Aus aller welt

»Ihr Untermenschen« Manifest gegen Verrohung der Wortwahl

München (dpa). Auch nach 40 Jahren im Schuldienst hat die Lehrerin so etwas noch nicht erlebt. Als sie eines morgens zur Arbeit in einem kleinen Ort irgendwo in Bayern kommt, liest sie am Eingang zur Dorfschule eine Schmiererei: »Drecksschule! Fickt euch, ihr Lehrergesindel, ihr Untermenschen.« Ein Einzelfall sei das nicht – ganz im Gegenteil, sagt die Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes BLLV, Simone Fleischmann, die aus einer E-Mail der Lehrerin zitiert.
08. September 2016, 12:00 Uhr
Rüdiger Geis
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Die Sprachkultur verroht, so sieht es der Lehrerverband BLLV. Mit einem Manifest will er auf die Entwicklung aufmerksam machen. (Foto: dpa)

Auf den Schulhöfen verbreite sich zunehmend eine aggressive, hasserfüllte Sprache. Die Lehrer schlagen darum Alarm und haben ein Manifest geschrieben, das der Verband gestern in München präsentierte.
»Wir beobachten mit größter Sorge, wie sich die Stimmung, die Kommunikation in den sozialen Netzwerken und die alltäglichen Umgangsformen in unserer Gesellschaft verändern«, heißt es in dem Manifest mit dem Titel »Haltung zählt«. »Diese Verrohung des Umgangs wirkt sich auch auf unsere Kinder und Jugendlichen aus.« Und: »Extreme Gruppierungen und Personen, insbesondere Repräsentanten der Rechtspopulisten und Rechtsextremen, tragen zu dieser Verrohung des Umgangs maßgeblich bei.«

Zunehmende Aggressivität

Lehrer beobachteten bei ihren Schülern inzwischen eine »zunehmende Aggressivität gegenüber Andersdenkenden, Ausländern und Flüchtlingen«, sagt Fleischmann – und das gelte nicht nur in Bayern, sondern bundesweit. Nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbandes hat die nicht nur verbale Gewaltbereitschaft auf dem Schulhof bereits zugenommen – »und zwar im quantitativen und auch um qualitativen Sinn«. »Wenn Gewalt ausgewirkt wird, dann ist sie auch roher geworden«, sagt Verbandspräsident Josef Kraus. Und die sprachliche Verrohung beginne schon ganz früh. »Sie hören heute schon von Acht- oder Neunjährigen Begriffe wie ›Hure‹, ›Spasti‹, ›Asylant‹.«
Der Neurologe und Psychotherapeut Joachim Bauer von der Uniklinik Freiburg macht für diese Entwicklung – wie Fleischmann – vor allem den Ton aktueller politischer Debatten verantwortlich. Wenn Politiker offen darüber reden, als Ultima Ratio auf Flüchtlinge zu schießen, sei das unglaublich gefährlich. Auch Begriffe wie »Flüchtlingsflut« seien sehr problematisch. »Eine Flut bedeutet für Kinder Gefahr«, sagt Fleischmann. Durch Twitter und Facebook beeinflusse inzwischen eine informelle Diskurskultur die öffentliche Debatte, meint der Leiter des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Ludwig Eichinger: »Es ist nicht die Sprache, die verroht. Es ist der Sprachgebrauch.« Aufgabe der Schule sei es, Alternativen zu dieser Art der Kommunikation aufzuzeigen.
Neurologe Bauer sieht zwischen aggressiver Sprache und aggressivem Verhalten einen engen Zusammenhang. »Worte wirken massiv auf das Gehirn.« Es sei beunruhigend, »wie in den sozialen Netzwerken Hass kultiviert wird«. Denn: Beschimpfungen und Demütigungen lösten im Gehirn erst einen Schmerz und dann Aggression aus, sagt Bauer. »Hasssprache erhöht die Bereitschaft, selbst gewaltbereit zu handeln.«

Konsens benötigt

Bauer zitiert dafür eine Studie von Kinderärzten, die von der Iowa State University veröffentlicht wurde. Danach begünstigt es aggressives Verhalten, wenn Kinder aggressive Lieder hören. Dass Schüler in ihren Äußerungen ab und an über das Ziel hinausschießen, sei nicht das Problem, sagt Bauer. Problematisch werde es dann, wenn Eltern es tolerierten, wenn ihr Kind verbal um sich schlage – oder selbst am Frühstückstisch rassistische Hassparolen von sich gäben. »Wir brauchen einen Konsens, dass bestimmte Dinge einfach nicht gehen.« Lehrerverbands-Chefin Fleischmann betont: »In der Schule von heute sitzt die Gesellschaft von morgen.« (dpa). Bayerische Lehrer schlagen Alarm: Die hasserfüllte Sprache, die derzeit politische Diskurse dominiere, habe Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche, sagt der Bayerische Lehrerverband BLLV und hat ein Manifest mit dem Titel »Haltung zeigen« geschrieben. Die Deutsche Presse-Agentur zitiert Auszüge:
»Wir Lehrerinnen und Lehrer und viele Pädagogen beobachten mit größter Sorge, wie sich die Stimmung, die Kommunikation in den sozialen Netzwerken und die alltäglichen Umgangsformen verändern. Wir erleben eine Aggressivität, eine Sprache des Hasses, der Geringschätzung und Diskriminierung, persönliche Beleidigungen, bewusste Kränkungen und Ausgrenzung in Wort und Handeln. Diese Verrohung des Umgangs miteinander wirkt sich auch auf unsere Kinder und Jugendlichen aus.«
»Im Artikel 1 des Deutschen Grundgesetztes heißt es: ›Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.‹ Wir Lehrerinnen und Lehrer sehen diesen Grundkonsens bedroht. Wir beobachten, wie unsere Gesellschaft gespalten und Menschen emotional aufgehetzt werden sollen. Extreme Gruppierungen und Personen, insbesondere Repräsentanten der Rechtspopulisten und Rechtsextremen, tragen zu dieser Verrohung maßgeblich bei.«
»Wir wollen, dass unsere Kinder in einer weltoffenen Gesellschaft leben. Unsere Kinder sollen Respekt, Wertschätzung und Interesse für die anderen Menschen erleben und leben – unabhängig davon, welcher Religion sie angehören, welche Hautfarbe sie haben, welche Muttersprache sie sprechen und welche Meinung sie vertreten.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/ueberregional/mantelredaktion/ausallerwelt/Aus-aller-welt-Ihr-Untermenschen-Manifest-gegen-Verrohung-der-Wortwahl;art477,11046

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