07. Juli 2017, 22:28 Uhr

Beethoven soll’s richten

Vielleicht hilft ja Beethoven. Am frühen Freitagabend, als die ersten Schlachten buchstäblich geschlagen sind, draußen, auf Hamburgs Straßen, und drinnen, beim Gipfel der großen Industrie- und Schwellenländer, bittet die Kanzlerin ihre Gäste in die neue Elbphilharmonie.
07. Juli 2017, 22:28 Uhr
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Zu Gast in Hamburg: Die Staats- und Regierungschef der G20 stellen sich gemeinsam mit ihren Partnerinnen und Partnern vor der Elbphilharmonie zu einem Gruppenfoto auf. (Foto: dpa)

Kent Nagano dirigiert dort Beethovens 9. Sinfonie, die »Ode an die Freude«, ein Bekenntnis zur Einheit in Vielfalt und seit mehr als 40 Jahren die offizielle Hymne Europas. »Alle Menschen werden Brüder«, heißt es in einer von Friedrich Schillers Textzeilen dazu – und wer will, mag darin auch eine subtile Aufforderung sehen, doch wieder etwas enger zusammenzurücken in der Welt. Menschlich. Politisch. Wirtschaftlich.

Hamburg, Messegelände. Es dauert ein paar Minuten länger als geplant, bis alle Staats- und Regierungschefs sitzen und die Kanzlerin sie mit einer kurzen Eröffnungsrede auf die großen globalen Herausforderungen vom Klimaschutz bis zum Kampf gegen den Terrorismus einstimmt, die sie hier bis Samstagnachmittag mit ihnen erörtern will. »Wir freuen uns«, hat sie zuvor noch gesagt, »in der maritimen Stadt Hamburg zu sein.« Was sich bis dahin in dieser Stadt abgespielt hat, in der sie vor knapp 63 Jahren geboren wurde, erwähnt Merkel mit keinem Wort. Die ersten Bilder aus der Gipfelrunde zeigen eine entspannte Kanzlerin im Kreise der Großen und Mächtigen, einträchtig in elegante weiße Ledersessel drapiert, mittendrin ein strahlender Donald Trump. Die Bilder, die die Welt bis dahin von diesem Treffen gesehen hat, zeigen brennende Autos, Blaulichter und Rauchfahnen über der Hansestadt.

Es brennt an vielen Ecken

Begonnen hat der erste Gipfeltag, wie der Abend zuvor zu Ende gegangen ist – mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen militanten Demonstranten und der Polizei im Hamburger Zentrum. Schwerste Krawalle, stundenlange Straßenschlachten, mehr als 160 verletzte Beamte, Dutzende von Festnahmen: Als die Polizei am Freitagmorgen noch die Bilanz der vorangegangenen Krawallnacht zieht, brennt es bereits wieder an vielen Ecken – buchstäblich. Marodierende Linksextremisten ziehen in kleinen Gruppen durch die Stadt und zünden zahlreiche Autos an. Wenig später muss die Einsatzleitung mehrere Hundertschaften Verstärkung aus dem gesamten Bundesgebiet anfordern, obwohl sie schon mehr als 19 000 Beamte aus ganz Deutschland in Hamburg zusammengezogen hat, um den Gipfel zu schützen. »Es gibt immer noch zusätzliche Alarmierungsstufen«, sagt Hamburgs Innensenator Andy Grote. »Die sind jetzt ausgelöst worden.«

Mit dem offiziellen Beginn des Treffens herrscht in einem weiten Bereich um das Messezentrum Demonstrationsverbot. Trotzdem versuchen Gipfelgegner, die Zufahrten zur großräumig abgeriegelten Sicherheitszone zu blockieren und die Delegationen der Staats- und Regierungschefs aus aller Welt an der Einfahrt zu hindern. Mit schwerem Räumgerät muss die Polizei mehrere Betonpoller entfernen, die Demonstranten auf die Straße gehievt haben. An Verkehrsknotenpunkten wie dem Berliner Tor und den Landungsbrücken am Elbufer kommt es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten, die den Ablauf des Gipfels stören wollen, und der Polizei. Immer wieder setzen die Beamten Wasserwerfer ein.

Besonders schwierig zu kontrollieren sind für die Beamten die vielen kleinen Gruppen gewaltbereiter Autonomer, die sich über die ganze Stadt ausgebreitet haben. Teilweise herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände: Im Stadtteil Altona unweit des Tagungsgeländes greifen rund 60 vermummte Gewalttäter eine Gruppe von Polizisten an, demolieren Streifenwagen und bewerfen die Ordnungshüter mit Steinen und sogenannten Polenböllern, das sind in Deutschland verbotene Knallkörpern von erheblicher Sprengkraft.

Auch ein Revier der Bundespolizei am Bahnhof Altona attackieren die militanten Gipfelgegner. Im Internet kursieren Videos, auf denen eine Gruppe Vermummter durch die Elbchaussee zieht und mit bengalischen Feuern Autos abfackelt. Andere Aufnahmen, gefilmt aus einem fahrenden Wagen, zeigen eine Allee, in der am Straßenrand zahlreiche Autos und Müllcontainer in Flammen stehen.

Merkel routiniert

Die Feuerwehr ist nirgends zu sehen. Die Polizei berichtet von Beamten, die durch Angriffe mit Stahlkugelschleudern erheblich verletzt wurden. Ein Hubschrauber sei mit einer Leuchtrakete angegriffen, aber nicht getroffen worden. Auf der anderen Seite verletzen sich elf Demonstranten schwer, als sie über eine mit einem Absperrgitter gesicherte Mauer klettern und aus vier Metern Höhe abstürzen, weil das Gitter unter ihrem Gewicht zusammenbricht.

Während die Lage in der Stadt immer unübersichtlicher wird, Polizisten mit Molotowcocktails beworfen werden und in der Innenstadt Barrikaden aus alten Fahrrädern und Mülltonnen brennen, führt Angela Merkel in der Messe routiniert Regie und bewirtet ihre Gäste mit Landhuhn, gebratenen Flusskrebsen und schwarzem Reis. Nicht von ungefähr, sagt sie, habe sie als Symbol für dieses Treffen den Kreuzknoten gewählt: »Je größer die Belastung ist, umso fester wird er.« Auch das kann man, wie die »Ode an die Freude«, als kleinen Wink mit dem diplomatischen Zaunpfahl verstehen: Mit der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten sind solche Treffen unberechenbarer geworden, umso fester sollen nun die anderen zusammenhalten, findet die Kanzlerin. Nicht nur beim Klimaschutz, auch beim Thema Handel trennen Trump und die anderen Gipfelteilnehmer Welten. »Wir sind in gehobener Kampfesstimmung«, sagt Jean Claude Juncker, der Präsident der EU-Kommission.

Beim obligatorischen Familien-foto steht Trump übrigens nicht so weit außen, weil er von den Kollegen ausgegrenzt würde. Nach dem strengen Protokoll solcher Veranstaltungen rückt ein Gipfelteilnehmer umso weiter an den Gastgeber in der Mitte heran, je länger er im Amt ist. Beim US-Präsidenten sind das erst sechs Monate, bei der Kanzlerin satte zwölf Jahre.

Trump selbst teilt der Welt schon am frühen Morgen mit, was er von diesem Tag in Hamburg erwartet. »Ich freue mich auf die Treffen mit den Weltführern heute, einschließlich des Treffens mit Wladimir Putin«, twittert er. Und fügt hinzu: »Viel zu diskutieren.« Dass Putin und er sich am Nachmittag mit ein paar Vertrauten zu einem geopolitischen Privatissimum treffen, während die Kanzlerin mit dem Rest des Gipfels gerade über den Klimaschutz diskutiert, ist natürlich ein kleiner Affront. Trump hat das globale Klimaabkommen aufgekündigt, Putin trägt es eher pflichtschuldig mit. Für beide, so scheint es, gibt es im Moment Wichtigeres zu besprechen. Die Lage in der Ukraine. Die Krise in Syrien. Der Verdacht, Russland habe sich in den amerikanischen Wahlkampf eingemischt. Das Verhältnis zwischen den Großmächten ist so schlecht wie lange nicht mehr und in den vergangenen Tagen auch nicht besser geworden, nachdem Trump Russland vor dem Abflug nach Hamburg noch »destabilisierendes Verhalten« vorgeworfen und sich demonstrativ zum Beistandspakt der NATO bekannt hat – eine diplomatische Breitseite an Putins Adresse.

Vorsichtiges Beschnuppern

Das Treffen in Hamburg ist ihr erstes überhaupt, ein vorsichtiges Beschnuppern, wenn man so will. Für einen längeren, intensiveren Austausch fehlt bei solchen Gipfeln die Zeit. Trump ist auch noch mit Theresa May verabredet, der britischen Premierministerin – und dann wartet in der Elbphilharmonie ja noch die Kanzlerin mit ihrer »Ode an die Freude«. Doch auch dort hat die Polizei am Abend große Mühe, mehreren Tausend Demonstranten den Weg zum Konzerthaus abzuschneiden. Und der berüchtigte schwarze Block mit Tausenden von vermummten, gewaltbereiten Autonomen rüstet sich bereits für die nächsten Straßenschlachten.



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