30. März 2016, 21:33 Uhr

Harter Aufprall für den WSV Oppershofen?

(mn) Handball-Hochburg – das war einmal. Oppershofen, das die Wetterau einst in der Oberliga vertrat, steht heute vor dem Abstieg in die Bezirksliga A. Der WSV ist Tabellenletzter in der Bezirksoberliga. Eine »logische Konsequenz«, meint Raphael Siegel. Er ist mit 37 Jahren schon ein Urgestein.
30. März 2016, 21:33 Uhr
Raphael Siegel spielte mehr als ein Jahrzehnt für den WSV. Heute koordiniert er die Belange der Männermannschaft.

Siegel ist ein Eigengewächs. 15 Jahre lang war der Informatiker im WSV-Kader gesetzt, spielte unter Otfried Schwarz in der Ober-, Landes- und Bezirksoberliga. Heute kümmert er sich um die Öffentlichkeitsarbeit des 450 Mitglieder starken Vereins und koordiniert die Belange der Männermannschaft. Fünf Spieltage vor Saisonende leuchtet beim WSV die rote Laterne. Nur sieben Zähler wurden in 19 Spielen gewonnen, ein Punkt wird dem Klub noch aberkannt, weil das Schiedsrichtersoll nicht erfüllt worden ist. Mindestens zwei Zähler fehlen fünf Spieltage vor Saisonende, um den Relegationsplatz erreichen zu können. Im WZ-Interview nennt Siegel Gründe für die langsame, aber stetige Talfahrt, spricht über Konsequenzen und Hoffnungen.

Raphael Siegel, ist ein Abstieg noch zu verhindern?

Raphael Siegel: Das ist sicherlich extrem schwer. Betrachtet man die letzten sechs Spiele, die wir alle mit neun oder mehr Toren verloren haben, muss man sagen, dass wir zu Recht Tabellenletzter und aktuell nicht konkurrenzfähig sind. Glücklicherweise beträgt der Rückstand trotz der miserablen Punkteausbeute aktuell nur zwei Zähler.

Worauf führen Sie die jüngste Entwicklung zurück?

Siegel: Der WSV ist schon länger abstiegsbedroht. In der Saison 2014/2015 sind wir Zwölfter geworden, die Jahre davor Elfter und Zwölfter. Von Jahr zu Jahr haben wir Leistungsträger verloren; zuletzt Tobias Kreuzer, der studienbedingt beim HSC Erfurt spielt. Zusätzlich konnten Oliver Roth und Julian Muth in der Hinrunde nicht mitwirken. Da auch zu wenige Jugendspieler in den letzten Jahren in den Aktivenbereich kamen, konnte das Defizit nicht ausgeglichen werden. Im Bereich der männlichen Jugend A und B sind wir beispielsweise überhaupt nicht vertreten.

Was gibt Ihnen dennoch Hoffnung?

Siegel: In den vergangenen Jahren haben wir es immer geschafft, noch mal alle Kräfte zu mobilisieren und den Abstieg abzuwenden. In diesem Jahr ist die Ausgangslage sicherlich noch schlechter als in den letzten Spielzeiten.

Welche Konsequenzen hätte ein Abstieg?

Siegel: Personell ist ein eklatanter Einschnitt nicht zu erwarten. Christian Schmidt zieht es zur TG Friedberg, und Martin Schmidt beendet seine Laufbahn. Das ist allerdings unabhängig von der sportlichen Situation. Bei einigen Spielern gibt es noch Fragezeichen aufgrund der beruflichen Situation. Der Großteil der Jungs würde aber auch nach einem Abstieg noch für den WSV Handball spielen.

Sehen Sie auch Folgen für die Nachwuchsarbeit?

Siegel: Was die Besetzung von Jugendmannschaften angeht, tun wir uns aktuell schon schwer. Das geht anderen Vereinen in der Umgebung aber auch so und ist ebenfalls unabhängig von einem Abstieg. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Wir haben beispielsweise nur ein sehr kleines Einzugsgebiet, haben nur wenig Flexibilität bei den Hallenzeiten, die wir uns in Rockenberg mit einigen anderen Vereinen teilen. Sicherlich wäre ein Abstieg dann etwas zusätzlich Negatives, aber Punkte wie Zuschauerinteresse und Motivation von Jugendspielern hängen eher an anderen Faktoren, wie der Stimmung im Verein und den Trainingsbedingungen.

Der WSV war einst ein Aushängeschild in der Wetterau, spielte in der Oberliga. Was ist in den letzten zehn, 15 Jahren passiert? Inwiefern hat sich der Handball, hat sich der WSV verändert?

Siegel: Vor genau zehn Jahren waren wir bereits in der Bezirksoberliga gestrandet. Vor 13 Jahren haben wir noch in der Oberliga Hessen gespielt und waren wirklich ein Aushängeschild. Man muss aber auch sagen, dass es ein glückliches Zusammenspiel einiger Faktoren war, die das ermöglichten. Wir hatten in zwei Jahrgängen viele talentierte Spieler die fast als komplette Mannschaft in den aktiven Bereich wechselten. Dazukamen einige ältere Spieler und mit Otfried Schwarz ein engagierter und qualifizierter Trainer, die dem wilden Haufen eine Struktur gaben. Durch einen guten Zusammenhalt in der Mannschaft und hartes Training konnten wir dann tatsächlich als sehr kleiner Verein Oberliga spielen.

Hätte nicht gerade ein Verein von der Größe des WSV nicht noch mehr auf den eigenen Nachwuchs setzen müssen?

Siegel: Dafür sind zwei Faktoren unabdingbar. Man benötigt zum einen eine Vielzahl an engagierten und qualifizierten Personen. Diese sind in einer Gemeinde mit rund 4400 Einwohnern nicht zu akquirieren, und außerhalb hat unser Handballverein nie verstärkt gesucht. Zum anderen gibt die Infrastruktur der Gemeinde nicht mehr her. Es gibt nur eine Ballsporthalle, und diese müssen wir uns mit anderen Vereinen teilen, die teilweise auch keinen Ballsport praktizieren oder an keinen Wettkämpfen teilnehmen. Heutzutage ist es aufgrund von Beruf und Schule kaum möglich, vor 16 Uhr zu trainieren. Damit bleiben uns für alle Handballmannschaften während der Wettkampfphase im Winter nur 13 Stunden Hallenzeit. Jeder Trainer und jeder Spieler, der ambitioniert ist, will zweimal die Wochen trainieren, das konnten und können wir zu keiner Zeit bieten. Damit haben wir einen echten Nachteil gegenüber Vereinen, die in einer Stadt wie Bad Nauheim oder Butzbach Trainingszeiten in mehreren Hallen nutzen können. Bedenkt man zudem, dass in den letzten zwölf Jahren die Anzahl der Jugendmannschaften des DHB um ein Drittel geschrumpft ist, wird es für Vereine ohne gute Ausgangslage einfach zu schwer. Für uns konkret heißt dies, dass wir wahrscheinlich weiter schrumpfen.

Der WSV Oppershofen sieht sich als eine große Familie. Ist das noch zeitgemäß, wenn man in der Bezirksoberliga mithalten möchte?

Siegel: Auch wenn ich es persönlich sehr gut finde, wenn ein Verein eine familiäre Note hat, so ist es wahrscheinlich aktuell für sportlich ambitionierte Handballvereine nicht mehr zeitgemäß. Viele Eltern sehen Vereine als eine Art Dienstleister, die gegen einen Jahresbeitrag ihren Kindern etwas ermöglichen. Es gibt kaum Leute, die zusätzlich aus freien Stücken Vereinsarbeit ohne Gegenleistung übernehmen. Die formellen Anforderungen an einen Verein seitens der Verbände steigen und größeres finanzielles Engagement von Sponsoren ist für uns aufgrund der Größe der Gemeinde schwer zu erhalten. Da ist es nicht leicht, mit einer Familienphilosophie in der heutigen Zeit sportlich auch erfolgreich zu sein. Zumindest wir beim WSV haben das nicht erreichen können.

Betrachten Sie einen drohenden Abstieg eher als eine Art Betriebsunfall oder die logische Konsequenz? Kann der Weg auch direkt wieder zurückführen?

Siegel: Der Abstieg wäre eine logische Konsequenz. An dieser Stelle will ich aber noch betonen, dass ich uns, also die aktiven Personen des WSV Oppershofen, nicht von jeder Schuld an unserer aktuellen Misere freispreche. Mit mehr Engagement und Innovation wäre auch heute eine bessere Ausgangslage möglich. Ob ein direkter Wiederaufstieg möglich ist, kann ich nicht sagen, dafür kenne ich die Gegner in der Bezirksliga A zu wenig.



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