19. März 2021, 12:00 Uhr

Eishockey

Mit Authentizität und Leidenschaft auf dem DEL-Kommentatorenplatz

Patrick Bernecker und Dennis Schulz begleiten als Eishockey-Journalisten aus der Wetterau die DEL als Kommentatoren für Magenta TV und Sport 1 durch die Saison. Ein Gespräch über ergreifende Momente und Sprachlosigkeit.
19. März 2021, 12:00 Uhr
Dennis Schulz aus Oppershofen ist seit der vergangenen Saison im Kommentatorenpool.

Patrick Bernecker ist quasi ein Kind der Deutschen Eishockey-Liga. Von 1996 an (zwei Jahre nach deren Gründung) begleitet der 51-Jährige - zunächst als Print-Journalist, seit 2002 als TV-Kommentator - Spieler und Spiele, Klubs und Funktionäre. Mit Dennis Schulz, einem ausgebildeten Radio-Moderator, ist seit der vergangenen Saison ein zweiter Eishockey-Fachmann aus der Wetterau im Kommentatoren-Pool von Magenta TV.

Dennis Schulz, Sie haben selbst semiprofessionell Eishockey gespielt. Inwiefern haben Sie dadurch einen anderen Zugang zum Spiel?

Dennis Schulz: Das ist in manchen Situationen hilfreich. Du weißt aus eigener Erfahrung, was da gerade auf dem Eis passiert, kannst dich in die Spieler hineinversetzen. Man kann vorausschauen, wo der Pass hin soll, welche Idee hinter einer Auszeit steckt und was angesprochen wird.

Sie sind hauptberuflich als Radio-Moderator tätig. Ist es ein Unterschied, für das Radio oder für das Fernsehen zu kommentieren?

Schulz: Ja, ein großer. Beim Radio wird einem die Bedeutung beigebracht, ruhig, locker und entspannt zu sprechen. Beim TV darf man hingegen mit der Stimme spielen, sie mal pressen oder lauter werden. Da dürfen Emotionen dahinter stehen.

Patrick Bernecker, Sie sind journalistisch dem Eishockey seit den 90er-Jahren verbunden. Gab es nie die Überlegung, sich sportlich breiter aufzustellen?

Patrick Bernecker: Nein. Mich hat immer nur Eishockey interessiert und fasziniert. In alle anderen Sportarten hätte ich mich von Grund auf einarbeiten müssen und wäre nicht mir der gleichen Leidenschaft dabei gewesen.

Sie arbeiten zudem in einem Tattoo-Studio in Friedberg. Was bezeichnen Sie als Ihren Hauptberuf?

Bernecker : Bis 2010 war ich ausschließlich als Eishockey-Journalist tätig; neben dem Kommentatoren-Job vor allem im Print-Bereich. Anfangs hatte man monatlich nur zwei TV-Spiele zu kommentieren, paralell habe ich bei den Frankfurt Lions 2007 ein Live-Radio von den Spielen etablieren können. Seit Magenta TV die DEL-Rechte übernommen hat und überträgt, besetze ich zwischen 45 und 60 Spiele, schreibe aber auch noch für das Magazin Dump&Chase. Das Tätowieren kam 2010 dazu, das mache ich hauptsächlich zwischen April und August.

Wie sieht die Vorbereitung auf ein Live-Spiel aus?

Schulz: Meist wissen wir das drei bis sechs Wochen im voraus, wo wir eingesetzt werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, teilweise viel zu viele Dinge vorbereitet zu haben. Man muss nicht jedes Detail wissen, sondern auch einfach mal warten, was im Spiel passiert. Meist beschäftige ich mich ein, zwei Tage im voraus mit dem Spiel und den Mannschaften und spreche mit dem leitenden Redakteur die Themen ab. Da schauen wir beispielsweise auf Torhüterleistungen, Überzahlspiel oder ganz einfach, welcher Spieler gerade gut drauf ist. Darauf legen wir den Fokus, das packen wir ins Interview.

Patrick, wer war über all die Jahre der unbequemste Interviewpartner?

Bernecker: Da ist mir keiner in wirklich schlechter Erinnerung. Klar, manchmal ist das tagesform-abhängig. Aber grundsätzlich sind die Spieler offen, wollen mitmachen. Das ist eine große Familie. Man unterstützt sich. Natürlich ist auch mal einer angefressen oder kurz angebunden, wenn es nicht so gut läuft, und natürlich will man nicht im fünften Spiel hintereinander beantworten müssen, warum das Powerplay nicht funktioniert. Wenn sie es wüssten, würden sie es ja abstellen. Da muss man eben ein bisschen Fingerspitzengefühl einbringen.

Gibt es Momente, die Sie auf dem Reporterplatz auch emotional berühren?

Bernecker: Ja, sicher. Wenn - wie in gerade in den vergangenen Jahren - in Krefeld oder Mannheim Trikots unters Hallendach gezogen werden, verdiente Spieler auf dem Eis stehen, gefeiert werden und deren Tränen in den Augen von den Kameras eingefangen werden, da muss ich auch auf der Tribüne aufpassen. Das ist extrem ergreifend.

Gib es auch Spiele, die einen auch mal sprachlos machen?

Bernecker: Ja, auch das gibt es. Eine Partie irgendwo zwischen dem 25. und 40 Spieltag, wo man merkt, dass einfach mal die Luft raus ist, auch bei den Spielern, wo es dann auch mal langweilig wird. Ich versuche dennoch, immer Spaß zu haben und das auch zu vermitteln. Meine Mutter ist mein schärfster Kritiker. Sie schaut jedes Spiel und sagt mir schon mal, dass ich das Spiel spannender geredet hätte als es war. Ich versuche eben, aus positiven Szenen das Beste herauszuholen.

Sie haben im Jahr 2008 unter anderem das zweitlängste Spiel der DEL-Geschichte kommentiert. Wie erging es Ihnen, bevor in der 118. Minute dann die Entscheidung gefallen ist?

Bernecker: Das war ein Spiel der legendären Playoff-Serie zwischen Iserlohn und Frankfurt. Ja, irgendwann weißt du nicht mehr, was du noch sagen sollst. Da hast du nichts mehr auf dem Zettel, nichts mehr vorbereitet. In Iserlohn war ein Teil der Zuschauer bereits nach Hause gegangen, andere haben geschlafen. Es gab nichts mehr zu Essen und zu Trinken. Der Hals kratzt, die Stimme versagt, und auch die Spieler spielen allenfalls noch mit 60 Prozent ihres eigentlichen Levels. Du weißt, es fällt kein Zaubertor, sondern irgendein Treffer, der vorher dreimal abgefälscht wurde und durchrutscht. Das ist die größte Herausforderung, aber während der Playoffs hast du nun mal auch die geilste Zeit.

Sie kommentieren meist allein, manchmal aber auch mit Experten an Ihrer Seite. Worin unterscheidet sich da Ihre Tätigkeit?

Schulz: Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Wenn man alleine dort sitzt, redet man ins Leere. Mit einem Experten hat man einen Ansprechpartner, und es passieren auch mal kuriose Momente, die witzig sind und die Übertragung auflockern.

Bernecker: In der NHL werden die Spiele immer zu zweit kommentiert, bei uns betrifft das ausgewählte Spiele. Für den Zuschauer ist das ein riesiger Mehrwert, und mir als Kommentator macht’s einfach mehr Spaß. Man kann mal flachsen und Witze machen. Zeitweise mussten wir schon das Mikrofon austasten, weil wir lachen mussten. Wenn Ex-Profis wie Christoph Ullmann, Andy Renz oder Sven Felski neben dir sitzen, dann ist das enormer Bonus. Ich wünschte, wir hätten in jedem Spiel einen Experten.

Können Sie bei Magenta TV denn etwas lockerer kommentieren als man dies von öffentlich-rechtlichen Sendern her gewohnt ist?

Bernecker: Ja, wir haben grundsätzlich sehr viel Spielraum. Ich bin ein Freund von Authentizität. Wir haben keinere große Vorgaben, was geht und was nicht geht. Ich finde es dennoch ein bisschen schade, Spieler siezen zu müssen, da man sich ohne die Kameras ohnehin duzt.

Gibt es Spiele, auf die Sie sich besonders akribisch vorbereiten?

Schulz: Selten. In der Vorsaison hatte ich einmal Krefeld zu kommentieren, als gerade Gerüchte von der Pleite durchgesickert waren. Wir hatten Matthias Roos als damaligen Geschäftsführer als Gesprächspartner. Natürlich beschäftigt man sich da etwas tiefer und intensiver mit dem Thema.

Bernecker: Die Kommentatoren werden nach regionalen Aspekten aufgeteilt. In der Regel bin ich also in Mannheim, Köln, Iserlohn, Düsseldorf oder Krefeld. Da begleitet man die Mannschaften quasi automatisch durch die Saison, weiß, was los ist und ist tief in der Materie. Und zu Hause schaut man ja auch noch Spiele am Bildschirm..

Lange Zeit war ungewiss, ob die Saison 20/21 ausgetragen werden könne. Welche Bedeutung messen Sie dem Spielbetrieb bei?

Schulz: Für die Sportart ist es wichtig, in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Und der bisherige Saisonverlauf hat gezeigt, dass die Konzepte greifen und nur ganz wenige Spiele ausfallen müssen. Ich denke, man ist auf dem richtigen Weg.

Eishockey begleitet Sie beide bereits von früher Kindheit an. Was macht die Faszination aus?

Schulz: Eishockey ist mein Leben. Ich war als kleiner Junge in Bad Nauheim im Stadion, wollte seitdem Torwart werden und bin nie davon weggekommen. Eishockey ist ein ehrlicher, emotionaler Sport. Wenn’s Ärger gibt, gibt’s einen auf die Rübe. Später schüttelt man sich auch wieder die Hände.

Bernecker: Allein die Stimmung ist eine ganz andere als in einem Fußballstadion. Du merkst, wie sich das wechselseitig überträgt. Dazu kommt diese Rasanz. Wir hatten kürzlich bei einem Spiel 100 Torschüsse, die durchkamen - und das in 60 Minuten Spielzeit. So etwas gibt’s im Fußball nicht. Da ist zu wenig Action. Eishockey steht für Schnelligkeit und Körperbeherrschung, ist abwechslungsreich und bringt eine gewisse Härte mit. Ruckzuck kann sich ein Spiel drehen. Alles ist wahnsinnig schnell.

Würden Sie auf einem Zuschauerplatz im Stadion unter Freunden ein Spiel mit anderen Begriffen kommentieren als vom Reporterplatz aus?

Schulz: Nein. Ich kommentiere so, wie ich das Spiel auch gegenüber Freunden schildern würde; vielleicht einen Tick positiver, weil ich den Sport positiv verkaufen möchte. Ich bin am Reporterplatz ich selbst.

Bernecker: Das kann ich nur unterstreichen. Natürlich versucht man, Dinge positiv zu verkaufen. Ich würde niemanden wegen eines Fehlpasses in die Pfanne hauen. Immer nur das Negative anzusprechen - das ist mir zu einfach. Ich habe selbst gespielt, weiß wie schwer das ist und wie schnell mal ein Fehlpass gespielt wird.

Im Steckbrief

Patrick Bernecker ist seit 1996 im Eishockey-Journalismus tätig. Der gebürtige Friedberger, der heute mit seiner Familie in einem Stadtteil von Butzbach lebt, war bis 1998 beim Eishockey Magazin (Sitz in Friedberg) und später bei Eishockey live als Redakteur tätig. Im Februar 2002 rief er mit Eishockey World seine eigene Fachzeitschrift ins Leben.

1999 hat er sein erstes Spiel für das DSF kommentiert, später ist er für Sky Deutschland (damals Premiere), Servus TV, für Sport1 und Telekom Sport und Magenta TV tätig. 2004 erschien von ihm das Sachbuch »Titel, Tore, Tränen: Die Geschichte einer Liga: 10 Jahre Deutsche Eishockey-Liga«.

Bernecker spielte im Nachwuchs des EC Bad Nauheim und später in Amateur-Teams. Zwei Jahre lang war er als Nachwuchstrainer beim EC (Knaben) aktiv.

Dennis Schulz ist ein Medien-Allrounder. Im Funkhaus Aschaffenburg hat der Oppershofener sein Volontariat absolviert. Aktuell moderiert er die tägliche Nachmittagsshow bei Radio Primavera. einmal monatlich spricht er bei »TV Mainfranken« in der eigenen TV-Sendung »mainproject.tv« mit Experten über digitale Zukunftsthemen. Freiberuflich kommentiert er für MagentaTV und Sport1 Spiele der DEL.

Der 27-Jährige hat im Nachwuchs der Roten Teufel gespielt, über Berlin zog es ihn nach Rosenheim. Dort spielte sich der Torwart in den erweiterten Kreis der U-Nationalmannschaft. Für die Löwen Frankfurt absolvierte Schulz sein erstes Profispiel vor 7000 Zuschauern gegen Kassel.

In der Wetterau hat sich Schulz zusammen mit Marcel Heller mit dem Podcast »Afterhour Eierbagge« eine Namen gemacht.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Christoph Ullmann
  • Deutsche Eishockey-Liga
  • Deutsche Telekom AG
  • EC Bad Nauheim
  • Frankfurt Lions
  • Funkhaus Aschaffenburg
  • Fußball
  • Fußballstadien
  • Hörfunk
  • Lions-Club Aschaffenburg
  • Löwen Frankfurt
  • Marcel Heller
  • Play-offs
  • Redakteure
  • Sky Deutschland
  • Sport1 (Germany)
  • Wetterau
  • Michael Nickolaus
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen