16. September 2016, 12:00 Uhr

Begehrter Orden

(dpa). Den Bergmann Franz Brandl kann man einen Helden nennen. Als im November 1950 Wasser in das hessische Kupferbergwerk Sontra einbricht, rettet er in 300 Metern Tiefe zwei Männern das Leben und riskiert dafür sein eigenes. Der aus dem heutigen Tschechien stammende Ex-Soldat geht in die Geschichtsbücher ein als erster Träger des 1951 gestifteten Bundesverdienstkreuzes am Bande. Bundespräsident Theodor Heuss verleiht es ihm am 19. September 1951, am Montag jährt sich dieser Tag zum 65. Mal
16. September 2016, 12:00 Uhr

Brandl (1926–2008) ist einer von inzwischen mehr als 254 000 Trägern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, wie die Auszeichnung offiziell heißt. Nach 1951 bricht eine regelrechte Ordens-lawine über die Deutschen herein. Spitzenjahr ist 1993 mit 7265 Verleihungen. Seitdem wurden es immer weniger: 1404 Menschen bekamen die Auszeichnung vergangenes Jahr. Wer hat entschieden, dass es zu viele waren? Roman Herzog, der 1994 ins Schloss Bellevue einzog?
So richtig beantwortet das Bundespräsidialamt die Frage nicht. »Bis in die 1990er-Jahre wurden häufig Leistungen ausgezeichnet, die im Bereich der politischen, der wirtschaftlich-sozialen und der geistigen Arbeit »dem Wiederaufbau des Vaterlandes« dienten«, teilt eine Sprecherin mit. So sei es im Erlass von 1951 formuliert. Daher seien damals sicherlich mehr Unternehmer, Vorstandsvorsitzende oder auch Beamte ausgezeichnet worden als heute. Eine andere Erklärung hat Knut Bergmann, der für das Institut der deutschen Wirtschaft Köln arbeitet. Für Orden und Ehrenzeichen gelte eigentlich der Grundsatz von Angebot und Nachfrage: »Wenn sie inflationär vergeben werden, verlieren sie an Wert.«
Aber Heuss habe eine Möglichkeit erkannt, die Bande zwischen der noch jungen Bundesrepublik und ihren Bürgern zu stärken. Auch mit der Auswahl der Ordensträger hat Bergmann sich beschäftigt. Es würden oft die »üblichen Verdächtigen« aus dem Bürgertum ausgezeichnet, kritisierte er bereits 2014 in einem Aufsatz.
Unter den Ordensträgern sind viele, die bereits eine ganze Sammlung von Ehrungen haben. Und prominente Namen: Moderatorin Carmen Nebel, der kürzlich gestorbene Schauspieler Götz George, Opernstar Jonas Kaufmann, Schlagersängerin Andrea Berg. Und die Queen. Wer nicht als Staatsoberhaupt oder Promi, sondern als normaler verdienter Bürger ausgezeichnet wird, bekommt meist eine Verdienstmedaille oder das Verdienstkreuz am Bande. »Die ehrenamtliche Tätigkeit muss mit großem persönlichem Einsatz unter Zurückstellung eigener Interessen längere Zeit ausgeübt worden sein«, heißt es in der Handreichung dazu. Aber auch mit herausragenden Einzeltaten kann man sich den Orden verdienen – wie Bergmann Brandl.
Die Ordenskanzlei kann sich mit ihrer Auswahl reichlich Ärger einhandeln. Als 2012 die FIFA-Korruptionsaffäre ans Licht kam, wollten Politiker dem Präsidenten des Weltfußballverbands, Sepp Blatter, sein Verdienstkreuz aberkennen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) persönlich hatte ihm 2006 das Abzeichen ans Jackett geheftet. Der Staat kann seine Würdigung natürlich wieder zurücknehmen – in der Regel, wenn jemand rechtskräftig zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Wie oft das schon geschehen ist, teilt das Präsidialamt aber nicht mit. Eines werde der Staat mit seinen Orden nie schaffen: »Gerechtigkeit herzustellen«, resümiert Bergmann. Nicht jeder Ausgezeichnete hat den Orden verdient, und nicht jeder, der einen verdient hat, bekommt ihn. “ Wenn sie inflationär vergeben werden, verlieren sie an Wert „

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