19. Juni 2021, 07:00 Uhr

Zukunftsperspektive

Wird er Verbandsfußballwart oder nicht? Thorsten Bastian im großen Interview

Thorsten Bastian ist seit Kurzem stellvertretender Verbandsfußballwart im HFV - zunächst kommissarisch. Im Interview erklärt der 56-Jährige, wie er die Zeit erlebt hat und wie er seine Zukunft sieht.
19. Juni 2021, 07:00 Uhr
Philipp_Keßler
Von Philipp Keßler
Der in Rockenberg wohnhafte Thorsten Bastian hat bis 16. Juli Zeit, sich zu entscheiden, ob er als Verbandsfußballwart im Hessischen Fußballverband kandidieren oder lieber Kreisfußballwart in Friedberg bleiben möchte. (Foto: KESSLER_P)

Rund 41 Jahre lang arbeitet Thorsten Bastian im Hessischen Fußballverband (HFV) mit. Als Not am Mann war, hat er vor Kurzem den Posten als stellvertretender kommissarischer Verbandsfußballwart übernommen - und wird von einigen schon als Nachfolger von Jürgen Radeck (Ortenberg) als Verbandsfußballwart gehandelt - obwohl der 56-Jährige aus Rockenberg noch keine Entscheidung getroffen hat, wie er im Interview verrät.

Herr Bastian, wie sind Ihre ersten Tage als stellvertretender Verbandsfußballwart verlaufen?

Es war schön, da der Zuspruch sehr groß war. Das erste, was wir umgesetzt haben, ist die Aufstockung der personellen Besetzung für den Spielbetrieb in der Geschäftsstelle, was ein ausdrücklicher Wunsch von mir war. Hier bin ich dem Präsidium für die schnelle Umsetzung sehr dankbar. Das war aus meiner Sicht dringend notwendig, denn der Spielbetrieb ist das Kerngeschäft des HFV, und es gibt viel zu tun.

Sie sind zwar schon über 40 Jahre im HFV tätig, haben aber erstmals eine Position inne, auf die ganz Hessen schaut. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich ist es vor allem die Klassenleitung der Hessenliga, die Aufmerksamkeit erzeugt, weil die Spielklasse eben hessenweit beobachtet wird. Aber da kann ich ganz gut mit umgehen. Auch die Medienanfragen kamen hessenweit, was aber auch interessant war.

Die Hessenliga entscheidet sich wohl für ein alternatives Spielmodell, alle anderen Verbandsspielklassen werden, bis auf die Gruppenliga Fulda, dagegen regulär mit Hin- und Rückrunde spielen. Können sie diese Entscheidung der Vereine nachvollziehen?

Letztlich war es wichtig, dass wir über die Regionalbeauftragten in die Kreise und Regionen hineingehorcht haben und die Vereine sich äußern konnten. Daraus haben wir versucht, eine Meinung zu bilden, was dann zu diesem Ergebnis geführt hat. In einigen Regionen war leider der Rücklauf teilweise sehr gering, wo ich mich dann schon auch frage, was wir als Verband noch machen sollen. Deswegen kann man jetzt nur sagen, dass sich die Mehrheit dafür entschieden hat. In der Hessenliga war es mein Wunsch, dass wir auf der Sitzung am vergangenen Samstag erst einmal die drei Modelle vorstellen und dann aber auch den Vereinen die Zeit geben, um sich noch einmal beraten zu können, denn wenn sie sich erst einmal für ein Modell entschieden haben, ist es nicht möglich, es in der laufenden Runde noch zu wechseln.

Der Zeitplan ist straff. Wie schätzen Sie es angesichts von Corona-Mutationen und stockender Impfkampagne ein, dass die Runde überhaupt beendet wird?

In die Glaskugel kann auch ich nicht schauen. Wir müssen aus meiner Sicht abwarten, was der Herbst bringt. Aber auch wenn alles normal läuft, ist es ein straffes Programm, weshalb ich auch darauf poche, dass wir möglichst schnell 50 Prozent der Spiele schaffen, was - auch wenn es noch offiziell verabschiedet werden muss - dann zumindest eine Wertungsgrundlage darstellen würde. Die Vereine sind explizit befragt worden, die Mehrheit hat sich für die normale Spielform entschieden und dann setzen wir das verbandsseitig auch um. Das gilt übrigens auch für den ausgesetzten Ab- und vermehrten Aufstieg in der Saison 2019/20, weshalb die großen Spielklassen jetzt die Folge davon sind. Deshalb sind auch jetzt die Vereine gefragt, ein hohes Maß an Flexibilität mitzubringen, denn wir werden es definitiv nur gemeinsam hinbekommen. Hier müssen alle Beteiligten sensibilisiert werden.

Also müssen die Klubs jetzt die Suppe auslöffeln, die sie sich selbst eingebrockt haben?

Ja, das muss man einfach mal so sagen. Wir müssen schauen, dass wir eine Wertungsgrundlage schaffen, um dann auch über einen vermehrten Abstieg wieder auf die Richtzahlen zu kommen. Denn - und das ist auch klar - es ist kein Zustand, mit 20 oder 22 Mannschaften eine Runde zu planen. Es muss das Ziel sein, 2022/23 eine normale Runde mit normal großen Ligen zu spielen.

Wir leben weiter mit Corona. Wie will der Verband damit umgehen?

Wir sind als Verband in allererster Linie von der Politik abhängig. Sie ist der Taktgeber, wenn es um die Frage von Tests oder Zuschauerkapazitäten geht. Aber natürlich weiß auch dort keiner, wie sich die Lage entwickelt. Wir als Verband müssen in unsere Spielordnungen schreiben, wie wir damit umgehen wollen, wenn es etwa einen Corona-Fall oder einen -Verdachtsfall gibt. Klar ist, dass es nicht mehr so laufen kann, dass jemand einfach anruft, einen Verdachtsfall meldet und ein Spiel ausfällt, während er möglicherweise auch aus anderen Gründen nicht antreten möchte.

Auf manchen Sportplätzen hatte man im vergangenen Jahr das Gefühl, dass auch das Hygienekonzept mehr Empfehlung denn Regel darstellte. Hat der Verband hier Möglichkeiten einzugreifen?

Das ist Sache der Ordnungsbehörden. Wir als Verband können nur immer darauf hinweisen. Ich persönlich habe keinerlei Verständnis, wenn statt der Einhaltung der Abstandsregeln plötzlich Gruppenkuscheln auf dem Sportplatz stattfindet. Denn es ist auch klar: Die Vereine müssen ein Stück weit Verantwortung tragen, wenn sie spielen wollen.

Aktuell wird darüber spekuliert, ob Sie Nachfolger von Jürgen Radeck als Verbandsfußballwart werden. Was sagen Sie dazu?

Ganz ehrlich: Ich esse auch gerne eine Bratwurst und trinke ein Bier beim B-Liga-Spiel im Kreis Friedberg. Ich habe aus meiner Verbundenheit zum Verband im Mai gesagt, dass ich aushelfe, als ich gefragt wurde. Das ist für mich nach wie vor selbstverständlich, aber das ist alles auch eine Menge Arbeit und eine Menge Verantwortung. Für mich ist wichtig, dass es dabei auch Spaß macht und darüber verschaffe ich mir gerade ein Bild. Wenn das nicht der Fall ist, bleibe ich Kreisfußballwart im Kreis Friedberg. Ich mache das sicher nicht, weil ich irgendwelche Pöstchen haben möchten.

Sollten Sie sich dafür entscheiden, haben Sie angekündigt, Ihren Posten als Kreisfußballwart aufzugeben. Warum?

Das geht alleine aus rechtlichen Gründen nicht, weil ich als Verbandsfußballwart letztlich auch Entscheidungen über den Kreis Friedberg treffen muss. Außerdem muss man nicht alle Ämter auf eine Person vereinigen. Für mich ist heute schon klar, dass ich entweder das eine oder das andere mache, und damit auch zukünftig nicht mehr als Regionalbeauftragter zur Verfügung stehe. Ich mache das jetzt schon so lange, muss also nicht mehr auf allen Hochzeiten tanzen, denn das alles ist schließlich auch viel Arbeit. Ich muss mich am 16. Juli erklären und bis dahin schaue ich mir das an. Auch wenn es mir kaum einer glaubt: Mir ist wichtig, zu sagen, dass ich auch gerne im Kreis Friedberg aktiv bin und nicht unbedingt Verbandsfußballwart werden muss. Zumal wir es uns nicht erlauben können, auf der Position keine Konstanz zu haben, da wir uns in den kommenden Jahren auch um wichtige Themen wie neue Spielsysteme oder Gebietsreformen kümmern müssen, die die Zukunft des Verbandes bestimmen.

Sie waren selbst Schiedsrichter. Ist Ihnen der Bereich auch heute noch ein besonderes Anliegen?

Man muss einfach sagen, dass der Schiedsrichter zum Fußball gehört - ohne ihn gibt es kein Spiel. Natürlich wird mal falsch gepfiffen, aber Anstand und Menschenverstand gebieten es doch, dass man diese Personen dann nicht in einer Art und Weise herabwürdigt oder gar körperlich angreift, sodass diese die Lust an ihrem Hobby verlieren. Hier unterstütze ich das Schiedsrichterwesen ganz klar.

Nach Ihren ersten Einblicken: Wie geht es dem hessischen Fußball aktuell?

Die Vereine haben schon zu kämpfen - einerseits Corona-bedingt, andererseits aber auch, weil die Menschen ein anderes Freizeitverhalten haben. Der Fußball steht in den kommenden Jahren auf dem Prüfstand, und zwar sowohl wirtschaftlich bei den Vereinen, als auch inhaltlich beim Verband. Hier sind strukturell drängende Fragen zu klären in Bezug auf den Spielbetrieb, die Jugend oder die Schiedsrichter. Auch wenn der HFV aktuell noch gut aufgestellt ist, darf man die Zukunft nicht aus den Augen verlieren.

Was muss der Fußball tun, um attraktiv zu bleiben?

Der Fußball ist nach wie vor Volkssport Nummer eins. Aber man muss vielleicht mal andere Wege gehen, die Schulen noch mehr einbinden oder das Internet besser nutzen, um an bestimmte Klientel heranzugehen. Außerdem muss der Fußball aus meiner Sicht von oben herab wieder deutlich sauberer werden. Nichtsdestotrotz ist der Sport und auch das Ehrenamt weiter ein elementarer Bestandteil unserer Gesellschaft und wenn das ausgedünnt wird, ist das sicher nicht gut für unser Zusammenleben.

Während der Coronavirus-Pandemie hat sich der HFV teilweise viel Zeit gelassen, um Entscheidungen zu treffen. Ist auch hier eine Reform nötig?

Im Rückblick muss ich zunächst einmal sagen, dass der Verband das aus meiner Sicht gut gemacht hat, weil es viel zu bedenken gab - teilweise auch Dinge von außen, auf die man warten musste. Grundsätzlich ist ein Verbandsvorstand mit 50 Leuten aber viel zu groß. Diese Reform von 2008, aus der diese Situation entstanden ist, weil man die Bezirke abgeschafft hat, halte ich heute für Reform-würdig.



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