07. August 2015, 13:13 Uhr

Rote Teufel beim Medizin-Check:Totale Erschöpfung

Harry Lange strampelt. Und strampelt. Und flucht. Der Eishockey-Profi sitzt auf dem Ergometer. Der Leistungstest ist Teil der sportmedizinischen Untersuchungen, die die Deutsche Eishockey-Liga 2 in ihren Richtlinien vorschreibt. Todesfälle wie die von Stephane Morin (Berlin) und Jaroslav Hauer (Selb), die 1998 während ihrer Punktspiele an Herzversagen verstarben, sollen sich nicht wiederholen.
07. August 2015, 13:13 Uhr
Bis zur totalen Erschöpfung: Harry Lange sitzt unter Aufsicht von Dr. Dr. Patrick Wagner (links) und Fitnesscoach Matthias Ott auf dem Ergometer. (Foto: Nickolaus)

Die moderne Medizin bietet viele Möglichkeiten, sich über verschiedene Puzzleteile ein Gesamtbild zu machen. Ein Profi steht zudem unter dem permanenten Druck, Leistung zeigen zu müssen, um Geld zu verdienen. Insofern sind solche Vorsorgeuntersuchungen sehr sinnvoll, um den Sportler zu schützen«, sagt Dr. Dr. Patrick Wagner, der dem Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim und dessen Ärzte-Team mit Marco Kettrukat, Murat Pak und Dr. Caroline Pak sowie Fitnesscoach Matthias Ott im internistisch-allgemeinmedizinischen Bereich zuarbeitet. Analoge Unterschungen in der Handball- und Basketball-Bundesliga, zum Teil auch in der Fußball-Bundesliga, ermöglichen aussagekräftige sportartübergreifende Vergleiche; ganz im Sinne der Berufsgenossenschaft, die starkes Interesse an strukturierten Untersuchungen und einer detaillierten Verletzungserfassung hat.

In den Praxisräumen der »Internisten am Rathaus« gehen die spielenden Angestellten der Roten Teufel in dieser Woche fast im Stundentakt ein und aus. Ein Vorgespräch, eine Ultraschall-Untersuchung, Erfassung der Blutwerte, Lungenfunktionstest, Überprüfung des körperlichen Zustands unter Aufsicht von Matthias Ott - gut eine Stunde lang werden die Spieler durchgecheckt. »Mit den Werten lässt sich jetzt gezielt arbeiten«, sagt der Fitnesscoach, der nach Saisonabschluss in diesem Frühjahr bereits Tests veranlasst hatte und nun - zumindest bei Spielern aus dem letztjährigen RT-Kader - vergleichen kann. Orthopädisch-chirurgische Untersuchungen bei Marco Kettrukat im »Gesundheitszentrum Wetterau« und eine zahnmedizinische Kontrolle bei Murat Pak in der »Praxis Alte Musikschule« schließen sich an. Ebenso ist ein SCAT 2-Test, der auf Gehirnerschütterungen hinweißt, verpflichtend. Die Bescheinigung der entsprechenden Unterschungen müssen der Ligagesellschaft vorgelegt werden.

Zwölf Elektroden schließt Dr. Dr. Wagner an den Oberkörper von Harry Lange an, um Impulse und Veränderungen in der Herztätigkeit aufzufangen. Der 31-Jährige tritt in die Pedale. Der Widerstand von anfangs 50 Watt wird im Drei-Minuten-Takt kontinuierlich gesteigert. Wie lange hält der Deutsch-Österreicher durch? Für Otto Normalbürger werden 200 Watt als normaler Wert angesehen, 300 Watt gelten als sehr gut, bei 400 Watt bewegen sich nur noch Spitzensportler. Andreas Pauli, der Neuzugang vom SC Riessersee, hat mit 500 Watt in dieser Woche teamintern Maßstäbe gesetzt.

Breites Spektrum

»Die Untersuchungen haben prophylaktischen Charakter. Wir haben es bei Profisportlern mit jungen, gesunden Menschen zu tun. Vorrangig geht es bei uns nicht um Behandlungen und Therapien, sondern darum, in die Zukunft zu schauen«, sagt Dr. Dr. Wagner, der in seiner Jugend selbst bei den Roten Teufeln dem Puck hinterhergejagt ist. Mit weitgefächerten internistischen Untersuchungen werde versucht, ein breites Spektrum abzudecken, sagt er. Ein plötzlicher Herztod beispielsweise könne auch auf genetische Veranlagung zurückzuführen sein. Per Ultraschall lasse sich die Herzklappentätigkeit, die Pumpfunktion und die Herzmuskeldicke überprüfen, Blutwerte wiederum geben Aufschluss über mögliche Entzündungen, über die Nierenfunktion, über Blutarmut und eine Diabeteserkrankung.

Im »Gesundheitszentrum Wetterau« beschäftigt sich Kettrukat in erster Linie mit orthopädischen Vorverletzungen, die möglicherweise nicht ausgeheilt sind und Behandlungsbedarf erfordern. »Die Vereine wollen natürlich wissen, woran sie sind, bevor die Saison losgeht«, sagt Kettrukat, der auch dem Ärzte-Team des Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar und der Handball-Nationalmannschaft angehört. Zudem schaut er nach muskulären Dysbalancen im Hüft- und Rumpfbereich, hat bei Eishockeyspielern einen besonderen Blick auf Knie und Schulter, die als besonders verletzungsanfällig und oft auch instabil gelten. »Wenn wir hier Defizite erkennen, können wir im invididuellen Trainingsplan der Spieler entsprechende Übungen und Maßnahmen vorsehen«, sagt er. »Wir als Ärzte haben lange für solch intensive Untersuchungen gekämpft.«

Zum Abschluss der Vorsorgeuntersuchungen landen die Profis auf dem Behandlungsstuhl von Murat Pak. Der langjährige Ib-Spieler beschäftigt sich mit Zahnfehlstellungen und -krankheiten. »Wenn der Körper gegen unbemerkte Entzündungen und Krankheiten kämpft, kann das leistungsmindernd sein«, sagt Pak und erinnert sich an einen Spieler, der sich über Wochen hinweg mit zwei entzündeten Zähnen plagte und zugleich über Müdigkeit und Antriebslosigkeit klagte. »Nach der Behandlung gingss ihm deutlich besser. Und das hat sich auch auch in der Leistung widergespiegelt.«

Harry Lange ist inzwischen bei 350 Watt angekommen. Zwei Minuten lang quält sich der Stürmer auf diesem Level bis zur Erschöpfung. »Mit zunehmendem Alter erkennt man den Sinn solcher Test«, flachst er später. »Früher ging es nur darum, den Test zu bestehen. Heute sehe ich es als Bestätigung, im Sommer gut trainiert und die Vorgaben umgesetzt zu haben. Und es beruhigt natürlich, zu wissen, dass man gesund ist.« Michael Nickolaus

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