20. Mai 2019, 19:52 Uhr

Die Spitzenleute der Deutschen

Manfred Weber ist ein ehrgeiziger Strippenzieher der leisen Töne und möchte EU-Kommissions- präsident werden. Welche deutschen Spitzenkandidaten für Europa noch antreten? Ein Überblick in Kurzporträts.
20. Mai 2019, 19:52 Uhr
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Von DPA

Die Unionsparteien stellen im Unterschied zu den anderen Parteien keine Bundesliste der Kandidaten, sondern Landeslisten für jedes einzelne Bundesland auf.

Manfred Weber, CSU

Für sein größtes politisches Ziel in Brüssel war Manfred Weber (46) bereit für den größten Verzicht in Bayern: Als Horst Seehofer 2018 seinen Posten als CSU-Chef aufgab, überließ Weber kurzerhand Markus Söder den ersten Zugriff. Ausgerechnet Söder muss man sagen, denn Weber und er waren nie beste Freunde. So groß seine persönlichen Befindlichkeiten auch gewesen sein mögen, sein Ehrgeiz galt alleine einem Ziel: EU-Kommissionspräsident zu werden. Diese Zielstrebigkeit ist - wie sein Talent als Strippenzieher im Hintergrund - eine von Webers besonderen Fähigkeiten.

Er ist der Spitzenkandidat von CDU und CSU. In der CSU hat der niederbayerische Katholik eine klassische Parteikarriere hinter sich. Von 2003 bis 2007 war er Chef der Jungen Union in Bayern, von 2008 bis 2016 niederbayerischer Bezirkschef - in der CSU-Hierarchie ein wichtiges Amt. 2002 zog er mit 29 Jahren in den bayerischen Landtag ein, bevor er 2004 erstmals ins EU-Parlament gewählt wurde. Seit 2015 ist Weber stellvertretender Parteichef, im EU-Parlament führt er die Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP).

Katarina Barley, SPD

»Ich bin Europäerin durch und durch«, versichert Katharina Barley auf ihrer Website. Kaum jemand kann das glaubhafter von sich behaupten als die gebürtige Kölnerin: Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Brite, studiert hat sie in Paris und ihr Bundestagswahlkreis grenzt an Luxemburg. Augenzwinkernd bezeichnet sich die 50-Jährige als »Allzweckwaffe der SPD«. Die Juristin, die einige Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Verfassungsgericht arbeitete, war bereits Generalsekretärin ihrer Partei, wechselte dann ins Amt der Familienministerin und fungiert seit der Neuauflage der großen Koalition als Bundesjustizministerin. Wenn es für die zweifache Mutter nun ins Europaparlament geht, zieht sie nicht allein nach Brüssel. In einem Interview kündigte Barley an, dass ihr Ex-Mann und ihr jüngerer Sohn mitkommen werden: »Wir haben uns damals vorgenommen, als Eltern räumlich in der Nähe zu bleiben, bis die Kinder erwachsen sind.«

Ska Keller, Grüne

Die 37-Jährige führt nicht nur die deutschen Grünen in den Europa-Wahlkampf, sondern ist auch schon zum zweiten Mal Spitzenkandidatin der europäischen Grünen. Die studierte Islamwissenschaftlerin und Turkologin spricht Englisch, Französisch und Spanisch, Katalanisch und Türkisch. Verheiratet ist sie mit einem Finnen. Keller zog 2009 mit erst 27 Jahren erstmals ins EU-Parlament ein. Seit Ende 2016 ist sie Fraktionschefin der Grünen/EFA-Fraktion dort. Bei den Grünen zählt Keller zum linken Parteiflügel. Sie engagiert sich besonders in der Migrations- und Handelspolitik und sitzt im Innenausschuss des EU-Parlaments.

Sie wurde im brandenburgischen Guben geboren. »Als Ossi weiß ich, dass Demokratie erstritten werden muss. Und dass man sie immer wieder verteidigen muss«, schrieb sie in ihrer Bewerbung für die deutsche Wahlliste. Sie wisse, »was es heißt, wenn Grenzen Menschen trennen«.

Martin Schirdewan, Linke

Der 43-jährige Berliner sitzt bereits seit 2017 im EU-Parlament. Dort ist er zuständig für Wirtschafts- und Währungsfragen, beschäftigt sich mit Finanzkriminalität und Steuerhinterziehung. Der promovierte Politikwissenschaftler ist auch Mitglied im Parteivorstand der Linken. Für eine humane Flüchtlingspolitik sowie gegen rechts setzt er sich auch außerparlamentarisch ein. Politik liegt Schirdewan im Blut: Sein Großvater Karl Schirdewan war Politiker in der DDR. Zwischenzeitlich galt er als zweiter Mann hinter Walter Ulbricht, stand diesem aber kritisch gegenüber, trat für ein vereinigtes Deutschland ein und wurde aus der SED ausgeschlossen.

Nicola Beer, FDP

In ihrer kurzen Berliner Zeit spiegelt sich das Faible von Nicola Beer für Europa auf den ersten Blick nicht wider - in ihrem Lebenslauf schon. Die erst 2017 in den Bundestag gekommene Juristin sitzt hier im Bildungs- und im Kulturausschuss. Von 2009 bis 2012 war die heute 49-Jährige aber in der hessischen Landesregierung Staatssekretärin für Europaangelegenheiten. In dieser Zeit saß sie auch im Europäischen Ausschuss der Regionen, einem beratenden Gremium der EU. Dass Beer 1989 in Frankfurt ein deutsch-französisches Abitur gemacht hat, kann in Brüssel und Straßburg nicht schaden. Ein »politisches Schwergewicht« nannte Parteichef Christian Lindner die Mutter von zwei Kindern. Das muss Beer noch unter Beweis stellen: Bei der Europawahl 2014 holte die FDP nur drei Sitze.

Jörg Meuthen, AfD

Seinen Aufstieg an die Spitze der AfD hat Jörg Meuthen (57) dem Aufstand gegen Parteigründer Bernd Lucke zu verdanken. Nachdem Frauke Petry und ihre Verbündeten Lucke 2015 auf einem Parteitag kaltgestellt hatten, wurde für den Co-Vorsitz ein Vertreter des wirtschaftsliberalen Parteiflügels gesucht. Da griff er zu. 2016 bis 2018 rückte Meuthen näher an den rechtsnationalen Parteiflügel um den Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke heran. Meuthen besuchte ein Treffen der »Flügel«-Leute, schimpfte auf das »links-rot-grün verseuchte 68er-Deutschland« und sagte, er sehe in seiner Heimatstadt »nur noch vereinzelt Deutsche«. Im Februar zog er eine Grenze, als er auf einem Parteitag betonte, antisemitische und rassistische Positionen hätten in der AfD nichts verloren. Ärger bereitet ihm eine von der AfD nicht als Spende deklarierte Werbekampagne für seinen Landtagswahlkampf 2016, die von der Bundestagsverwaltung als illegal eingestuft wird. Meuthen hat fünf Kinder, ist in dritter Ehe verheiratet.



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