27. Mai 2019, 20:45 Uhr

Mörder im Glaskasten

27. Mai 2019, 20:45 Uhr
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Von DPA
Öffentlich ausgestellte Leichname sind in thailändischen Museen keine Seltenheit. Im Fall von Si Quey könnte sich das nun ändern. (Foto: dpa)

Bangkok (dpa). Den Namen Si Quey kennt in Thailand jedes Kind. Ein böser Mann aus China, ein Serienmörder angeblich, ein Menschenfresser sogar. »Geh nicht raus, wenn es dunkel ist. Sonst holt dich Si Quey«, sagen Eltern hier seit Generationen. Das ist, mit Verlaub, natürlich völliger Unsinn. Der Mann ist seit bald 60 Jahren tot, hingerichtet am 17. September 1959 von einem Erschießungskommando. Sein Leichnam, einbalsamiert mit Paraffin, steht in einem fest verschlossenen Glaskasten in Bangkoks ältestem und größten Krankenhaus. Gegen 200 Baht Eintritt (5,60 Euro) kann ihn dort jeder sehen.

Genau deshalb gibt es nun Streit. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat es niemanden groß gestört, dass in der Siriraj-Klinik, wo sich auch die Königsfamilie behandeln lässt, die Leiche eines hingerichteten Mörders zur Schau gestellt wird - mit dem Zusatz »Si Quey (ein Kannibale)«. Aber jetzt finden viele Thais, dass das nicht mehr in die Zeit passt. Mehr als 10 000 Leute haben eine Petition unterschrieben, damit der Tote endlich seine Ruhe bekommt.

In Gang gesetzt wurde die Bewegung von Pharaoh Chakpatranon, der Mitte Mai ein Foto des Toten auf Twitter veröffentlichte und »Gerechtigkeit« verlangte. Auch Verbrecher hätten nach dem Tod Respekt verdient. »Wir müssen uns die Menschenwürde bewahren.« Zudem zweifelt Pharaoh, dass der Chinese alle Morde begangen hat, die ihm zur Last gelegt werden, und wirklich Kannibale war. Si Quey sei »Opfer einer Gesellschaft, aufgrund von unbestätigten Gerüchten, aufgebauscht von den Medien«.

Tatsächlich ist der Fall nicht so klar, wie die meisten vermuten. Der Chinese, Jahrgang 1927, war nach dem Zweiten Weltkrieg als Einwanderer nach Thailand gekommen. In der Stadt Noen Phra, 200 Kilometer südlich von Bangkok, fand er schließlich eine Arbeit als Gärtner. Dort wurde er 1958 ertappt, wie er die Leiche eines Achtjährigen verbrennen wollte. Der 31-Jährige gab zu, den Jungen getötet zu haben. Und auch, Herz, Leber und Nieren herausgenommen zu haben, um sie später zu essen. Der Fall machte Schlagzeilen im ganzen Land. Im Lauf der Verhöre gestand der Chinese fünf weitere Kindermorde in verschiedenen thailändischen Städten.

Der Prozess dauerte nur neun Tage. Das Gericht verurteilte ihn zu lebenslang - auch, weil er sich schuldig bekannt hatte. Das Berufungsverfahren endete dann aber mit der Todesstrafe. Erst später kamen Zweifel auf, ob der chinesische Gärtner wirklich in allen Fällen der Täter gewesen sein konnte, Prozessfehler wurden nicht mehr ausgeschlossen. Nach der Exekution wurde der Leichnam der Wissenschaft zur Verfügung gestellt - wie in anderen Ländern auch. Anschließend wurde der Tote einbalsamiert und ins Museum gebracht.

Im Fall von Si Quey scheint sich die Stimmung nun zu wandeln: Die Klinik hat angekündigt, die Angelegenheit zu prüfen.



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