02. Juni 2014, 15:38 Uhr

Dopingkontrollen, Motivation, Familie und Druck

Christiane Klopsch und Lea Bäuscher mögen es sportlich gesehen gerne schmerzvoll. Klopsch hat sich mit den 400 Meter Hürden eine der härtesten Bahndisziplinen der Leichtathlethik ausgesucht, Bäuscher läuft gerne lang – und zuweilen auch steil bergauf. Im gemeinsamen Interview sprechen die beiden national erfolgreichen Athletinnen des TSV Friedberg-Fauerbach über die Rahmenbedingungen des Leistungssports: Trainingspartner, Familie, Motivation, Ernährung, Druck, Sportpsychologie und Dopingkontrollen.
02. Juni 2014, 15:38 Uhr
(Foto: Nicole Merz)

Die beiden schnellen Frauen im Kurzportrait:

Lea Bäuscher

Geburtstag: 10. Juni 1982

Wohnort: Friedberg

Beruf: Pädagogin

Haupt-Disziplinen: Berglauf, Marathon

Bestzeiten: 37:30 min/10 Kilometer, 1:22:54 Std./Halbmarathon, 2:58:21/Marathon

Erfolge: Kurzdistanz-EM Berglauf 2009, Langdistanz-WM Berglauf 2012 (im Rahmen des Jungfrau-Marathon/mit dem Team nur knapp Bronze verpasst), Marathon unter drei Stunden.

Ziel 2014: Langdistanz-WM Berglauf in USA.

Christiane Klopsch

Geburtstag: 21. August 1990

Wohnort: Friedberg

Beruf: Studentin

Haupt-Disziplinen: 400 Meter, 400 Meter Hürden

Bestzeiten: 53,42 sec/400 Meter, 56,83 sec/400 Meter Hürden

Erfolge: Zweite bei Team-EM mit Deutschland 2011 und 2013, Deutsche Meisterin 2011, 7. Universiade 2013, EM-Fünfte 4x400 Meter 2012, Teilnehmerin Olympische Spiele 2012.

Ziel 2014: Einzelstart bei der EM in Zürich.

***

Christiane Klopsch, Lea ist vor ein paar Wochen in einem Wettkampf 46 Kilometer gelaufen. Können Sie sich das vorstellen, auch mal zu schaffen?

Christiane Klopsch: Nein, definitiv nicht. Das ist mir zu anstrengend und für den Kopf sehr schwierig. Die Dauerläufe von bis zu einer Stunde im Wintertraining reichen mir.

Lea Bäuscher, wie finden Sie 400 Meter auf der Bahn, dazu noch mit Hürden?

Lea Bäuscher: Ohne Hürden schon eher. Aber die Bahn ist sowieso nicht mein Revier. Das harte Intervalltraining mag ich gar nicht.

Wie viele Stunden investieren Sie wöchentlich in das Training?

Bäuscher: Kommt auf die Einheiten drauf an. Auf dem Rad dauert das ja immer etwas länger. Zwölf bis 18 Stunden mit Kraft- und Zirkeltraining würde ich sagen, in der Hochphase. In zwei Wochen möchte ich mich für die Langdistanz-Weltmeisterschaft im Berglauf qualifizieren, da trainiere ich aktuell natürlich hart.

Klopsch: Im Winter findet die Quälerei statt. Da habe ich neun bis zehn Einheiten in der Woche gemacht, das sind rund 15 Stunden. Im Sommer ist es weniger, die Einheiten sind spritziger. Dafür kommen Wettkämpfe hinzu.

Wie motivieren Sie sich, diesen zeitintensiven Leistungssport zu betreiben?

Klopsch: Man hat ein großes Saisonziel vor Augen. In meinem Fall die EM in Zürich. Im Training muss es schon Erfolgserlebnisse geben. Man kann ja einschätzen, wie man sich entwickelt. Trainingsbestzeiten zeigen, dass man in guter Form ist. Und wenn es gut läuft, will man immer mehr.

Bäuscher: Bei mir motivieren mich die Wettkämpfe, das Training zu forcieren. Im Kraftbereich kann ich mich richtig gut quälen, auf der Bahn ist es viel schwieriger. Ich bin kein Trainingstyp, die guten Wettkämpfe treiben mich an. Aber Training generell fällt mir nicht immer leicht. Gerade wenn man müde ist, ist es nicht einfach, die Motivation zu finden. Ich trainiere auf jeden Fall gerne morgens, vor der Arbeit. Da ich mit Auszubildenden arbeite, die nach ihrer Arbeit zu uns kommen, klappt das ganz gut. [Anm. d. Red.: Bäuscher arbeitet nach ihrem Abschluss als Diplompädagogin beim Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft in Friedberg].

Da müssen Sie sicherlich viel alleine trainieren, oder?

Bäuscher: Ja. Aber ich fahre öfter mit gleichgesinnten Läufern in die Berge. Dort trainieren wir in der Gruppe. Zum Beispiel in der Schweiz oder in den Alpen.

Christiane, Sie sind mit Abstand die schnellste Frau im Verein.

Klopsch: Ich mache am liebsten meine Läufe auf der Bahn vormittags, wenn nicht so viel Gewusel ist. Im Winter haben wir es oft so gemacht, dass die Mädels vor mir gestartet sind und ich musste sie einholen. Oder langsamere Männer laufen mit. Es klappt immer irgendwie. Ich bin es nicht anders gewohnt.

Von Vereinskollegen abgesehen, mit wem trainieren Sie gerne – oder würden Sie gerne mal trainieren?

Klopsch: Ich trainiere gerne mit Julia Förster, einer Freundin und Disziplin-Kollegin aus Leverkusen. Mit ihr ist es auf jeden Fall immer witzig. Ob auch effektiv, weiß man nicht so genau (lacht).

Lea, Sie haben schon oft mit Herbert Steffny trainiert, dem ehemaligen deutschen Spitzenläufer. Beispielsweise waren Sie gemeinsam in Kenia im Trainingslager.

Bäuscher: Er hat mir eine Weile sogar mal Trainingspläne geschrieben. Ich kann mich immer an ihn wenden, wenn ich eine Frage habe. Grundsätzlich habe ich ein sehr komplexes Training mit viel Kraft und Alternativeinheiten wie Aquajogging. Ich habe noch nicht denjenigen gefunden, der mich da genau auf meine Bedürfnisse trainieren könnte. Ich habe viel von meiner Physiotherapeutin gelernt, weil ich ja auch schon sehr oft verletzt war.

Sie sind also Ihre eigene Trainerin?

Bäuscher. Ja. Das finde ich aber nicht immer gut. Vielleicht könnte ich mich aber mit einem festgeschrieben Plan etwas mehr quälen. Ich höre einfach auf meinen Körper und versuche, das Beste herauszuholen. Ich lasse mir halt nicht gerne reinreden. Manchmal aber schon. In der Vorbereitung auf wichtige Bergrennen hole ich mir Tipps vom Bundestrainer zum Beispiel.

Christiane, wie läuft bei Ihnen die Zusammenarbeit mit Trainerin Sieglinde Weber?

Klopsch: Unser Verhältnis basiert nach zehn Jahren auf ganz viel Vertrauen. Wir kennen uns total gut. Sie weiß genau, wie ich ticke und kann genau auf mich eingehen. Sie ist zeitlich sehr flexibel, das kommt mir sehr entgegen. Ich habe im vergangenen halben Jahr meine Bachelor-Arbeit geschrieben und kann mich voll auf den Sport konzentrieren. Da können wir also auch mal morgens oder kurzfristig individuell trainieren.

Welche Rolle spielt für Sie die richtige Ernährung?

Klopsch: Mittlerweile eine wichtige, denn damit kann man einiges rausholen. Früher habe ich mir da keine Gedanken drüber gemacht. Heute arbeite ich mit einer Ernährungsberaterin zusammen und bin total angetan. Ich musste ein bisschen was umstellen, aber ich muss nicht leiden. Nur ein bisschen auf mein Gewicht achten und den Körper unterstützen bei der Hochleistung, die er bringen soll.

Bäuscher: Ich bin so aufgewachsen, dass ich mich relativ gesund ernähre. Von daher fällt mir das nicht schwer.

Wie sieht die Anspannung vor dem Wettkampf aus? Gibt es bei Ihnen verschiedene Stufen, je nach Wichtigkeit des Wettkampfs?

Bäuscher: Bei wichtigen Wettkämpfen bin ich total nervös. Aber ich versuche, mich selber runterzubringen. So nach dem Motto: Die anderen kochen auch nur mit Wasser. Aber ein gewisser Druck ist immer da. Auch schon, wenn mir der Veranstalter bei einem Dorflauf die Startnummer eins gibt.

Klopsch: Ich bin immer aufgeregt, denn man hat immer gewisse Ansprüche an sich. Manchmal geht es in die Hose, da kann man das Adrenalin nicht richtig nutzen. Meistens setzt man es aber positiv um. Ich versuche immer, mich aggressiv zu machen mit der Einstellung »heute haust du einen raus«.

Kann hier ein Sportpsychologe helfen?

Klopsch: Nein. Aber ich habe schon drüber nachgedacht. Zum Beispiel vor zwei Jahren, als über die Hürden nicht viel zusammenlief. Da habe ich mir sehr viel Druck gemacht. Ich scheue mich noch etwas, denn ich habe schon oft gehört, dass es schwierig ist, den richtigen Fachmann zu finden.

Bäuscher: Ich komme ja aus dem Pädagogikbereich und habe das mal mit einer ehemaligen Kollegin ausprobiert. Die Ansätze waren sehr interessant. Aber ich habe gemerkt, dass ich das nicht dauerhaft brauche. Die Kosten-Nutzen-Rechnung ist vorallendingen schwierig. Paar Hundert Euro für zwei, drei Aspekte, die man für sich gewinnen kann?! Ich habe mir parallel ein paar Dinge angelesen, angewendet und daraus meine Schlüsse gezogen.

Welche Rituale gibt es bei Ihnen vor Wettkämpfen?

Bäuscher: Musik. Aber ich verrate nicht, was (lacht). Es wechselt auch. Das motiviert mich. Das funktioniert nicht immer. Ein Glas Rotwein am Abend vorher hat in letzter Zeit gute Wirkung gezeigt. Ich überlege, das als Tradition einzuführen.

Klopsch: Man versucht, die Sachen immer so zu machen, wie man es bei erfolgreichen Wettkämpfen gemacht hat. Diesen Tick hat glaube ich jeder Athlet. Ich kann nicht genau sagen, was es ist. Ich überlege mir vorher immer: Wie war die Vorbereitung beim letzten Mal, als es super lief? Dann versuche ich, die Dinge ähnlich zu machen. Beispielsweise wenn der Wettkampf nachmittags ist, spaziere ich morgens nach dem Frühstück gerne. Schon mal konzentrieren, auf den Wettkampf einstimmen. Das habe ich mir in der Hallensaison angewöhnt. Musik brauche ich auch immer, beim Warmmachen.

Von wem – außer von Ihrem Verein – werden Sie in welcher Form unterstützt?

Bäuscher: Lukrativ ist Berglauf nicht. Im Kader bin ich nicht, aber ich bin im Dunstkreis des Deutschen Leichtathletik-Verbandes DLV. Ich erhalte also am Ende des Jahres die Informationen, welche Quali-Rennen ich für was im Jahr darauf laufen muss. Zudem hilft mir der Berglauf-Bundestrainer, wo er nur kann. Mit der Organisation von Übernachtungen, Trainingslagern etc. Zudem bin ich im Asics Frontrunners Team. Nach der Auflösung des Salomon-Berglaufteams war ich froh, diese Chance bekommen zu haben. Ich bekomme Klamotten, Schuhe und andere Produkte, außerdem erhalten wir Startplätze für spezielle Rennen. Im Gegenzug müssen wir uns natürlich etwas vermarkten. In diesem Team sind Läufer aller Leistungsklassen dabei. In einem solchen Trikot hast du nicht den Druck wie beim Salomon-Team. Dort waren nur Topläufer dabei.

Klopsch: Ich bin im B-Kader des DLV und bekomme dadurch beispielsweise Zuschüsse fürs Trainingslager. Dazu kommt die Sporthilfe Hessen, dort bin ich auch in einem Perspektivteam für Rio 2016. Von der Deutschen Sporthilfe bin ich lange, auch mit einem Stipendium, unterstützt worden. Das ist ein reines Belohnungssystem, das ich in dieser Form jedoch nicht gut finde. Bist du eine Saison etwas schwächer, fliegst du raus. Das ist mir nun nach der vergangenen Saison passiert, obwohl 2013 nicht mal ein schlechtes Jahr war. Ich hätte gerne mehr Planungssicherheit. Ich muss nebenbei arbeiten [Anm. d. Red.: Klopsch arbeitet als freie Mitarbeiterin in der Medienbranche], um mein Leben zu finanzieren. Das steht im Widerspruch zur Zielsetzung des Verbandes, dass wir uns voll auf den Sport konzentrieren sollen.

Christiane, Ihre Familie ist total leichtathletikverrückt.

Klopsch: Das stimmt – und es ist sehr wichtig für mich. Ich bin absoluter Familienmensch. Meine Schwestern haben früher auch Leichtathletik betrieben, meine Mutter ist Kampfrichterin und mein Vater ist in der Seniorengruppe dabei. Alle helfen beim TSV und unterstützen mich sowie den Verein, wo sie nur können. Meine Eltern sind eigentlich immer dabei. Das ist sehr wichtig. Bei größeren Wettkämpfen gibt es mir ein gutes Gefühl, wenn wir beim Einlaufen in das Stadion nochmal Blickkontakt haben. Es ist Gold wert, dass sie da sind. Das gibt mir immer Kraft, egal wie alt ich bin.

Lea, wie sieht es bei Ihnen aus?

Bäuscher: Etwas anders. Ich habe erst mit dem Sport so richtig angefangen, seitdem ich nicht mehr daheim bei Köln wohne. Nichtsdestotrotz habe ich meine Eltern gerne dabei. Beim Marathon haben sie sich schon als gute Wasserträger bewiesen. Sicherlich wäre es schön, wenn sie öfter dabei sein könnten.

Wie sieht es mit Dopingkontrollen aus?

Klopsch: Habe ich etwa alle halbes Jahr. Ich muss meinen Aufenthaltsort bei der NADA immer angeben und aktualisieren. Das ist seit mehreren Jahren so, man gewöhnt sich dran. Es wird nur Zeit für eine Android-App, um nicht immer einen Laptop organisieren zu müssen – wenn man kein Apple-Produkt besitzt.

Bäuscher: Ich bin noch nie kontrolliert worden und bin nicht im Kontrollsystem.

Lea, könnten Sie sich eigentlich Urlaub am Strand vorstellen?

Bäuscher: Ich bin kein Strandlieger, ich brauche auch keinen Hotelpool. Ich muss immer was sehen und aktiv sein. Wir haben früher viele Trekking-Urlaube gemacht.

Klopsch: Kann man die Berge rein touristisch eigentlich noch schön finden? Wenn ich in den Bad Nauheimer Wald gehe, erinnert mich das immer an harte Waldeinheiten.

Bäuscher: Dafür mag ich die Bahn nicht. Das Geilste an einem Berg-Wettkampf ist die Aussicht danach.

Christiane, welches Land würde Sie für den nächsten Urlaub reizen?

Klopsch: Die USA oder Südafrika. Urlaub hat für mich immer etwas mit Strand zu tun.

Was ist Ihre typische Charaktereigenschaft?

Bäuscher: Die habe ich kürzlich in meinem Seminar kennengelernt: Ungeduld. Dazu bin ich nicht entscheidungsfreudig. Ich bin aber glaube ich sehr selbstständig.

Klopsch: Fröhlichkeit.

Zum Abschluss, welche Sportart neben der Leichtathletik könnten Sie sich vorstellen, leistungsmäßig auszuüben?

Klopsch: Außer Leichtathletik kann ich nix (lacht). Schwimmen hat mir in der Schule immer Spaß gemacht, da war ich ganz gut.

Bäuscher: Unter der gegebenen Grobmotorik ist kaum etwas anderes möglich. Ich habe mich früher mal im Basketball versucht, das war aber von der Körpergröße ein Problem.



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