25. Juli 2017, 22:08 Uhr

Sightseeing bei der Queen

London macht Ferien. Touristen erkennen dies daran, dass sie sich nicht wie sonst immer vor dem Buckingham-Palast drängen müssen, um dort einen Blick auf die Bärenfellmütze eines Wachsoldaten oder gar einen hohen Gast der Queen zu erheischen.Während die Königin in der Sommerfrische ist, bietet der Palast überraschende Einblicke.
25. Juli 2017, 22:08 Uhr
SEB

Derzeit erhalten Hinz und Kunz Einlass in die ungeliebte Residenz der Queen, gegen Zahlung eines angemessenen Entgelts, versteht sich. Ihre Majestät hat sich derweil auf ihr Lieblingsschloss Windsor zurückgezogen, im August folgen herrliche Erholungswochen im schottischen Balmoral. Schauen wir also einmal nach dem Rechten, ob während der Abwesenheit der Chefin nicht vielleicht Hofdiener oder Mäuse auf den Tischen tanzen. Vielleicht sehen wir auch einen schmucken Wassereimer. Bei Starkregen tropft es gern einmal durch die Decke.

Die alten Gemäuer, zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Stadtresidenz für den Herzog von Buckingham gebaut, haben immerhin gut 300 Jahre auf dem Buckel. Königin Victoria machte den seit 1762 im royalen Besitz befindlichen Palast beim Amtsantritt 1837 zu ihrem Pied-à-terre, seufzend hält ihre Ururenkelin, 91, daran fest, allen Widrigkeiten zum Trotz. Dazuzählen Elektrokabel und Heizungsrohre aus den 1950er Jahren sowie 30 Jahre alte Warmwasserboiler. In welchem Zustand sich der zugige Palast mit seinen 775 Zimmern befindet, lässt sich an der Rechnung für die bevorstehende Renovierung ablesen: 369 Millionen Pfund (413 Millionen Euro) wird, über zehn Jahre verteilt, die Grundsanierung kosten, finanziert von den britischen Steuerzahlern.

Der öffentlich zugängliche Teil beschränkt sich auf die gut 20 repräsentativen Säle im Hauptgebäude, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom klassizistischen Architekten John Nash gestaltet wurden. Eilen wir also durch den Hof, vorbei an der Staatskutsche, die Australien seiner Königin vor 19 Jahren spendiert hat, zum Dank für die Eröffnung des neuen Parlamentsgebäudes in Canberra. Durch die Große Halle zum prunkvollen Treppenhaus, dessen gläserne Kuppel den gewaltigen Gemälden vergangener Royals Licht gibt.

Im grünen Salon beginnt die Ausstellung, die den Besuchern die gesalzenen Eintrittspreise versüßen soll. In diesem Jahr ist eine Auswahl jener Geschenke zu sehen, die Staatsgäste der Königin während ihrer 65-jährigen Amtszeit mitgebracht haben. Unter diesen etwa 250 »Royal Gifts« aus rund 100 verschiedenen Ländern befinden sich filigrane Schönheiten wie jene Lapislazuli-Schüssel, die der damalige Präsident Hamid Karzai 2007 aus Afghanistan mitbrachte. Boris Jelzin hatte 1994 einen wunderbaren Samowar im Gepäck, mit dem sich die Palastbediensteten bis heute ihren English Afternoon Tea zubereiten.

Scheußliche Gastgeschenke

Getrunken wird der Tee aber wohl kaum aus dem silbernen Set, das aus Burma (heute Myanmar) stammt – die Scheußlichkeit verstopft seit 1955 das Königsarchiv, Seite an Seite mit anderen Geschmacklosigkeiten, die in der Ausstellung das Schöne, kulturell Bedeutende bei Weitem überwiegen. Dazugehören auch das Porzellanmodell des Brandenburger Tors (2004) und das französische Porzellanpferd (2014), ganz zu schweigen von der Glasvase samt Deckel, die Österreichs Präsident Franz Jonas 1966 anschleppte. Der Preis für das peinlichste Gastgeschenk gebührt aber einem Amerikaner. Präsident John F. Kennedy war sich 1961 nicht zu schade, der Queen ein handsigniertes Foto von sich selbst zu schenken, immerhin im feinen Tiffany-Rahmen.

Zu viel Zeit sollten wir ohnehin nicht verschwenden auf die Kuriositäten aus aller Welt, schließlich gibt es im Musikzimmer noch einen Schreibtisch zu sehen. Nicht irgendeinen, versteht sich: Es handelt sich um das solide Möbelstück, an dem Prinzessin Diana (1961–97) ihre stets handgeschriebenen Dankbriefe zu verfassen pflegte. Knapp 20 Jahre nach ihrem Tod hat die glamouröse Ex-Frau des Thronfolgers Charles auf diese Weise doch noch den Buckingham-Palast erobert. Der Ausgang liegt am Ende eines hübschen Weges durch den Privatpark des Palastes. Wer will, darf auch einmal den Rasen – nein, bitte nicht betreten, aber doch befühlen. Ein Kunstwerk, auch das.

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