03. März 2021, 16:00 Uhr

Handball

Nach dem Saisonabbruch: Die Zuversicht überwiegt

Lockdown, Saisonabbruch, Lockerungen, Training, neuer Lockdown und Annullierung einer nie richtig begonnenen Saison. Ein groteskes Jahr für die TG Friedberg um Abteilungsleiter Uli Kaffenberger.
03. März 2021, 16:00 Uhr
Philipp_Keßler
Von Philipp Keßler
Ein Bild, das man bei der TG Friedberg nur allzu gerne wieder sehen würde: jubelnde Zuschauer in der Sporthalle am Seebach. FOTO: JAUX

Es war wohl das ungewöhnlichste Jahr seit Ulrich »Uli« Kaffenberger Abteilungsleiter Handball bei der TG Friedberg ist: Die Coronavirus-Pandemie hat auch mehr als zwölf Monate nach dem Auftreten des ersten Falls in Deutschland den Amateursport fest im Griff. Im Interview zieht Kaffenberger Bilanz, blickt nach vorn - und begründet, warum er trotzdem voller Hoffnung ist.

Herr Kaffenberger, in der vergangenen Woche hat der Hessischen Handballverband (HHV) die Saison annulliert. Wie stehen Sie zu dieser Entscheidung?

Das kam ja nicht überraschend. Selbst bei der Videokonferenz des Bezirks im Januar, als über eine Einfachrunde nachgedacht worden war, war mir schon klar, dass das vermutlich nichts wird. Es wäre jetzt auch unverantwortlich gewesen, die Saison noch einmal anlaufen zu lassen. Nach einer so langen Pause brauchen wir mindestens einen Monat Training, um Bewegungsabläufe und Koordination neu anzutrainieren - vor allem in der Jugend. Deshalb werden wir - sobald es wieder erlaubt ist - erst einmal wieder vernünftig trainieren, ein paar Freundschaftsspiele vereinbaren und dann im September neu starten.

Wann glauben Sie, wird ein geregelter Trainingsbetrieb wieder möglich sein?

Ich glaube nicht, dass wir vor Mitte oder Ende April mit voller Kapelle ein Mannschaftstraining absolvieren werden dürfen. Aktuell planen wir, die Vorbereitung auf die neue Saison etwas vorzuziehen und dafür im Sommer eventuell eine kleine Pause einzulegen. Der Bezirk hatte auch abgefragt, ob wir an einer freiwilligen Runde teilnehmen, aber das habe ich für die TG Friedberg abgelehnt, weil es schlicht nicht absehbar gewesen wäre.

Inwiefern hat jetzt fast ein Jahr ohne Pflichtspiel Ihren Verein finanziell belastet?

Von unseren Sponsoren ist glücklicherweise noch keiner aktiv abgesprungen, aber mit Blick auf die neue Saison muss man natürlich sehen, wie es dem Unternehmen dann geht. Wir haben aber zum Beispiel von unserer Seite auch die Zahlung für Werbebanden ausgesetzt, da wir aktuell keine Kosten haben. Deshalb haben wir uns der Fairness und der Partnerschaft halber dafür entschieden und auch sehr positive Rückmeldungen erhalten.

Wie sieht es personell mit Blick auf die Trainer aus?

Hier sind wir bereits intensiv am Planen, zumal wir natürlich in der Jugend auch wieder einen Jahrgangswechsel haben. Bei den Trainern ist es da wie jedes Jahr etwas schwieriger, da es immer Wechsel aufgrund von Ausbildung, Studium oder Beruf gibt.

Wie stellt sich die Lage aufseiten der Spieler dar?

Viele Mannschaften haben sich den Umständen angepasst, trainieren aktuell online, einzeln mit dem Trainer oder individuell. Ein großes Fragezeichen haben wir bei den ganz Kleinen, also zwischen drei und sechs Jahren. Hier gibt es wenig bis gar keinen Kontakt, sodass wir sicher erst einmal schauen müssen, wie viele wiederkommen. Wir haben aber einen guten Ruf in der Stadt und bei den Eltern, weshalb ich davon ausgehe, dass die meisten zurückkehren und auch neue Kinder dazukommen werden. Dennoch wird es sicherlich ein paar Verluste geben, aber die gibt es auch sonst. Deshalb bin ich insgesamt zuversichtlich.

Gerade in jungen Jahren ist sportliche Betätigung für die Entwicklung wichtig. Was geht hier durch den Lockdown verloren?

Das ist eine große Herausforderung, denn es gibt auch jetzt schon sehr große Unterschiede in den motorischen Fähigkeiten von Kindern. Hierbei spielt das Elternhaus eine große Rolle und natürlich wird das Problem durch die aktuell erzwungene Passivität schlimmer, wenn Kinder zu Hause nicht besonders gefördert werden. Hier sehe ich die Sportvereine in der Verantwortung, um die Grundlagen neu zu schaffen, auch wenn das natürlich Zeit kostet. Aus diesem Grund rechne ich auch damit, dass das spielerische Niveau erst mal sinken wird, aber das ist egal, da einerseits alle mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben, und wir andererseits diese Zeit einfach investieren müssen. Es ist am Ende eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

Was gibt es zu beachten, wenn die Mannschaften wieder ins Training zurückkehren?

Natürlich machen viele Sportler im Leistungsbereich auch aktuell etwas, halten sich beispielsweise konditionell fit oder arbeiten an der Koordination, aber natürlich muss das im Mannschaftstraining dann wieder aneinander angeglichen werden. Außerdem gilt es, vermehrt an Rumpfstabilität zu arbeiten und vor allem Verletzungsprophylaxe zu betreiben. Das ist einfacher, wenn man es gemeinsam macht - und macht auch deutlich mehr Spaß.

Inwiefern spielt auch die soziale Komponente hier eine Rolle?

Aus den Gesprächen und Rückmeldungen merken wir, dass die Leute geradezu nach Terminen lechzen. Die Grund-DNA für das Vereinsleben ist in ihnen vorhanden, sie hat sich teilweise über Jahre oder Jahrzehnte entwickelt. Ich sehe auch deshalb keine Probleme, wenn es wieder in die Halle geht. Auch die Jüngeren werden sich schnell wieder einfinden, zumal die Resonanz auf unsere aktuellen Angebote riesig ist.

Glauben Sie, dass auch die Zuschauer zurück in die Halle kommen, wenn es wieder erlaubt ist?

Ich gehe sogar davon aus, dass es eher mehr als weniger werden. Ich bin guter Hoffnung, dass die Leute wieder nach draußen möchten, um andere Menschen zu treffen, wenn sie sich wieder sicher fühlen. Wir versuchen, über die sozialen Medien Kontakt zu halten, und die Resonanz darauf ist durchaus positiv. Aus meiner Sicht bekommen wir eine Chance, das Miteinander zu fördern, wenn es wieder möglich ist, und mit diesem Miteinander gesamtgesellschaftlich auch bewusster umzugehen.

Eine so lange Pause gab es bislang auch noch nie für die ehrenamtlichen Helfer. Inwiefern wird auch das eine Herausforderung?

Wir hatten im vergangenen Jahr viel Aufwand mit relativ wenig Ertrag. Dennoch war es die richtige Entscheidung, den Spielbetrieb nicht hessenweit zu starten, denn das wäre ein Kraftakt geworden. Wir haben also den Betrieb deutlich heruntergefahren und jetzt ist es die Herausforderung, ihn in organisatorischer Hinsicht wieder hochzufahren. Hier erwarte ich einen gewissen Motivationsbedarf, aber es hat sich auch noch niemand gemeldet, der keine Lust mehr hat.

Gerade bei den Handballern war die Kritik am Vorgehen des HHV zuweilen groß. Wie haben Sie die Situation wahrgenommen?

Der Verband wird immer gerne als Buhmann herangezogen. Der HHV hätte sicher das eine oder andere anders machen können und gerade anfangs war auch ich unzufrieden, aber im Nachhinein muss man sagen, dass der Verband sich stets an den Entscheidungen der Politik orientiert hat - lange ohne eine endgültige Entscheidung zu treffen, einfach auch weil es so eine Situation noch nie gab. Und gerade dann passieren eben auch mal Fehler. Am Ende des Tages wird man es ohnehin nie allen recht machen können.

Sie klingen alles in allem sehr zuversichtlich und hoffnungsvoll: Gibt es einen Plan B, falls die Corona-Krise andauert?

Nein. Für mich steht fest: Wenn wir noch einmal im Sommer und Herbst als Amateursportverein nicht viel machen können, wird es gesamtgesellschaftlich sehr schwierig, denn der Frust und die Zermürbtheit unter den Menschen ist schon groß. Ich hoffe jetzt einfach, dass es bald weitergeht. Wir sind bereit, haben unsere Hygienekonzepte aus dem vergangenen Jahr und sobald einer sagt, dass es wieder losgeht, geht es bei uns auch wieder los. FOTO: PV



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