27. Juni 2017, 22:05 Uhr

Nicht beachtet

Wie war dein Tag? Nach einer Umfrage unter Kindern und Jugendlichen in den drei deutschen Städten Berlin, Leipzig und Köln ist diese Frage von Mama und Papa nicht selbstverständlich – vieles andere auch nicht.
27. Juni 2017, 22:05 Uhr

Fast jedes dritte Kind fühlt sich nach einer Studie in drei deutschen Großstädten von seinen Eltern zu wenig beachtet. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung, die gestern in Berlin vorgestellt wurde. Geschulte Studenten haben dafür im Sommer 2016 etwa 1000 Kinder und Teenager im Alter zwischen sechs und 16 Jahren interviewt.

»Sie wollen wissen, wo ich bin. Aber was ich mache, das interessiert sie nicht«, erzählte ein Grundschulkind den Interviewern über seine Eltern. »Wir gucken Fernsehen, aber sonst machen wir eigentlich nichts zusammen«, antwortete ein anderes Kind. Rund 30 Prozent der befragten Kinder sagten, dass sich ihre Eltern nicht für sie interessieren – zehn Prozent von ihnen fühlten sich überhaupt nicht beachtet. Im Ergebnis sagt nur jedes zweite unzufriedene Kind Vater oder Mutter, wenn es vor etwas Angst hat oder Kummer, ergab die Befragung.

Die Wissenschaftler sehen in ihrer Studie ernst zunehmende Trends. »Rund zehn Prozent der Familien sind im sozialen Sinn gar keine«, urteilt der Bielefelder Sozialpädagoge Holger Ziegler, wissenschaftlicher Leiter der Untersuchung. »Sie sind wie Zweckgemeinschaften, in denen zwei Generationen zusammenleben. Die materiellen Bedürfnisse werden oft erfüllt, die emotionalen aber eher nicht.« Für Ziegler ist das fatal. »Nicht vorhandene Achtsamkeit ist für die Entwicklung von Kindern so gravierend wie ein Leben in Armut«, findet er.

Momentaufnahme

Die Untersuchung unter dem Titel »Achtsamkeit in Deutschland – Kommen unsere Kinder zu kurz?« basiert auf persönlichen Befragungen von Jungen und Mädchen. Repräsentativ für Deutschland ist die Studie durch die Beschränkung auf die Großstädte Berlin, Leipzig und Köln für Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der nicht daran beteiligt war, jedoch nicht. »Es ist eine Momentaufnahme« schränkt er ein. Als zentrales Ergebnis der Untersuchung vermisst ein Fünftel der unzufriedenen Kinder Sicherheit und Geborgenheit im Elternhaus. Bei den Jugendlichen fühlt sich sogar fast die Hälfte (46 Prozent) nicht geborgen. Als Folge sieht Ziegler bei ihnen Defizite beim Selbstbewusstsein und Vertrauen, aber auch weniger Einfühlungsvermögen und Lebenszufriedenheit.

Die Studie zeigt aber auch: Die große Mehrheit der befragten Mädchen und Jungen ist mit der Beachtung durch ihre Eltern zufrieden. 69 Prozent der Kinder und 83 Prozent der Jugendlichen waren der Meinung, dass Mutter und Vater ihnen genügend Aufmerksamkeit schenken. Auffällig für Forscher Ziegler war dabei, dass dieses Wohlfühlen in der eigenen Familie weder vom Bildungsgrad der Eltern noch von ihrer sozialen Lage abhing.

Auch ausländische Wurzeln spielten keine Rolle, sagt der Wissenschaftler. Und Kinder von Alleinerziehenden waren mit der Beachtung ihrer Wünsche, Sorgen und Nöte sogar noch zufriedener als Altersgenossen, die mit Mutter und Vater aufwachsen – 80 Prozent gegenüber 71 Prozent.

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