05. Juni 2017, 22:18 Uhr

Party nach Terroralarm

Nach dem Terroralarm bei »Rock am Ring« durchsucht die Polizei Wohnungen in Hessen. Was steckt hinter dem Verdacht des vorbereiteten »Explosionsverbrechens«? Die Rockfans lassen sich die Stimmung nicht vermiesen.
05. Juni 2017, 22:18 Uhr
Dickes Lob vom Frontmann. Sänger Campino von den Toten Hosen beim Auftritt am Samstagabend. Die »Ringrocker« nahmen die Unterbrechung gelassen und waren am Morgen schon wieder in Feierlaune. (Fotos: dpa)

Unbeeindruckt vom Terroralarm haben Zehntausende Musikfans beim Festival »Rock am Ring« gefeiert, getanzt und gesungen. Während das dreitägige Festival mit rund 87 000 Besuchern in vollem Gange war, ermittelte die Polizei gegen drei Männer und durchsuchte deren Wohnungen in Hessen. Es gab Unstimmigkeiten zwischen den Personen und den Namen auf ihren Zugangsausweisen für sicherheitsrelevante Bereiche. Deswegen war das Festivalgelände am Freitag in einer bislang beispiellosen Evakuierung geräumt worden.

Nach der Fortführung von »Rock am Ring« am Samstag habe es bis zum Abschluss am Sonntagabend keine größeren Vorfälle mehr gegeben, sagte ein Sprecher der Befehlsstelle am Nürburgring gestern. Das Festival war in diesem Jahr zu seinem Ursprung an die legendäre Rennstrecke in der Eifel zurückgekehrt. Die Band Rammstein, deren Auftritt wegen des Terroralarms bei »Rock am Ring« ausfiel, äußerte sich beim Schwesterfestival »Rock im Park« am Sonntagabend nicht zu dem Vorfall.

Veranstalter Marek Lieberberg hält derweil eine intensive Diskussion über die Verteidigung freiheitlicher Werte und den Umgang mit Drohungen für notwendig. »Angriffe auf Musikveranstaltungen und ihre Zuschauer sind Angriffe auf unsere Zivilisation und unsere Art zu leben«, erklärte Lieberberg am Sonntag kurz vor Abschluss der dreitägigen Veranstaltung. »Alle gesellschaftlichen Kräfte – und zwar unabhängig von Nationalität, Herkunft, Religion oder Weltanschauung – sind aufgerufen, einer solchen Bedrohung eindeutig entgegenzutreten.«

Kein konkreter Tatverdacht

Ob bei den Wohnungsdurchsuchungen in Hessen gefährliche Gegenstände oder Waffen gefunden wurden, wollte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Koblenz nicht sagen. Das Nachrichtenportal »Osthessen News« hatte über einen SEK-Einsatz in Fulda bei einem Freund eines Verdächtigen berichtet. Festnahmen habe es dort nicht gegeben. Gegen die drei Männer wurde ein Ermittlungsverfahren wegen der Vorbereitung eines »Explosionsverbrechens« eingeleitet. Die Polizei machte dazu keine näheren Angaben. Die Männer wurden vorläufig festgenommen und sind seit Samstagmorgen wieder auf freiem Fuß. Einen konkreten Tatverdacht gibt es laut Polizei derzeit aber nicht. Über mindestens einen der Verdächtigen lägen allerdings »deutliche Erkenntnisse im Bereich des islamistisch geprägten Terrorismus« vor.

Bei beiden Festivals lobten die Sicherheitsbehörden ausdrücklich das besonnene und friedliche Verhalten der Besucher. Enormen Eindruck hatten die vorwiegend jungen Fans bei »Rock am Ring« während der Evakuierung hinterlassen. Sie verließen das riesige Areal ruhig und zügig, von Massenpanik keine Spur.

Von Nervosität unter den »Ringrockern« war auch danach nichts zu spüren. Die Stimmung vor allem beim Auftritt der Toten Hosen am Samstagabend war so ausgelassen, wie man sie von früheren Festivals kannte. Pünktlich zum Auftritt der Band fing es an zu gießen. Frontmann Campino findet gleich zu Beginn die richtigen Worte, um der Menge einzuheizen. Er lobte die Menge für ihr besonnenes Verhalten am Vorabend. »Ihr wart absolut großartig, Leute, da könnt ihr euch was drauf einbilden« Nach knapp zwei Stunden endete der Auftritt der Band kurz vor 1 Uhr mit Konfettiregen – und »You’ll Never Walk Alone« als Zugabe. Es war rund 28 Stunden her, dass Besucher diese Hymne erstmals angestimmt hatten – kurz nach dem Terroralarm. Jetzt sangen Zehntausende mit und skandierten trotzig: »Wir sind der Ring! Wir sind der Ring!« Regen hin, Terrorangst her: Die Festivalbesucher wollten sich den Schneid nicht abkaufen lassen.

Mit einer emotionalen Erklärung hatte Veranstalter Lieberberg am Freitagabend für Diskussionen gesorgt: »Es muss jetzt Schluss sein – with: This is not my islam and this is not my shit (Das ist nicht mein Islam und nicht mein Scheiß.) Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen die Gewalttäter richten. Ich hab’ bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich?«

Lieberberg verteidigt sich

Er verlangte, dass »etwas geschieht, dass Gefährder beispielsweise auch festgenommen werden« und sagte: »Wir zahlen den Preis für den Skandal um Amri.« Für diese Äußerung wurde er kritisiert, erhielt aber auch Lob etwa von der AfD.

Lieberberg verwahrte sich jedoch gegen jegliche Versuche einer Vereinnahmung. In einer Erklärung am Sonntag betonte er, dass sich seine Aussage nicht »gegen die große Mehrheit friedlicher Menschen – egal welcher Couleur« gerichtet habe. »Die Zeiten erfordern es allerdings, dass wir – und zwar wir alle – uns deutlich positionieren und wehrhaft zeigen gegen jegliche Art von Gewalt und Fanatismus.«

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