31. August 2014, 12:48 Uhr

Jedes Bundesliga-Jahr ist ein Geschenk

Dag Heydecker gehört zum Stammpersonal der Fußball-Bundesliga. Abseits der Kameras. Handy und Computer sind das Handwerkszeug des Steinfurthers, Kommunikation, Leidenschaft und Überzeugungskraft seine Stärke. Heydecker verantwortet als Geschäftsführer die Bereiche Marketing, Vertrieb, Ticketing und CSR bei Mainz 05.
31. August 2014, 12:48 Uhr
Der Wetterauer in der Fußball-Bundesliga: Dag Heydecker ist Geschäftsführer Marketing und Vertrieb beim FSV Mainz 05.

Im Mai 2008 war Heydecker parallel zum Aufstieg der Nullfünfer von den Adler Mannheim aus der Deutschen Eishockey-Liga zu den Rheinhessen gewechselt. Der Kontakt in die Heimat hat er nicht abreißen lassen. In Ober-Mörlen leben seine Eltern, in Bad Nauheim wohnt seine Tochter Julia. WZ-Redakteur Michael Nickolaus hat den Wetterauer in den Bundesliga getroffen. Bei einer Apfelsaftschorle spricht Heydecker

. . . über die Bedeutung des WM-Titels für die Bundesliga: »Der Titel in Brasilien wertet die Bundesliga noch einmal auf. Wir hatten schon vergangene Saison den höchsten Zuschauerschnitt weltweit. Zudem kann die Bundesliga in alle 205 FIFA-Territorien übertragen werden. Wenn wir am Sonntag gegen Hannover 96 spielen, schauen da ungefähr 150 Länder live zu. Das wär vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Auch die Amerikaner entdecken Fußball-Deutschland und haben sich ab der Runde 15/16 zu einem erheblichen Ausbau der Übertragungen entschlossen. Dann haben wir eine Reichweite von 750 Millionen Haushalten.«

. . . über die Freundschaft mit Hansi Flick: »Wir waren fünf Jahre gemeinsam in Hoffenheim, eine schöne Zeit. Es hat mich persönlich für Hansi sehr gefreut, dass er in Brasilien diesen tollen Abschluss als Assistent von Jogi Löw hatte. Nun wird er DFB-Sportdirektor, und er wird auch diese Aufgabe mit großer Begeisterung und Akribie angehen. Wir telefonieren regelmäßig, und er kommt ja auch öfter nach Mainz zum Spiel.«

. . . über das überraschende Ende der Ära Thomas Tuchel: »Das war durchaus ungewöhnlich, denn Thomas hat insgesamt sechs Jahre lang eine herausragende Arbeit bei Mainz 05 geleistet. Als er nach dem letzten Saisonspiel gegen den Hamburger SV beim internen Abschlussfest das Mikrofon ergriff, war das schon sehr emotional. Er fühlte sich einfach leer und nicht mehr in der Lage, mit dieser ihm eigenen und unglaublichen Intensität seine Arbeit fortzusetzen. Mainz 05 hat ihm viel zu verdanken. Wir standen mit Tuchel niemals auf einem Abstiegsplatz und belegen, wenn man die letzten fünf Jahre in Punkten addiert, den sechsten Platz in der Bundesliga.«

. . . über den neuen Trainer Kasper Hjulmand: »Ich finde es sehr professionell, wie unser Manager Christian Heidel den neuen Trainer gescannt und dann auch zielstrebig verpflichtet hat. Dass Kasper bisher ausschließlich in Dänemark gearbeitet hat, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Er hat ein klare Philosophie und hat bewiesen, dass er aus wenig viel machen kann. Wir alle hätten ihm einen besseren Start gewünscht.«

. . . über das Aus in der Europa League: »Alle waren tief enttäuscht, dass wir gleich wieder in der dritten Qualifikationsrunde rausgeflogen sind. Die Rückreise von Griechenland nach Mainz war schon sehr lange. Niemand hat im Flugzeug ein Wort gesprochen. Wir haben ja dann auch die Tage danach ordentlich was zu lesen bekommen. Blamage und Schande waren so die häufigsten Worte. Aber wir haben nun mal in der Bundesliga Platz sieben erreicht. Bei uns hat sich inzwischen wieder eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entwickelt. Es geht weiter, immer weiter. Heute bist du Depp, morgen Held.«

. . . über die Pokal-Pleite in Chemnitz: »Für jeden neutralen Beobachter ein Fest mit wunderschönen Toren und einem Elfmeterschießen, das der Underdog dann auch noch gewinnt. Als Mainzer kriegst du dramatische Bauchschmerzen. Das Spiel war so unwirklich. Die Chemnitzer haben sechsmal auf’s Tor geschossen und fünfmal getroffen. Sie haben super gespielt und sind aus ihrer Sicht verdient weitergekommen. Aber auch andere Bundesligisten sind gescheitert. Bei uns war das eben dreifach bitter, denn wir haben einen neuen Trainer und sind vorher auch in der Europa League gegen einen Underdog gescheitert.«

. . . über den plötzlichen Verkauf von Nicolai Müller: »Nicolais Vertrag wäre 2015 ausgelaufen. Er verdient beim HSV wesentlich mehr Geld. Da musste unser Manager Christian Heidel pragmatisch handeln. Es bringt ja nichts, wenn der Spieler unbedingt und aus verständlichen Gründen wechseln will und wir stur bleiben. So haben wir eine Ablöse von fast fünf Millionen Euro bekommen. Natürlich, Dortmund hat das mit Lewandowski letztes Jahr durchgezogen und die vorzeitige Freigabe zum FC Bayern verhindert. Aber Dortmund kann sich das leisten.«

. . . über die Erwartungen in Mainz: »Die sind natürlich in den letzten Jahren durch den stetigen Aufschwung gestiegen. Wir belegten in der letzten Saison Platz sieben, eine Sensation, wenn man unsere Möglichkeiten realistisch betrachtet. Das war gefühlt eine deutsche Meisterschaft. Für Mainz 05 ist jedes Jahr in dieser Liga ein Geschenk. Daher ist es für uns klar, dass wir auch in dieser Saison zunächst einmal drei Teams hinter uns lassen möchten. Und das wird wieder sehr, sehr schwer. Man darf auch nicht vergessen, wie rasant wir in den letzten Jahren gewachsen sind. Wir haben unseren Zuschauerschnitt auf 30 000 pro Spiel fast verdoppelt. 2008 hatten wir 15 Mitarbeiter, heute sind es alleine in der Verwaltung 60. Unsere U23 spielt inzwischen in der 3. Liga, mit der U17 und der U19 kicken wir in der Spitzengruppe der Bundesliga mit.«

. . . über Mainzer Fans in der Wetterau: »Wir haben aktuell rund 800 Dauerkartenkunden aus der Wetterau. Die Zahl hat sich seit dem Umzug in die Coface Arena vor drei Jahren fast verfünffacht. Das freut uns sehr.«

. . . über die Stimmung bei Mainzer Heimspielen: »Die Stimmung ist nach wie vor prima. Unser Stadion ist eng, die Fans haben von allen Plätzen beste Sicht. Wir sind ein familiär geprägter Verein, das merkt man an der Atmosphäre. Der Gegner wird in der Regel fair behandelt, mir gefällt diese Mentalität ausgesprochen gut.«

. . . über die Asiaten bei Mainz 05 : »Mit Koo und Park haben wir zwei Koreaner und mit Okazaki den erfolgreichsten Japaner, der jemals in der Bundesliga gespielt hat. Jedenfalls hat er vergangene Saison mit 15 Toren einen Rekord aufgestellt. In der Rhein-Main-Region leben viele Koreaner, und einige kommen inzwischen regelmäßig zu unseren Spielen. Die Japaner sind noch einen Tick fußballverrückter. Okazaki ist in Japan ein Held, sein Trikot ist mit am begehrtesten. Ihre Mentalität, dieser nimmermüde Einsatz, das hilft uns sehr. Sie lieben das Teamwork und sind wirklich nette Jungs. Schwer ist es allerdings, Kontakte zu koreanischen und japanischen Unternehmen aufzubauen..«

. . . über einen Verein wie RB Leipzig: »Ich gehe jede Wette ein, dass RB Leipzig den Durchmarsch schafft und nach dieser Saison aufsteigt. Damit haben wir einen weiteren Klub in der Bundesliga, der die 50+1-Regel vom Grundgedanken her unterwandert. In Hoffenheim oder Wolfsburg ist das nicht anders. In Leipzig aber eröffnet sich eine neue Dimension. Durch das Mäzenatentum von Red Bull hat dieser Verein riesige Gelder zur Verfügung. Nein, wir sind nicht neidisch, aber wir betrachten mit Sorge diese Entwicklung. Red Bull hat das aus der Sicht des Marketings sehr schlau gemacht. Leipzig lechzt nach attraktivem Fußball, die haben ein WM-Stadion und bekommen von einem Mäzen, der sein Produkt über die Plattform Fußball gigantisch vertreibt, unvorstellbare Summen zur Verfügung gestellt.«

. . . über Investoren in der Bundesliga: »Vereine als reine Geschäftsmodelle zu sehen, ist nach unserer Ansicht der falsche Weg. Bei einem Finanzinvestor steht die Gewinnoptimierung an erster Stelle. Die Entscheidungshoheit im sportlichen und finanziellen Bereich muss aber immer bei uns, dem Verein, bleiben. Schauen wir mal zum Hamburger SV, dort nimmt der Mäzen signifikant Einfluss. Denkbar ist die Partnerschaft mit einem strategischen Investor. Solche Investoren wollen ein partnerschaftliches Verhältnis, von dem beide Seiten profitieren. Diese Partner haben wir schon, und wir suchen weiter.«

. . . über die Rivalität zu Eintracht Frankfurt: »Das Verhältnis ist absolut entspannt und auf der Führungsebene freundschaftlich zu nennen. Wir sind sozusagen ziemlich gute Nachbarn. Die Derbys verlaufen ja auch seit Jahren friedlich. Sportlich sind wir natürlich im Wettstreit. Die Eintracht hat in vielen Bereichen Vorteile – eine fast viermal so große Stadt, ein riesiges Einzugsgebiet, große, in Frankfurt ansässige Unternehmen, die Erfolge aus den 60er und 80er Jahren, das können wir nun mal nicht bieten. Der Fußball in Mainz wurde mit der Ära Jürgen Klopp wach geküsst. Das war 2002. Aber wir haben seitdem mächtig aufgeholt und spielen jetzt auch schon seit sechs Jahren ununterbrochen in der Bundesliga.«

. . . über den Sonderpreis Integration: »Diesen hochangesehen Preis haben wir kürzlich vom DFB und Mercedes-Benz bekommen. Das ist das Resultat unserer vielfältigen sozialer Aktivitäten. Das Signal heißt: Wir sind mehr als ein Fußball-Bundesligaverein, wir haben auch soziale und gesellschaftliche Verpflichtungen.«



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