17. Mai 2021, 12:00 Uhr

Inklusion

Salto in die Normalität

Der TSV Nieder-Mörlen zeigt beim Trampolinturnen, wie Inklusion gelingen kann
17. Mai 2021, 12:00 Uhr
Julia Rolle bei einer Trampolinübung mit Publikum. Ihr großes Ziel ist es, einmal den Salto turnen zu können. FOTO: PRIVAT

»Es ist normal, verschieden zu sein.« Diesen Satz, der sich auf den ersten Blick ein bisschen wie ein Kalenderspruch liest, sagt Beate Dietz mit voller Überzeugung. Die Bad Nauheimerin ist Mitglied des geschäftsführenden Vorstands beim TSV Nieder-Mörlen, nimmt die Prüfungen zum Deutschen Sportabzeichen ab und ist vor allem Übungsleiterin mit Herz. Zu den Turnerinnen ihrer Trampolin-Gruppen gehören mit Lilly Meerwein und Julia Rolle unter anderem zwei geistig behinderte Mädchen. Für Beate Dietz ist das ganz normal.

Im Rahmen eines Online-Meetings Anfang Mai (siehe Infokasten) berichteten alle drei über ihre Erfahrungen im inklusiven Sport. Julia, die vor ein paar Tagen 20 Jahre alt geworden ist, strahlte über beide Backen, während sie die Fragen ihrer Interviewpartnerin von den Special Olympics Hessen beantwortete. Mit Ballett und Schwimmen hält sie sich neben Trampolinturnen fit. Im Nieder-Mörler Verein war zunächst ihr Bruder. Später kam auch sie dazu - und möchte das nicht mehr missen. »Ein Leben ohne Sport kann ich mir nicht vorstellen«, sagt die junge Steinfurtherin. Ihr großes Ziel ist der Salto.

Lieblingsübung von Lilly ist der Bauchsprung, den sie der Banklandung auf allen Vieren folgen lässt. »Ich mache lieber in einer Gruppe Sport als alleine«, erzählt die 16-Jährige, die einem Re-Start nach Corona bereits entgegenfiebert. Das Gefühl, von ihren Sportkameraden anders behandelt zu werden, ist ihr fremd. Auch Lilly lebt in Bad Nauheim. Wie Julia möchte sie anderen Kindern und Jugendlichen demnächst helfen, ihr Hobby auszuüben. Beide peilen eine Helferassistenten-Ausbildung an. Damit könnten sie einem Übungsleiter bei dessen Tätigkeit unterstützend zur Seite stehen.

Erste Erfahrungen damit konnte Julia bereits machen. Sie arbeitet in einem Seniorenheim und betreut dort die Sitzgymnastik der Bewohner. Spontan darauf angesprochen entgegnet sie: »Es macht manchmal sogar mehr Spaß als mit den anderen Jugendlichen. Die Senioren sagen dir immer die Wahrheit.« Das gilt freilich auch für die meisten ihrer altersgleichen Sportfreunde, dennoch gibt’s hin und wieder eine nicht ganz so sensible Bemerkung hinsichtlich Julias Behinderung. »Die sollen mich einfach ansprechen, wenn sie etwas an mir nervt«, wünscht sich die 20-Jährige. »Sie sollen mich nehmen wie ich bin.«

Wichtig: Keine Berührungsängste

Genau das macht Beate Dietz, die mit ihren Kolleginnen und Kollegen im Verein seit 2007 Trampolinturnen anbietet und seit 2014 die Fortbildung für »Inklusiv« besitzt. »Auch vorher im Kinderturnen waren immer schon Kinder mit einer Behinderung dabei. In den Trampolin-Gruppen sind zwei Jugendliche mit Hörgerät, ein Kind hat eine Insulinpumpe. Ich selbst habe ein kaputtes Knie, das mich behindert«, schildert Dietz.

Etwa 45 Nachwuchssportler sprangen auf dem Trampolin, ehe Corona kam. Die vier Gruppen beim TSV sind nicht nach Alter, Leistung oder ähnlichen Aspekten eingeteilt. Sie werden gebildet »je nachdem wie die Kinder außerschulisch Zeit haben«. In Nieder-Mörlen gibt es drei Geräte und drei Übungsleiter für die beliebte Bewegungsform. In normalen Zeiten erreichen Beate Dietz wöchentlich neue Anfragen.

Für ihre Tätigkeit als Übungsleiterin sei es wichtig, keine Berührungsängste zu haben. »Die Kinder selbst sind so aufgeschlossen. Die sagen dir, was los ist - wenn zum Beispiel mal jemand eine Räuberleiter braucht, um aufs Trampolin zu kommen«, verrät Dietz. Auch für die Kinder und Jugendlichen ohne Behinderung haben die inklusiven Gruppen ihren Zweck. »Es ist gut, dass die anderen Kinder sehen, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn man gesund ist.«

Die Voraussetzungen für Trampolinturnen in Nieder-Mörlen sind nicht hoch, einige wenige gibt es dennoch. »Wir nehmen Kinder ab sechs Jahren. Sie sollten in der Lage sein, gewisse Regeln zu verstehen«, erklärt die TSV-Trainerin, die einmal in 14 Jahren schweren Herzens ein Kind nicht weiter betreuten konnte. Eine entsprechende zusätzliche Betreuungsperson für die Übungseinheiten habe die Mutter damals nicht finden können.

Auch Beate Dietz fiebert dem Tag entgegen, wenn sie und ihre TSV-Kolleginnen und Kollegen ohne Einschränkungen am Trampolin mit den Jugendlichen üben dürfen. »Das Schönste am Training ist für mich, wenn die Kinder gut gelaunt nach Hause gehen.«

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