04. Juli 2016, 16:13 Uhr

Nach dem EM-Spiel: »Du musst nicht auf der Couch schlafen«

(mn) Sie hat italienische Wurzeln, südländisches Temperament und Fußball-Sachverstand. Er ist Deutscher und in einer fußball-verrückten Familie groß geworden. Patrizia Giglio und Robert Giglio-Sauer sind ein Paar. Der EM-Klassiker zwischen Deutschland und Italien hat das Duo für einen Abend emotional zerrissen.
04. Juli 2016, 16:13 Uhr
Für einen Fußball-Abend emotional entzweit: Patrizia Giglio und Robert Giglio-Sauer aus Bad Nauheim. (Foto: Michael Nickolaus)

Was? 3:0 für Deutschland? Wie kommst Du denn darauf?« Patrizia Giglio ist entsetzt als sie von der Einschätzung ihres Mannes erfährt. »Für diesen Tipp schläfst Du heute Nacht auf der Couch. Italien gewinnt 3:2«, hält sie augenzwinkernd dagegen. Beide lachen. Das Paar ist eine Stunde vor dem Anstoß schon so richtig in seinem Element. Es wird gestichelt, es wird gefrozelt. Leidenschaftlich. Aber: »Egal, wie es ausgeht, wir hoffen auf ein richtig gutes Fußballspiel«, sagt Robert Giglio-Sauer und drückt seiner Frau einen Kuss auf die Wange.

Patrizia und Robert sind seit fünfeinhalb Jahren ein Paar, vor sechs Wochen wurde geheiratet. Die beiden Bad Nauheimer schauen Fußball so oft es irgendwie geht. Das EM-Viertelfinale von 2012 war einst die erste Bewährungsprobe in der sportlichen Zweisamkeit Den Doppelpack von Mario Balotelli haben beide Seite an Seite gesehen, mit unterschiedlichen Emotionen. »Das war im ersten Moment schon ein komisches Gefühl. Deutschland verliert - und der Partner jubelt«, sagt er und verrät noch, anschließend zum Auto-Korso in den Wagen seiner Frau gestiegen zu sein. »Auf die Rückbank. Den großen Italien-Hut hatte ich tief ins Gesicht gezogen, damit mich keiner erkennt«, sagt er und kann heute darüber lachen.

In der Lutherstraße, in der Wohnung seiner Eltern, ist gute Laune am Samstagabend garantiert. So oder so - ganz unabhängig vom Resultat. Eva Sauer, Roberts Mutter, feiert Geburtstag, Familie und Freunde erscheinen überwiegend im Trikot. Die Gesichter werden jedem Gast in den Farben beider Nationen geschminkt. Im Wohnzimmer wurde der Fernseher für die Europameisterschaft durch einen Beamer ersetzt, Flaggen Deutschlands und Italiens schmücken den Raum und das Büffet. Zur fußballerischen Fachsimpelei, zur Einstimmung auf das Spiel, finden sich im Hause Sauer neben dem jungen Paar noch reichlich Gesprächspartner. Peter, Roberts Vater, ist Trainer des Frauenfußball-Gruppenligisten Spvgg. 08 Bad Nauheim, wo Lara, Roberts Schwester, zu den Leistungsträgerinnen zählt. Bruder Marius, im Herzen ebenfalls ein »Nullachter«, kickt nur aufgrund seines Umzugs in das Rhein-Main-Gebiet nicht mehr in seinem Heimatverein, und schließlich hat Onkel Norbert als familieninterner Tippkönig sowieso Expertenstatus.

Sie sei von klein auf Fußball-Fan, das habe nichts mit ihrem Mann zu tun, sagt Patrizia Giglio, Tochter eines italienisches Vaters und einer deutschen Mutter, und bekennt ihre Sympathie zu Inter Mailand. Ehemann Robert leidet derweil mit Eintracht Frankfurt. Während der Schulzeit war er Stammgast im damaligen Waldstadion, heute sitzt er auf der Tribüne »so oft es eben geht.« Die elterliche Couch hält er für ein gutes Omen. Fast die komplette WM 2014 habe er hier verfolgt - »und da wurden wir Weltmeister.«

Benedikt Höwedes anstelle von Julian Draxler: Die Entscheidung des Bundestrainers sorgt schnell für Gesprächsstoff in der 20-köpfigen Runde. Auf dem Smartphone werden die letzten spöttischen Video- und Musikclips zum deutsch-italienischen Duell ausgetauscht - die Vorfreude ist groß. Als die Mannschaften das Spielfeld betreten, sind die besten Plätze im Wohnzimmer vergeben. Peter und Marius verfolgen die erste Hälfte gar im Stehen, die Anspannung ist spürbar. Eine rasche liebevolle Umarmung noch - dann fiebern Patrizia und Robert mit ihren Teams. Während Robert die Aktionen mit Worten und Gesten verfolgt, sitzt Patrizia überraschend gelassen auf dem Sofa. Selbst das Gegentor, das die Party-Gesellschaft zu Freudentänzchen animiert, nimmt sie unbeeindruckt hin. »Es sind doch noch 25 Minuten Zeit. Noch ist nichts entschieden.« Auch der Ausgleich bringt die »Vollblutitalienerin«, wie sie von ihrem Mann genannt wird, nicht aus dem emotionalen Gleichgewicht. »Es geht bei Null los. Mehr nicht.«

Mit jeder Minute, später mit jedem Elfmeter, steigt die Lautstärke im Zimmer; mit ihr die Anspannung und die Temperatur. Die geschminkten Flaggen in den Gesichtern sind längst verlaufen, als Jonas Hector die Partie zugunsten von Deutschland entscheidet und Gefühle freisetzt. »Der Sieg ist verdient. Italien hat gar nicht versucht, das Spiel vor dem Elfmeterschießen zu entscheiden«, sagt Robert, der seine Frau nach den ersten Jubelschreien tröstend in den Arm nimmt. »Spannender geht’s nicht. Und es kann nur einer gewinnen«, zeigt sich Patrizia als faire Verliererin und sagt: »Robert, Du musst natürlich nicht auf der Couch schlafen.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos