19. Mai 2017, 22:22 Uhr

Ärzte proben den Terrorfall

Zivile Krankenhäuser sind auf Verletzte durch einen Terroranschlag bisher kaum eingestellt. Unfallchirurgen wollen dies zusammen mit der Bundeswehr ändern. Eine Schulung in Frankfurt am Main bedient sich auch ungewöhnlicher Methoden.
19. Mai 2017, 22:22 Uhr
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Von DPA
Sofort in den OP-Raum oder zunächst auf die Station? In einem Kurs üben Unfallmediziner erstmals, welche Maßnahmen sie bei einem Terroranschlag oder einer Katastrophe ergreifen sollten. (Foto: dpa)

Zu Beginn des Spiels hat jeder Patient noch sechs Lebenspunkte. Je nach Verletzung gibt es dann Abzüge. In einem Brettspiel simulieren im Frankfurter Uni-Klinikum am Freitag Unfallchirurgen, was sie in ihrem Krankenhaus nach einem Bombenanschlag in einer Fußgängerzone einer Großstadt mit rund 120 Verletzten erwarten würde.

Am Brett sollen sie in Sekundenschnelle über das Schicksal einzelner Patienten entscheiden. Welche der eingelieferten Personen kommt sofort in den OP-Raum und wer wird zunächst auf die Station eingewiesen – oder wandert schlimmstenfalls in die Kühlkammer, wenn es zu spät ist. Die Teilnehmer dürfen um Personal würfeln und müssen »Ereigniskarten« ziehen. Wenn dort zum Beispiel steht, dass ein Gerät nicht funktioniert, erschwert dies die Lage für das betroffene Anschlagsopfer.

Was sich eher nach einem merkwürdigen Gesellschaftsspiel für hartgesottene Ärzte anhört, ist ein Test für den Ernstfall. Erstmals bietet die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) zusammen mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr einen Kurs zu Grundlagen der Terror- und Katastrophenchirurgie an.

Tipps von der Bundeswehr

»Wir simulieren eine Mangelsituation«, sagt Prof. Benedikt Friemert vom Bundeswehrkrankenhaus in Ulm zu dem Brettspiel, das er zusammen mit Kollegen von der Bundeswehrklinik in Koblenz entwickelt hat. Der Oberstarzt geht davon aus, dass bei einem Anschlag anders als bei einem zivilen Unglück die Verletzten in der Regel in die nächstbeste Klinik kommen. Dort müsse mit den begrenzten Ressourcen die Sichtung der Verletzten erfolgen. »Es geht dann um die Frage, wie behandle ich viele Menschen möglichst gut.«

Die Bundeswehr soll der Zivilmedizin nicht nur bei Fragen der Organisation weiterhelfen, sondern auch bei den Verletzungsmustern. Nach Bombenexplosionen oder Anschlägen mit großkalibrigen Sturmgewehren wie beim Überfall auf den Pariser Konzertsaal Bataclan im November 2015 droht Opfern schnelles Verbluten – solche Verletzungsarten kennen zivile Krankenhäuser bisher kaum. Sofortiges Operieren ist oft dringend geboten.

Bei dem Kurs gehe es nicht um Panikmache, sondern die Vorbereitung auf den Ernstfall, sagt DGU-Generalsekretär Prof. Reinhard Hoffmann (Frankfurt). »Die Bedrohungslage ist da.« In anderen Ländern wie in Schweden habe die Politik solche Notfallpläne zur Chefsache gemacht. Dagegen interessiere sich die Politik in Berlin wenig für die Initiativen der DGU, kritisiert der Unfallchirurg.

Dabei geht es auch um Geld – zum Beispiel für die Kosten der Kurse. Ein weiterer Grund für den Verdruss der DGU: Der Ka-tastrophenschutz ist Sache der Bundesländer. Diese handhaben Notfallübungen sehr unterschiedlich – oder verzichten ganz darauf. Die DGU will außerdem, dass die Alarmpläne für Krankenhäuser um extreme Gefahrenlagen wie Terroranschläge ergänzt werden. In der Gesellschaft arbeiten bundesweit rund 600 Traumazentren zusammen, die jährlich etwa rund 30 000 Verletzte versorgen.

Künftig will die DGU zusammen mit der Bundeswehr bundesweit Kurse zur Versorgung im Terrorfall anbieten. Bei den Teilnehmern der Premierenschulung in Frankfurt ist das ungewöhnliche Brettspiel gut angekommen. »Das gibt mir eine neue Sicht«, sagt Unfallchirurg Robin Fritzemeier aus Duisburg.



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