19. November 2018, 19:53 Uhr

Mit 20 auf den Schrott?

19. November 2018, 19:53 Uhr
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Von DPA

Technikfehler, ein Leck und ein Beinahe-Crash: Die Raumstation ISS kämpft kurz vor ihrem 20. Geburtstag mit großen Problemen. Wie lange hält die Station noch durch?

Von Claudia Thaler, Julia Naue und Christina Horsten

Die Internationale Raumstation ISS hat schwere Monate hinter sich. Immer wieder geriet die Weltraum-WG rund 400 Kilometer über der Erde in den vergangenen Monaten in unrühmliche Schlagzeilen. Dabei hat die Mannschaft um den deutschen Astronauten Alexander Gerst eigentlich Grund zum Feiern: Die ISS wird 20 Jahre alt. Möglicherweise erlebt sie aber gerade ihre letzte Lebensphase. Am 20. November 1998 wurde das erste russische Modul »Sarja« (Morgenröte) ins All geschossen. Seither ist die ISS immer weiter gewachsen, inzwischen ist sie etwa so groß wie ein Fußballfeld und technisch vielfältig ausgerüstet. »Die komplexeste, wertvollste und unwahrscheinlichste Maschine, die die Menschheit jemals gebaut hat«, nennt Gerst seinen derzeitigen Wohn- und Arbeitsort via Twitter-Botschaft. Seit dem Jahr 2000 forschen ohne Unterbrechung Raumfahrer im Weltraumlabor. Gerst ist bereits zum zweiten Mal dort.

Es war US-Präsident Ronald Reagan, der am 25. Januar 1984 die US-Raumfahrtagentur NASA mit der Entwicklung einer bemannten Raumstation beauftragte. Bald schon warben die Amerikaner bei den Europäern um Teilhabe – auch um zu verhindern, dass dort an einer eigenen Station getüftelt wird. Mit dem Ende der Sowjetunion 1990 entstand die ebenfalls nicht ganz selbstlose Idee, die Russen mit ins Boot zu holen. Eine Kooperation mit unzähligen Vorteilen etwa für die Völkerverständigung nach dem Kalten Krieg – aber auch Nachteilen. So wurde die Station größer als eigentlich geplant.

Die meisten Bauteile stammen aus den USA und Russland. Mit dem in Bremen und Turin (Italien) gebauten Forschungslabor »Columbus« erhielt das Haus im Orbit 2008 auch ein europäisches Zimmer. Mit einer gemütlichen Herberge ist der Koloss nicht vergleichbar. Bei voller Besetzung gibt es kaum Privatsphäre, die speziell vorbereiteten Mahlzeiten kommen aus der Tüte. Waschmöglichkeiten zwischen Kabeln und Computern sind zwar spektakulär, das Prozedere ist aber mühselig, wie die Raumfahrer immer wieder dokumentieren. Viel Arbeitszeit muss für die Wartung von Geräten und zum Putzen aufgewendet werden.

Vor allem wegen der Lüftungsventilatoren ist es zudem fortwährend sehr laut, wie der US-Astronaut Scott Kelly in seinem kürzlich erschienenen Buch »Endurance« schreibt. Die ISS rieche vor allem nach den Ausgasungen der Geräte und sonstigen Einrichtungen, »die wir auf der Erde als ›Neuwagengeruch‹ bezeichnen«. Hinzukomme der Körpergeruch und der des Abfalls, der zwar möglichst hermetisch isoliert, aber eben nur alle paar Monate entsorgt werde.

Über den Zustand der ISS gibt es zurzeit viele Spekulationen, auch weil die NASA und die russischen Kollegen von Roskosmos nur spärliche Informationen dazu geben. Die ISS dürfte trotz vieler Nachrüstungen über die Jahre ziemlich gelitten haben. Auch äußerlich: Einschläge verursachen immer wieder kleine Krater. Einige Male musste die ISS Weltraumschrott ausweichen und deswegen kurzfristig ihren Kurs ändern. Einmal durchschlug ein winziger Splitter ein Sonnensegel.

Vorfälle wie dieser brachten die Crew bisher noch nie in ernsthafte Gefahr. Konsequenzen für die Zukunft der ISS könnten aber zwei Notfälle haben, die noch immer nicht im Detail geklärt sind: Seit im Sommer ein kleines Leck in der russischen »Sojus«-Kapsel einen Druckabfall in der ISS auslöste, kursieren wilde Spekulationen über die Ursache. War es Pfusch, Sabotage oder einfach ein Unglück? Wenige Wochen später kam es erneut zu einem ernsthaften Zwischenfall: Ein Raketenfehlstart mit zwei Raumfahrern an Bord endete zwar glimpflich, brachte aber den ganzen Zeitplan von Gersts Mission durcheinander.

Kritiker bezeichnen die ISS gerne als das teuerste Gebäude der Welt – die Gesamtkosten seit 1998 liegen nach Schätzungen bei weit über 100 Milliarden US-Dollar (über 87 Mrd. Euro). Die Europäische Weltraumorganisation ESA gibt an, bisher zehn Milliarden Euro in die ISS investiert zu haben. Bislang ist der Betrieb des Raumlabors bis 2024 gesichert. Die ESA hält es für möglich, dass die Mitgliedsstaaten das Projekt bis 2028 verlängern. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump allerdings strebt bei der ISS einen Schnitt an und will eine Privatisierung vorantreiben.



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