16. Oktober 2015, 09:53 Uhr

»Wir sehen uns in der Ecke«

(mn) »Mach’s gut. Wir sehen dann uns Sonntag in der Ecke.« Mit einem Augenzwinkern hat sich Norman Martens von Patrick Strauch verabschiedet. Vor dem Derby der DEL 2 hat die WZ-Redaktion den Löwen aus Frankfurt und den Roten Teufel aus Bad Nauheim, zwei Freunde aus gemeinsamen Tagen in Dresden, zusammengebracht.
16. Oktober 2015, 09:53 Uhr
Auge in Auge: Unser Bild zeigt Norman Martens von den Löwen Frankfurt (links) und Patrick Strauch vom EC Bad Nauheim. (Foto: Joachim Storch)

Für die Zuschauer sind die Derbys die wichtigsten Spiele während der Hauptrunde. Wie empfindet ein Spieler, der im Laufe seiner Karriere immer mal für andere Klubs aufläuft, solche Duelle?

Norman Martens: Ich bin mit den Berliner Derbys groß geworden. Die Intensität in solchen Spielen ist eine ganz andere. Natürlich geht’s um das Prestige. Man bekommt schon mit, was in den Fans vorgeht, lässt sich mitreißen – unterm Strich geht’s aber auch in solchen Spielen nur um drei Punkte.

Patrick Strauch : Derbys sind das Salz in der Suppe. Beide Seiten sind heiß, als Spieler spürt man, dass es kein alltägliches Spiel ist. Solche Partien stehen im Fokus, da möchte man gerne etwas bieten.

Ein Spektakel, das Zuschauer in solchen Spielen erwarten, blieb im Vorjahr aus. Die Spiele lebten oft von Kampf, Krampf und Disziplin.

Martens: Ich denke, das Momentum kann da eine große Rolle spielen. Ein Tor, und die Fans gehen ab. Dann kann ein Spiel auch einmal innerhalb von wenigen Momenten in die andere Richtung kippen. Natürlich ist es vom Kampf und der Taktik geprägt. Aber Derbys haben nun mal auch ihre eigenen Gesetze.

Strauch: Norman, dafür zahlst Du fünf Euro ins Phrasenschwein. Ich denke, die Mannschaften sind vorsichtiger geworden. Es sind oft genannte Kleinigkeiten, die entscheiden. Und da spielt die Disziplin eine Rolle, da kann man sich keine Strafen erlauben.

Sie beide sind schon lange im Profi-Geschäft und pflegen private Kontakte zu Spielern anderer Klubs. Mal ehrlich: Spielt das im Unterbewusstsein eine Rolle, wenn Sie beide sich im Zweikampf an der Bande oder in einer Rangelei begegnen?

Martens: Nein, eigentlich nicht. Wenn man zwar hart, aber fair agiert, hat der Gegenspieler die Möglichkeit sich zu schützen. Dann passiert auch nichts. Im Zweikampf steckt keiner zurück. Und wenn man sich kennt, weiß man auch, wie der andere tickt.

Vor drei Jahren, in der Oberliga, sind sich Bad Nauheim und Frankfurt im direkten Vergleich auf Augenhöhe begegnet. Die Roten Teufel sind aufgestiegen, waren Hessens Nummer eins. Inzwischen scheinen die Verhältnisse durch die Löwen wieder geradegerückt. Geht es nur darum, sich ordentlich zu verkaufen?

Strauch: Frankfurt ist vom Etat her der Krösus der Liga und hat sich vor der Saison auch entsprechend verstärkt. Mit Blick auf den Auf- und Abstieg werden die Löwen weiter aufrüsten, dominieren und sich am Ende durchsetzen. Mit den Möglichkeiten, die sich in Frankfurt bieten, kann keiner mithalten. Kein Bietigheim, kein Bremerhaven. In einem einzelnen Spiel sind diese Unterschiede aber nicht von Bedeutung. Da zählen Charakter, Leidenschaft und die Bereitschaft, bis zur letzten Sekunde Gas zu geben.

Martens: Auf dem Papier sind wir sicher Favorit. Aber solche Spiele laufen auch schnell mal in die andere Richtung. Bad Nauheim hat die Fans im Rücken - das ist sicher ein Vorteil. Und auch mit den Kabinen-Verhältnissen muss eine Gastmannschaft erst mal klarkommen (lacht).

Norman, die Löwen sind aktuell das erfolgreichste Team im fremden Stadion. Frankfurt hat auswärts mehr Zähler geholt als zu Hause.

Martens: Garmisch hat in unserem Stadion quasi mit sechs Torleuten gespielt. Wir sind angelaufen wie die Verrückten, haben aber das Tor nicht geschossen. Und gegen Dresden am Sonntag waren wir am Ende einfach platt. Da hat man gespürt, wie viel Kraft wir am Freitag in Bremerhaven gelassen hatten.

»Das war krank«

Die Atmosphäre zwischen Bad Nauheim und Frankfurt scheint entspannter. Das war in der Oberliga-Saison 2012/13 noch ganz anders.

Strauch: Frank Carnevale und Frank Gentges sind schon zwei sehr extravagante Typen. Die Trainer haben sich gegenseitig hochgepusht, das hat sich auf Spieler und Zuschauer übertragen. Das war aber auch immer lustig. So etwas macht die Derbys aus. Und in dieser Saison haben beide Seiten davon profitiert.

Martens: Mal ehrlich: Die beiden haben das Thema überdreht. Das war krank und unnötig. Da stand doch der Sport nicht mehr im Vordergrund, da ging es nur noch darum, Spieler zu zerstören. Das bleibt im Kopf.

DEL und DEL 2 führen den Auf- und Abstieg wieder ein – allerdings erst 2017. Wie gehen Sie als Spieler mit dieser Thematik um? Frankfurt zählt ja bereits in diesem Jahr zum Favoritenkreis.

Martens: Die Meisterschaft ist immer das Ziel. Das Erfolgserlebnis will jeder haben. Da spielt es keine Rolle, ob man am Ende aufsteigt oder nicht. Da zählen die Gegenwart und der Augenblick.

Sie sind beide bereits mehrfach Meister geworden. Was zeichnet einen Meister-Kader aus?

Strauch: Man braucht nicht die beste, sondern eine charakterstarke Mannschaft. Das hat man doch gerade 2013 gesehen. Frankfurt und Kassel waren sicher stärker besetzt. Aber der Teamgeist hat für Bad Nauheim den nötigen Impuls gegeben.

Patrick, zum Auftakt gab’s Niederlagen in Crimmitschau und gegen Freiburg, anschließend hat Ihre Mannschaft in sieben von acht Spielen gepunktet. Was ist nach dem ersten Wochenende passiert?

Strauch: Ja, wir sind schwer aus den Startlöchern gekommen. Die Mannschaft hat inzwischen aber immer einen Weg gefunden, in jeder Partie bis zuletzt im Spiel zu bleiben, uns die Chance auf Punkte zu erhalten. Die Liga ist brutal ausgeglichen. Im Grunde musst Du jede Woche mindestens drei Punkte holen, um dranzubleiben.

 

»Sägst Du an Chernos Stuhl?«

Was stimmt Sie optimistisch mit Blick auf die Partie am Sonntag? Wo hat Frankfurt Schwächen?

Strauch: Frankfurt ist kompakt besetzt. Vom Torwart über die Abwehr bis in die vierte Reihe und gehört unter die top vier. Im Kader fehlt vielleicht ein überragender Einzelspieler, aber die Mannschaft scheint sehr gut zusammengestellt. Frankfurt spielt körperbetontes, gradliniges Eishockey. Aber wie Norman schon sagte: Derbys haben eigene Gesetze, und die Tagesform wird entscheiden.

Norman, Sie waren nach zwei Oberliga-Jahren in der Zweitklassigkeit zurückgekehrt. Wie hat sich diese Liga in dieser Zeit entwickelt?

Martens: Die Liga ist ausgeglichener geworden. In Dresden hatten wir beispielsweise Jan Zurek, Patrick Jarrett und Sami Kaartinen als Topformation. Die haben quasi alles gemacht. Heute hat jede Mannschaft zwei gute Reihen, eine dritte Formationen, die ihren Job macht, und in der vierten Reihe junge Spieler, die 60 Minuten lang rennen.

Norman, in der Vorbereitung haben die Löwen fast ausschließlich gegen höherklassige Konkurrenz getestet, oft stand im Training aufgrund von Ausfällen nur ein kleiner Kader zur Verfügung. Hat Sie der Start überrascht?

Martens: Das Testspielprogramm war ja bewusst so gewählt worden, und ich denke, wir konnten in den Spielen gegen die DEL-Klubs viel lernen. Das nimmt man mit. Das hohe Tempo, der Schwung – das hat uns einen guten Start beschert. Die Rechnung ist also aufgegangen.

Könnten Sie sich vorstellen, ein Derby auch mal auf der anderen Seite zu bestreiten?

Martens (lacht): Nein, ich möchte nicht tauschen. Für mich gibt’s keine bessere Stadt. Ich habe schon in vielen Städten, auch Großstädten, gespielt. In Frankfurt ist’s am schönsten; von der Stadt, der Organisation, der Eishalle, den Fans.

Strauch: Du Schleimer. All das hast Du in Dresden auch schon erzählt.

Martens: Wer weiß, was ist, wenn ich 35 Jahre alt bin? Strauchi, das ist Deine Baustelle. Aber im Ernst: Ich bin auch im Sommer hier. Und ich möchte hier auch nicht mehr weg. Ich studiere Sportbusiness-Management. Und wenn man lange für den Verein spielt, wäre es natürlich schön, wenn sich etwas ergibt mit einem Schritt in die Geschäftsstelle.

Strauch: Sägst Du schon an Chernos Stuhl (Rich Chernomaz ist Sportdirektor der Löwen; Anmk. der Red.)?

Martens: Dann erzähl doch mal, wie schön es in Bad Nauheim ist! Dass Du die Kleinstadt liebst.

Strauch: Ich bin im vierten Jahr in Bad Nauheim, fühle mich sehr wohl. Das Umfeld passt, und ich finde die nötige Ruhe für mein Fernstudium (Sportmanagement; Anmk. der Red.).

Norman, Sie spielen um den Titel, Patrick, Sie wollen in die Playoffs? Gleichen sich diese Drucksituationen?

Martens: Der Druck ist immer gleich. Es gibt Ziele, und die sind zu erfüllen. Und ich denke, Frankfurt und Bad Nauheim haben ihre Ziele realistisch dem Kader angepasst.

Strauch: Druck hin oder her. Wir wollen in die Playoffs. Und im dritten Zweitligajahr sind wir uns das auch selbst schuldig.

An welches Spiel denken Sie beim Thema Derby zuerst?

Strauch: Das war ein Spiel mit Dresden in Weißwasser. Wir haben zwei Minuten vor Schluss noch 3:6 zurückgelegen und am Ende nach Penaltyschießen gewonnen. Und, natürlich: Die Finalserie gegen Kassel. So etwas vergisst man nicht.

Martens: Ich habe immer ein Berliner Derby im Kopf. Mitte der 90er Jahre war das. Die Eisbären schlagen die Capitals mit 4:3. Das war damals der absolute Wahnsinn. Andrei Lomakin war dreifacher Torschütze nach Alleingängen gegen Klaus Merk. Ich habe seinen Schläger heute noch im Keller stehen.



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