partei um Björn Höcke ist nicht bloß Taktik.

Alice Weidel (38) ist neu in der Politik. Die Ökonomin war 2013 aus Protest gegen die Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung zur AfD gestoßen. Zuletzt arbeitete sie als Unternehmensberaterin. Beruflich war sie viel in China unterwegs. Ihr Verhältnis zu Parteichefin Frauke Petry war lange Zeit sehr gut. Beide stimmten im Bundesvorstand dafür, ein Parteiausschlussverfahren gegen den Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke einzuleiten. Nachdem sich Weidel beim Bundesparteitag im Frühjahr dieses Jahres entschloss, gemeinsam mit Gauland das Spitzenteam zu bilden, ist das Verhältnis abgekühlt. Weidel zieht mit ihrer Lebenspartnerin gemeinsam zwei Kinder groß.

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