25. Mai 2017, 22:17 Uhr

Unbequemer Karlspreisträger

Der Europa die Leviten liest

25. Mai 2017, 22:17 Uhr
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Von DPA
Karlspreisträger Timothy Garton Ash in Aachen. (Foto. dpa)

Die unbequeme Wahrheit kommt unerwartet: Nach 72 Jahren sei die große Krise des europäischen Projekts einfach überfällig. »Zweifellos verbinden sich die zahlreichen Krisen, mit denen verschiedene Teile Europas heute zu kämpfen haben, zu einer existenziellen Krise des gesamten europäischen Projektes«, sagt Timothy Garton Ash gestern im Krönungssaal des Aachener Rathauses.

Er ist der Mann, den Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Europas Zeugen, Chronisten und Gefährten gewürdigt hat – einer, der wie kein anderer Europas Wachsen und Werden in vier Jahrzehnten erlebt, erforscht und beschrieben habe. Garton Ash hat den Karlspreis erhalten für sein Werk zum Selbstverständnis eines freien Europas.

Nicht selbstverständlich

Als Historiker habe er die Aufgabe, Ursachen der Krise auszumachen und Schwachstellen zu benennen, »die nationalistische Populisten ausnutzen«, sagt Garton Ash und nennt Beispiele: Trotz der Kontrollfunktion des Europaparlaments fühlten sich die meisten Europäer nicht ausreichend vertreten. Ausmaß und Tempo der Zuwanderung sei für viele Gesellschaften ein Problem. Der Euro, als Katalysator der Einigung gedacht, reiße Gräben zwischen dem Norden und Süden Europas auf.

Die Politik müsse immer ein Gefühl von »Wir schaffen das« vermitteln, sagt der britische Wissenschaftler. »Der Intellektuelle muss die Wahrheit aussprechen, dass kein Imperium, kein Staatenbund, kein Bündnis und keine Gemeinschaft auf Erden je ewig währte, und das wird auch im Fall der Europäischen Union nicht anders sein.« Aufgabe der Politik sei es, das »beispiellose, freiwillige, friedliche Imperium« so lange wie möglich zu erhalten.

Aber wie macht man das? Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es eine Generation, die weitgehend ohne traumatische Erfahrung durch Krieg, Besatzung oder Holocaust heranwächst und für die Europa selbstverständlich ist, wie Garton Ash sagt: »Wir müssen dieser Generation irgendwie vermitteln, dass das, was sie heute als normal betrachten, historisch gesehen zutiefst abnormal ist.«

Er erzählt davon, dass er in seiner Heimat noch nie so viel »Pro-Europäertum« erlebt hat wie nach der Entscheidung für den Austritt Großbritanniens aus der EU. »Mit der EU-Mitgliedschaft ist es wie mit der Gesundheit: Man weiß sie erst dann richtig zu schätzen, wenn sie verloren geht.«

Immerwährender Prozess

Diesen schonungslosen Blick des Historikers versteht Bundespräsident Steinmeier nicht nur als Analyse, sondern auch als Appell an Europas Regierungen: »Schaut auf das Kostbare, was Europa erreicht hat – verspielt es nicht und überwindet die Krise!«. Es habe immer diese beiden Seiten Europas gegeben, die Realität und das Ideal – wobei die Realität mit Institutionen, der mühsamen Suche nach Kompromissen in der Wahrnehmung überwiege. Die Glanzlichter auf dem langen Weg der europäischen Einigung verblassten. Für den Historiker Garton Ash wird Europa ein immerwährender Prozess sein: »Wir wollen, dass die Menschen in Europa Freiheit, Frieden, Würde, Rechtsstaatlichkeit, angemessenen Wohlstand und soziale Sicherheit genießen.« Aber es werde nie der Augenblick kommen, in dem Europa fertig sei.



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