14. November 2017, 21:53 Uhr

Der Schock bleibt

14. November 2017, 21:53 Uhr

An die Selbstverbrennung von Piotr S. vor dem Warschauer Kulturpalast erinnern einen Monat nach der Tat noch einige Dutzend davor aufgestellte Grablichter. »Wacht auf, es ist noch nicht zu spät«, hat jemand auf die grauen Stufen an jene Stelle geschrieben, an der sich der 54-jährige Pole im Oktober selbst angezündet hatte – aus Sicht vieler Oppositioneller als Zeichen des Protests gegen die umstrittene Regierung. Bei dem auf die Stufen geschriebenen Satz soll es sich um ein Zitat aus seiner am Tatort hinterlassenen Abschiedsbotschaft handeln.

Demnach sah Piotr S., der an seinen Verbrennungen starb und am Dienstag in Krakau bestattet wurde, die Bürgerrechte der Polen durch die mit absoluter Mehrheit regierende Partei Recht und Gerechtigkeit PiS bedroht. Die Partei müsse umgehend gestoppt werden, forderte der Familienvater aus der südpolnischen Stadt Niepolomice Berichten zufolge. »Bevor sie dieses Land völlig zerstört und uns der Freiheit beraubt haben.«

Bei klarem Verstand

Regierungsanhänger zweifeln jedoch die psychische Stabilität des Mannes an. Sie heben hervor, dass Piotr S. an Depressionen gelitten habe. Doch laut seinen Angehörigen plante er die Tat bei klarem Verstand. »Er stand mit beiden Beinen fest im Leben«, sagen sie über den Mann, der sein Leben wegen seiner Unzufriedenheit über die Regierung geopfert haben soll. Polens Nationalkonservative stehen wegen rechtsstaatsgefährdender Reformen in der Kritik. Durch staatliche Eingriffe sei die Unabhängigkeit der Justiz gefährdet, warnt die EU-Kommission und droht Polen mit Sanktionen. Amnesty International warf den Regierenden vor, friedliche Demonstranten mit Überwachung und Drohungen unter Druck zu setzen. Medienorganisationen sehen die Pressefreiheit wegen Regierungspropaganda und Zensur in Gefahr.

Viele sind überfordert

Die Selbstverbrennung wurde in Polen so von manchen Kritikern mit Protesten gegen das kommunistische Regime im einstigen Ostblock verglichen: Im Widerstand gegen die sowjetische Besatzung der Tschechoslowakei zündete sich 1968 der Pole Ryszard Siwiec in einem Warschauer Stadion an, 1969 verbrannte sich der Prager Student Jan Palach.

Dass Polens gegenwärtige politische Situation Piotr S. dazu gebracht haben könnte, sich zu töten, schockiert viele Menschen. »Es hat uns gelähmt, weil wir es nicht verstehen können«, erläutert die Psychologin Joanna Chmura. Die offenbar extremen Gefühle des Mannes seien für viele nicht nachvollziehbar. Viele seien überfordert und würden sich schweigend distanzieren.

Polens Regierung sieht die Schuld am Tod des Mannes dagegen bei ihren Gegnern. Piotr S. sei Opfer oppositioneller Propaganda geworden und habe von Kritikern verbreitete Unwahrheiten über die PiS geglaubt, sagt Innenminister Mariusz Blaszczak.

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