02. Juni 2017, 23:44 Uhr

Mehr erstaunt als geschockt

Das Festival »Rock am Ring« ist nur wenige Stunden alt, als es wegen Terror- gefahr unterbrochen wird. Schlimme Erinnerungen an den Anschlag von Manchester werden wach. Doch die Konzertbesucher reagieren besonnen.
02. Juni 2017, 23:44 Uhr

Der Auftritt der Band Rammstein sollte den ersten Höhepunkt auf dem diesjährigen »Rock am Ring Festival« setzen. Doch dann machen am Freitagabend gegen 21 Uhr Lautsprecherdurchsagen die Vorfreude Zehntausender Fans jäh zunichte. »Aufgrund einer akuten terroristischen Gefährdung wird das Festival für heute abgebrochen. Wir hoffen, dass es morgen weitergeht. Bitte begebt euch zu den Ausgängen. Eure Schutzengel«, hören die Fans auf dem Festivalgelände in der Eifel.

Eher erstaunt als geschockt reagieren die Festivalbesucher. Keine Pfiffe sind zu hören. Ruhig bewegen sich die Massen zu den Ausgängen. Bereits eine halbe Stunde später ist das Gelände geräumt, wie Veranstalter Marek Lieberberg berichtet. »Unser Publikum hat fantastisch reagiert.« Knapp 90 000 zumeist junge Menschen wurden erwartet, das dreitägige Festival war ausverkauft.

Laute Gesänge nach dem Abbruch

Was genau diese terroristische Bedrohungslage auslöste, bleibt zunächst unklar. Als Lieberberg, ein erfahrener Musikpromoter und seit Jahrzehnten ein Schwergewicht in der Branche, vor die Presse tritt, ist er sichtlich aufgebracht. Er spricht von Vermutungen, dass Leute, die mit dem Aufstellen von Zäunen beschäftigt waren, verdächtig seien. Und dass diese Information in die Medien durchgesickert sei. »Ich fühle mich entsetzlich leer und ausgepowert«, sagt Lieberberg. »Ist das das Ergebnis unserer wehrhaften Demokratie? Was wird als nächstes abgesagt?«

Die Polizei hält sich dagegen komplett bedeckt – sie will zunächst auch nichts dazu sagen, ob das Festival am heutigen Samstag fortgesetzt werden kann. »Es gibt kein zeitliches Gerüst, wann wir das Gelände wieder freigeben.«

Der Anschlag auf ein Konzert in Manchester am 22. Mai, als sich ein Attentäter im Eingangsbereich in die Luft sprengte und 22 Menschen mit in den Tod riss, hat auch in Deutschland die Konzertbranche noch einmal aufgeschreckt. Die Terrorgefahr war zwar allgegenwärtig, aber das Attentat verdeutlichte noch einmal, dass es keine absolute Sicherheit geben kann.

Auch für das Festival »Rock am Ring« waren deshalb die Sicherheitsbedingungen noch einmal auf den Prüfstand gestellt worden. Gründliche Einlasskontrollen waren angekündigt, die Polizei mobilisierte mehr als 1200 Beamte, die für die Sicherheit der Festivalbesucher sorgen sollen. Es ist nicht das erste Mal, dass »Rock am Ring« unterbrochen werden musste, zuletzt wurde das Festival 2016 wegen Blitzschlägen und zahlreichen Verletzten nach dem zweiten Tag abgebrochen. Doch eine Unterbrechung wegen Terrorgefahr gab es noch nie – in dieser Größenordnung womöglich noch nie in Deutschland.

Am Abend, nach dem Abbruch, kursieren über den Kurznachrichtendienst Twitter Videos, die singende Rockfans zeigen, die ganz offensichtlich auf dem Weg in ihre Zelte und Unterkünfte sind. Laute Gesänge sind zu hören: »Eins kann mir keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben«, tönen die Zeilen der Band Geier Sturzflug. Vielleicht geht es ja am heutigen Samstag weiter. Das Festivalgelände werde genau untersucht, sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD), der selbst vor Ort war, der Deutschen Presse-Agentur. »Es gibt ein paar Punkte, auf die sich konzentriert wird«, sagte Lewentz. Für heute sei eine Lageeinschätzung geplant, um 11 Uhr solle die Öffentlichkeit informiert werden, wie es bei dem bis Sonntag geplanten Festival weitergeht.

Beim parallel in Nürnberg stattfindenden Zwillingsfestival »Rock im Park« gingen die Konzerte am Freitagabend weiter. Dort treten dieselben Bands in anderer Reihenfolge auf. »Es gibt keine konkrete Gefährdungslage«, sagte ein Sprecher des Veranstalters am Abend. Kurz nach der Unterbrechung von »Rock am Ring« startete in Nürnberg das nächste Konzert der Toten Hosen – die Fans ließen sich in ihrer Feierlaune nicht beirren.

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