11. September 2017, 20:36 Uhr

Ein Hotel trotzt »Irma«

Wenn das da draußen »nur« noch ein Hurrikan der Kategorie 3 ist, möchte man 4 oder gar 5 nicht erleben. Ein zusammengewürfelter Haufen Menschen erlebt den Sturm an Floridas Westküste in einem kleinen Hotel.
11. September 2017, 20:36 Uhr
Die Kokosnüsse der Palmen können zu gefährlichen Geschossen werden, während Hurrikan »Irma« über Florida fegt. (Foto: dpa)

Fluchtpunkt »Days Inn«: Grau und etwas trutzig steht das Hotel in Bonita Springs am Rand der Hauptstraße. Sonst von der Sonne Floridas überflutet, fällt nun schier der Himmel auf das Haus. Mit ohrenbetäubenden Lärm rast der Sturm auf das Gebäude zu, immer und immer wieder. Hurrikan »Irma« schickt wahre Sintfluten. Unweit von Bonita Springs kommt das Auge des Hurrikans am Sonntagnachmittag (Ortszeit) an Land, nachdem er schon zuvor seine ganze Wucht auf die Südspitze Floridas geschleudert hatte. Das »Days Inn« liegt noch knapp in der Zone, in der die Behörden vom Lee County die Evakuierung verpflichtend angeordnet haben. Dennoch suchen rund 100 Menschen aus der Region an diesem denkwürdigen Sonntag dort Schutz. Die Menschen wissen: Alles, was in der Gegend nach 1992 gebaut wurde, muss hurrikansicher sein. Damals hatte Hurrikan »Andrew« weite Teile Floridas verwüstet.

Es ist eine eigenwillige Mischung von Menschen, die im »Days Inn« zusammengekommen ist. Einige sind aufgeregt. Was wird wohl aus ihrem Hab und Gut werden, das sie zurücklassen mussten? Andere sind sehr cool, wieder andere tun nur so. Wichtigtuer sind dabei, Leute, die immer ganz genau wissen, was als nächstes passieren wird und denen gute Ratschläge nie ausgehen. Tom Tortorice ist da, ein 89 Jahre alter Koreakrieg-Veteran. Ihn interessiert das Unwetter viel weniger als der Nordkorea-Konflikt.

Sturm wütet mit Urgewalt

Anita Pereira (41) gehört zu der illustren Zufallsgemeinschaft. Ihr Haus liegt 45 Autominuten südlich in der Höhe von Fort Myers auf der Insel Marco Island. »Die Gegend wurde zwangsevakuiert«, sagt die gebürtige Ravensburgerin. »Alle mussten runter von der Insel, weil es zu gefährlich war, da zu bleiben.« Mit ihren zwei Töchtern und dem Ehemann versucht sie nun, den Sturm auszusitzen. »Wir fühlen uns hier etwas sicherer«, sagt sie. Sie hätten eigens ein Zimmer nahe am Treppenhaus gebucht, sei dieses doch aus Beton errichtet. Badezimmer ohne Fenster, sonst eher unbeliebt, sind in Hurrikan-Zeiten ein Glücksfall. Draußen im Hotelgarten liegen die Palmwedel waagerecht im Wind, wenn wieder eine dieser urgewaltigen Böen durchzieht. Die Kokosnüsse schaukeln gefährlich. Andernorts wurden sie abgenommen, die süßen Früchte können im Hurrikan zu gefährlichen Geschossen werden. Der Wind pfeift nur so an den Fensterscheiben entlang, eine graue Wand aus Wasser versperrt den Blick. Die Hotelleitung hat die Eingangstür verrammelt. Wagen, auf denen normalerweise das Gepäck der Reisenden tranportiert wird, dienen als Sicherung – auch sie gibt nach. Ein paar Freiwillige reparieren die Tür. Einer fährt seinen Pick-up-Truck als Sicherung von außen gegen das Hotelportal. Im Frühstücksraum des »Days Inn« ist man zusammengerückt. Nachdem der Strom zuvor mehrmals kurzzeitig ausgefallen war, ist er nun endgültig weg. Fernsehen, Licht, Kaffee – Fehlanzeige. Die Gestrandeten spekulieren, was sie wohl am nötigsten brauchen werden, wenn »Irma« erst einmal durchgezogen ist. »Reifen«, glaubt Steve Pietrzyk, ein 53 Jahre alter Kleinunternehmer. »Man wird ja ständig einen Platten haben, durch das ganze Zeug, das auf den Straßen liegen wird.« Seine Frau Lynne tippt auf Kettensägen: »Beim Hurrikan »Andrew« konnte man nicht einmal mehr erkennen, wo die Straßen überhaupt waren, so viel Gestrüpp lag da herum.«

Draußen wütet der Sturm mit Urgewalt. Das Auge des Hurrikans ist jetzt über Bonita Springs. Plötzlich: Der Wind lässt nach, langsam zuerst, dann nieselt es nur noch. Am Himmel einige Wolkenlücken. Sogar die Sonne ist zu sehen. Bonita Springs liegt im Auge des Hurrikans. Nur die Unwissenden jubeln. »Jetzt kommt die Rückseite«, sagt Anita Pereira. Tatsächlich: Minuten später geht das Pfeifen des Windes von Neuem los. Wann der Strom zurückkommt, ist ungewiss. Die Netzbetreiber machen für die kommenden Wochen keine großen Hoffnungen.

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