12. Oktober 2017, 21:47 Uhr

31-Jähriger klopft ans Kanzleramt

12. Oktober 2017, 21:47 Uhr

Mit beiden Händen ergreift Katica Gigovic den ausgestreckten Arm von Sebastian Kurz. »Sie sind mein Favorit. Sie sind mein Mann«, ist die 61-Jährige gebürtige Serbin ganz beseelt von der Begegnung mit dem Spitzenkandidaten der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP). Ihre ganze Familie werde den 31-Jährigen wählen. Er sei so »ambitionell«, kreiert sie ein neues Wort für jemanden mit Zielen. »Super!«, bedankt sich Kurz artig bei der Arbeiterin, die seit 33 Jahren an der Werkbank sitzt.

Kurz hat sich bisher erfolgreich als kraftvoller Veränderer positioniert, der auch in der Steuer- und Sozialpolitik vieles anders machen will. Wenige Tage vor der von den Kandidaten zur Richtungsentscheidung erklärten Parlamentswahl in Österreich am 15. Oktober läuft es rund für die ÖVP. Zur Wahl tritt sie mit frischem Look (Türkis statt Schwarz) und neuem Namen an: »Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei (ÖVP)«.

Sollte Kurz tatsächlich die Wahl gewinnen, und alle Umfragen sprechen bisher dafür, gründet sein Erfolg auf zwei Leistungen: Er hat mit großer Konsequenz seinen zuwanderungskritischen Kurs beibehalten. Und er hat die in der Öffentlichkeit ziemlich abgetakelte ÖVP praktisch über Nacht in eine schicke »Bewegung« umgewandelt. Statt alter Parteigranden rangieren auf den Top-Plätzen der Bundesliste nun politische Quereinsteiger.

Krise der Sozialdemokraten

Die Sozialdemokraten von SPÖ-Chef und Kanzler Christian Kern stecken dagegen in einer Mega-Krise. Seitdem Medien enthüllt haben, dass aus den Reihen der SPÖ eine Schmutzkampagne mittels Fake-Facebook-Seiten gegen Kurz lanciert wurde, ist das Land in Aufruhr und die SPÖ unter Dauerfeuer. Kern ging zum Gegenangriff über und unterstellte, die ÖVP sei möglicherweise zumindest zeitweise selbst in die Affäre verstrickt gewesen.

Den 51-jährigen Kern umweht eine gewisse Tragik. Der ehemalige Chef der Österreichischen Bundesbahnen – vor 17 Monaten als Hoffnungsträger für den glücklosen Werner Faymann an der Spitze der Partei sowie der Regierung aus SPÖ und ÖVP installiert – ist ein kluger, kompetenter Kopf. »Veränderung mit Verantwortung«, der SPÖ-Slogan trifft seine Grundhaltung perfekt und will die forsche Kurz-Ansage »Zeit für Neues« konterkarieren. Doch der rot-schwarze Alltag in der Regierung und zahllose Wahlkampfpannen mit dem Höhepunkt der Facebook-Affäre haben ihn sichtbar beschädigt.

Insgesamt 16 Parteien treten am kommenden Sonntag an. Sechs haben die Chance, die Vier-Prozent-Hürde zu überspringen. Neben SPÖ und ÖVP sind das die rechte FPÖ, die Grünen, die liberalen Neos und der Ex-Grüne Peter Pilz mit einer eigenen Liste.

Der Wahltag könnte für FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache den Grundstein zum ersehnten Karrieresprung auf den Job als Vizekanzler legen. Für viele scheint klar, dass die Truppe um den gelernten 48-jährigen Zahntechniker als Bündnispartner künftig gebraucht wird.

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