29. April 2021, 16:00 Uhr

Schach

Online-Aufschwung und Präsenz-Träume beim SC Bad Nauheim

Schach hat mit Magnus Carlsen ein medientaugliches Aushängeschild, profitiert von Netflix-Hits (»Damengambit«) und wird (online) vermehrt gespielt. Ein Blick hinter die Bad Nauheimer Kulissen.
29. April 2021, 16:00 Uhr
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Von Christoph Sommerfeld
Georg-Ulrich Kretner ist Vorsitzender des Bad Nauheimer Schachclubs. Er hat ein Diplom in Mathematik. FOTOS: PRIVAT

Der Sport ächzt unter den Beschränkungen der Corona-Pandemie. Der ganze Sport? Nun, es gibt eine Disziplin, die im Lockdown sogar einen Aufschwung erlebt - zumindest in ihrer Online-Variante. Die Rede ist vom Schach, dem anderthalb Jahrtausende alten »Spiel der Könige«, dem alleine in Deutschland knapp 100 000 Vereinsspieler frönen, dazu abertausende an nicht organisierten Begeisterten.

Im Interview erklärt Georg-Ulrich Kretner, der Vorsitzende des Schachclubs Bad Nauheim, was für ihn die Faszination des Spiels ausmacht, wie viele Kilos Spitzenspieler bei einer Partie verlieren können und wie sich die Mitgliederentwicklung in der Kurstadt darstellt.

Herr Kretner, erklären Sie uns bitte die Sizilianische Eröffnung.

Der Spieler mit den weißen Figuren zieht den Königsbauern zwei Felder vor von e2 auf e4. Die Antwort des Spielers mit den schwarzen Figuren, also die Sizilianische Verteidigung, besteht dann darin, den Läuferbauern auf der Damenseite zwei vorzuziehen von c7 auf c5. Diese Variante ist eine der umfangreichsten, die es im Schach gibt. Schwarz versucht mit dieser Eröffnung, aktives Spiel zu kreieren und nicht nur auf Remis zu klammern.

Wie sind Sie zum Schach gekommen?

Im Bad Nauheimer Kurpark gibt es ein überdimensionales Schachbrett neben dem Minigolfplatz. Ich habe da früher oft gesessen und zugeschaut oder darauf gewartet, selbst mit einem anderen zu spielen. Ein früherer Nachbar, den ich damals noch nicht kannte, spielte da auch oft. Er hat mich dann irgendwann mal mitgenommen zum Schachclub nach Friedberg. Ich habe aber nicht so ganz früh damit begonnen, vielleicht mit 14 oder 15 Jahren.

Wie viel Psychologie steckt im Schachspiel?

Der Anteil an Psychologie nimmt meines Erachtens mit steigender Spielstärke zu. Bei WM-Teilnehmern spielt sie eine größere Rolle als auf unserem Niveau in der Verbands- oder Hessenliga.

Haben Sie ein passendes Beispiel parat?

Es gibt beispielsweise risikoscheue Spieler, die nur sehr schwer zu schlagen sind. Die kann man locken, indem man ihnen quasi ein zweischneidiges Angebot macht. Das kann ein Bauernopfer sein, bei dem nicht ganz klar ist, ob es etwas taugt. Ein unsicherer Spieler würde sich dazu entscheiden, das lieber doch nicht anzunehmen. Jemand, der kombinatorisch aktiver ist, nimmt es eher an und lässt sich das Opfer zeigen.

Könnten Sie den Begriff des Opfers genauer erklären?

Ein echtes Opfer heißt, dass ich eigenes Material spendiere, um dadurch meine Figuren besser zu entwickeln. Dadurch bekomme ich vielleicht offene Linien für meine Läufer und Türme oder ein besonders gutes Feld, auf das ich meinen Springer stellen kann. Unklar bei einem echten Opfer ist, ob ich das geopferte Material wieder zurückbekomme. Geopfert werden können grundsätzlich alle Figuren außer dem König. Unter einem Qualitätsopfer versteht man das Opfer des höherwertigen Turmes für einen Läufer oder Springer.

Schach erlebt nahezu weltweit derzeit einen Boom - zumindest in seiner Online-Variante. Ist auch in Bad Nauheim ein positiver Trend auszumachen?

Also von einem Boom zu sprechen, halte ich für übertrieben. Wir sind aber zufrieden. Die Mitgliederentwicklung in Bad Nauheim ist stabil. An der Anzahl der Mitglieder hat sich seit Anfang 2020 bis heute, also während Corona, nichts verändert. Wir haben etwa 80 Leute im Club und sind damit ein großer Schachverein. Davon sind etwa 25 Jugendliche. Es gibt fünf gemeldete Erwachsenen-Mannschaften und ein Jugendteam. Die klassenhöchste Mannschaft spielt in der Verbandsliga.

Hatten Sie keine Corona-bedingten Austritte?

Nein, wir hatten lediglich eine normale Fluktuation zu verzeichnen, die auch vor Corona schon existierte und von einigen neuen Interessenten immer wieder kompensiert wird. Ein älterer Herr hatte mich beispielsweise unlängst angeschrieben. Der hatte sich zuvor ein Schachbuch gekauft und will nun ein bisschen spielen. Wir haben weiterhin zwei junge Leute aufgenommen, die als Studenten der Technischen Hochschule Mittelhessen zu uns gekommen sind. Beide waren vom Schach begeistert und hatten zuvor viel online gespielt, sodass sie bereits eine ganz ordentliche Spielstärke vorweisen.

Wie war die Entwicklung beim SC Bad Nauheim seit März 2020?

Der bislang letzte Mannschaftswettkampf ging Anfang März 2020 über die Bühne. Die Runden wurden dann im Frühjahr alle abgebrochen. Wettkampfschach auf unserem Niveau in Präsenzform ist bis heute nicht möglich. Es gibt aber eine deutsche Online-Liga mit mehreren Spielklassen auch auf Profi-Niveau. Da kann sich jeder beteiligen. Aber es gibt auf lokaler bzw. regionaler Ebene keine Wettkämpfe in Präsenzform.

Worin besteht für Sie der Unterschied zwischen Präsenz- und Online-Wettkämpfen?

Schach ist für mich Mannschaftsport. Der Teamgeist ist nicht zu unterschätzen. Wenn an acht Brettern parallel gespielt wird, sehe ich auch immer, wie es bei meinen Mitspielern aussieht. Ich kann dann beispielsweise spontaner entscheiden, ob ich ein Remisangebot im Sinne der Gesamtwertung annehme, obwohl ich am eigenen Brett ein bisschen besser stehe als mein Gegner. Das ist online nicht machbar. Und natürlich geht im Internet das Drumherum verloren. Vor Corona haben wir unsere fünf Mannschaften bei Heimpartien in unserem Spiellokal in Schwalheim immer zeitgleich antreten lassen. Nebenan im Restaurant konnten sich die Leute später zum gemeinsamen Abendessen treffen.

Wie sah das Vereinsleben vor Corona aus und wie könnte es wieder aussehen?

Neben unserem Spiellokal in der Schwalheimer Mehrzweckhalle haben wir im »Alten Rathaus« am Marktplatz in Bad Nauheim unseren Trainingsraum. Da schlägt quasi das Herz des Vereins. Das liegt sehr zentral. Dort war jeden Freitag Trainingsabend, und das wird hoffentlich auch bald wieder so sein. Einmal im Monat haben wir einen Abend, an dem wir Partien analysieren - auch mit PC und entsprechender Software. Und alle vier Wochen gibt’s ein Schnellschachturnier zu Übungszwecken. Die anderen Termine sind freie Spielabende. Der Verein lebt vor allem von denjenigen, die freitags kommen und den Trainingsbetrieb aufrechterhalten. Diese Leute haben einfach Spaß am Spiel, auch wenn sie bei uns »nur« in der vierten oder fünften Mannschaft spielen.

Was halten Sie den Leuten entgegen, die Schach nicht als echten Sport anerkennen, sondern eher als Spiel charakterisieren?

Also so viel vorweg: Die Weltklasse-Leute sind alle sehr austrainiert. Die verlieren zwei bis drei Kilo pro Partie. Natürlich ist Schach kein Bewegungssport, wenngleich der Puls auch in der Verbandsliga mal erhöht ist. Ich halte es für wichtig, dass Schach vom DOSB als Sport anerkannt ist und damit eine klare Abkehr vom Alkohol- und Zigarettenkonsum während des Wettkampfs erreicht wurde. Wenn man in den 1970er Jahren in ein Spiellokal kam, konnte man manchmal vor lauter Qualm nichts mehr sehen.

Schach ist noch immer eine Männerdomäne, obwohl sich Frauen und Männer gerade in diesem körperlosen Wettkampf eigentlich auf Augenhöhe begegnen. Warum ist das so?

Schwer zu sagen. Schach war lange eine Männerdomäne und ist es geblieben. Frauen haben sich eher anderen Dingen zugewendet. Aber das muss nicht überall so sein. In Georgien beispielsweise hat Schach einen hohen Stellenwert auch bei den Frauen. Da bringt die Frau als Aussteuer bei der Hochzeit ein Schachspiel mit.

Wie sehr tragen Serien wie »Das Damengambit« oder markante Köpfe wie Weltmeister Magnus Carlsen zur Entwicklung der Sportart bei?

Das Schachspiel vermarktet sich zunehmend besser. Früher war z. B. Robert Hübner einer der bekanntesten Spieler in Deutschland. Der war super intelligent, beherrschte mehrere Sprachen, hatte aber keinen Fernseher, kein Radio und kein Telefon. Das war nicht die große Identifikationsfigur. Heute ist Carlsen die bekannte Figur. Der ist charismatisch, macht Werbung für Jeans und ist auch für junge Leute interessant. Auch die Netflix-Serie ist natürlich Teil der besseren Außendarstellung. Wenn die Leute an den klassischen Schachspieler denken, haben sie nicht mehr sofort das Bild vom Nerd mit Brille im Kopf.



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