06. August 2015, 10:43 Uhr

Polo in Hirzenhain – Leidenschaft zum Anfassen

(mn) Schampus und Schickimicki? Vorurteilen wie diesen wollen Philipp Fürst zu Stolberg-Wernigerode und dessenEhefrau Leonille begegnen. Von Freitag bis Sonntag wird auf deren Hofgut Luisenlust in Hirzenhain die Deutsche Polo-Meisterschaft (Low Goal) ausgespielt.
06. August 2015, 10:43 Uhr
Philipp Fürst zu Stolberg-Wernigerode, der Meister von 2012, ist Gastgeber und Kapitän der Luisenluster Platzhirsche. (Foto: Rallyewerk.com/pv)

Die berühmten zwei Fliegen mit einer Klappe wolle man schlagen. Einerseits spielen 24 der besten deutschen Spieler, darunter Schauspieler Heino Ferch, um den deutschen Amateurtitel, andererseits wolle man über ein Rahmenprogramm und freien Eintritt zum Familien-Ausflug animieren, erzählen die Gastgeber beim Ortstermin mit unserer Redaktion. Obendrein werde mit dem Erlös aus dem VIP-Bereich die Behindertenhilfe Wetterau unterstützt. Zum sechsten Mal bereits sind die Stolbergs Ausrichter eines Polo-Turniers; zum ersten Mal geht es dabei um den nationalen Titel.

Die Begeisterung für Pferde- und ganz speziell den Polosport wurde dem Fürsten quasi in die Wiege gelegt. Freiherr Hans Albrecht von Maltzahn, der Onkel von Stolberg-Wernigerode, ist hierzulande so etwas wie ein Polo-Pionier und inzwischen Ehrenpräsident des Deutschen Polo-Verbandes. Vom Weltverband ist von Maltzahn, der mit weit über 70 Jahren noch immer Turniere bestritt, zudem mit der höchsten Auszeichnung, dem Titel »Ambassador«, geehrt worden. »Ja, ich bin sicher familiär etwas vorbelastet«, sagt Stolberg-Wernigerode, der bereits in der Kindheit mit (Polo-)Pferden zu tun hatte und seine Leidenschaft entdeckte.

Das eigentliche Spiel erlernte der heute 48-Jährige Anfang der 90er Jahre in Spanien. Mit dem Zusammenspiel von reiterlichem Können, von sportlicher Erfahrung und taktischer Strategie beschreibt er die Faszination aus seiner Perspektive. Im Jahr 2012 gewann Stolberg-Wernigerode in Düsseldorf die Deutsche Low-Goal-Meisterschaft, in Frankfurt erreichte er einst Platz zwei beim Medium-Goal-Turnier, einem Wettstreit der nächsthöchsten Kategorie. »Natürlich, die Meisterschaft jetzt auf eigenem Gelände zu gewinnen, ist das Ziel«, sagt er. Mit Alexander Weiland hat er einen Mitspieler der 2012er-Meistermannschaft in seinem Team, aber auch ein halbes Dutzend weiterer ehemaliger Titelträger wird am Wochenende in Hirzenhain antreten. Mit Niklas Steinle zeigt sich auch einer der besten deutschen Nachwuchsspieler.

Rund 400 Mitglieder in 35 Klubs

Rund 400 Mitglieder hat der Deutsche Polo-Verband, dem 35 Vereine angeschlossen sind. In der Wetterau genießt der Hessische Poloclub Luisenlust ein Alleinstellungsmerkmal. Der nächste Klub und das nächste Spielfeld sind in Frankfurt. Vor acht Jahren wurde deshalb auf einem Acker des Hofguts Rasen gesät, drei Jahre später der Klub gegründet. Zwei- bis dreimal wöchentlich steigt die Fürstenfamilie in den Sattel, trainiert auf dem 274 x 183 Meter (!) großen Feld, das idyllische Blicke in Taunus und Vogelsberg gewährt. Begeisternder Sport, Adrenalin und Lifestyle sollen hier - so die Intension der Gastgeber - am Wochenende vereint werden.

Viel Zeit und Engagement seien erforderlich sagen die Stolbergs, der Aufwand sei hoch und eine entsprechende Begeisterung und Leidenschaft gewiss mitzubringen. Sie wissen um die vielen Vorurteile, vom Sport der Reichen beispielsweise, vom Dresscode, von Champagnerpyramiden. All dem soll entgegen gewirkt werden. Die Stolbergs stehen für Polosport zum Anfassen. »Authentizität - Polosport auf Basis von Begeisterung und Engagement«, beschreibt Leonille von Stolberg-Wernigerode ihre Philosophie und Erfolgsformel, die bereits zur Turnierpremiere 1000 Neugierige aus Mittel- und Osthessen sowie dem Rhein-Main-Gebiet nach Hirzenhain gelockt hatte. »Ein solches Event ist auch die Chance, die Schönheit und Vorzüge unserer Region in den Vordergrund zu rücken.« Die Fürstin ist für Logistik, Infrastruktur, Rahmenprogramm und die Countryfair mit ihren Ausstellern aus Handwerk und lokalen Betrieben zuständig, schafft das passende Ambiente und wird selbst nicht im Sattel sitzen.

Taktik und Routine

Sechs Mannschaften spielen an drei Tagen um den Low-Goal-Titel. In dieser Kategorie sind sogenannte Handicaps (Hcp), vergleichbar mit dem Golfsport, von -2 bis +2 zugelassen. Als bester deutscher Spieler gilt aktuell Thomas Winter mit einem Hcp von +4 (Höchstwert: +10 – derzeit ausschließlich Spielern aus Argentinien vorbehalten). Stolberg ist mit einem Hcp von +1 unter den besten 30 Spielern Deutschlands zu finden.

Vier Spieler bilden eine Mannschaft, wobei jeder Reiter eine Aufgabe übernimmt. Stolberg-Wernigerode sieht sich als »3er«, als Dreh- und Angelpunkt, als Gestalter und Organisator. Die Fähigkeiten des Pferdes müsse man einschätzen können, seiner Position treu bleiben und die Abläufe kennen. »Routine ist zudem unheimlich wertvoll«, sagt er und blickt auf das Feld, das sich in leichter seitlicher Hanglage dem Gelände anschmiegt; noch regelkonform selbstverständlich.

Wenn der Vater mit dem Sohne

Die Wiege des Sports steht in Indien. Die Briten ließen sich inspirieren, haben das Spiel in Regeln gefasst. In Deutschland gilt Hamburg als Zentrum, auch zwei Polo-Schulen sind hier ansässig. »Der Polo-Nachwuchs kommt zu 70 Prozent über die familiäre Verbindung. Wenn Vater spielt, findet auch der Sohn schnell Interesse«, weiß Stolberg-Wernigerode. Der wesentliche Unterschied zum »normalen« Reiten: der geübte Ritt mit nur einer Hand.

Rund eine Stunde dauert ein Spiel, das in vier Abschnitte unterteilt ist. Da ein Pferd nicht in zwei Vierteln hintereinander eingesetzt werden darf, müssen dem Spieler mindestens zwei Pferde zur Verfügung stehen. »Die Interessen der Tiere stehen an erster Stelle«, sagt Stolberg-Wernigerode, der selbst vier Pferde zum Einsatz bringen wird. Einsatz ist im Übrigen auch von den Außenstehenden gefragt. Beim »Tritt-In« in der Pause werden die Zuschauer gebeten, Rasenstücke auf dem Platz wieder einzutreten.

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Der Zeitplan

Freitag: Drei Spiele, beginnend um 15 Uhr, 16 Uhr und 17 Uhr. Das Team »Luisenluster Platzhirsche« bestreitet das Auftaktspiel.

Samstag: Drei Spiele, beginnend um 12 Uhr, 13.30 Uhr und 15 Uhr. Das »Barockteam Esperanza« (13.30 Uhr) und die »Schwarzen Perlen von Kranichstein« (14.30 Uhr) treten im Rahmenprogramm auf.

Sonntag: Die Platzierungspiele beginnen um 12 Uhr (um Platz fünf), 13.30 Uhr (um Platz drei) und um 15 Uhr (Finale). Das Hessische Loungenballett tritt um 11.30 Uhr auf, die Vogelsberg Meute um 13 Uhr und der Kutschenzug, geführt vom Licher Sechsergespann, um 14.30 Uhr.

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Der Eintritt ist an allen Tagen frei. Im Zentrum von Hirzenhain besteht die Möglichkeit, einen Shuttle-Service zum Hofgut zu nutzen.

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