27. Dezember 2013, 22:08 Uhr

Frank Carnevale beurlaubt

(mn) Paukenschlag beim EC Bad Nauheim: Der Eishockey-Zweitligist hat Meister-Macher Frank Carnevale am Freitagnachmittag beurlaubt.
27. Dezember 2013, 22:08 Uhr
Fassungslos: Frank Carnevale wurde am Freitag als Trainer des EC Bad Nauheim beurlaubt. (Foto: Chuc)

Die sportliche Talfahrt (ein Punkt aus den letzten fünf Spielen) sowie den »tiefen Graben zur Mannschaft, die von ihm abgerückt ist«, nannte Geschäftsführer Andreas Ortwein als Gründe für diesen Schritt, den die vier Gesellschafter (Thomas Korff, Jörg Semmler, Nachwuchsverein Rote Teufel, Fan-Förderverein »Teufelskreis«) mit Beiratssprecher Michael Richly einstimmig beschlossen hätten. Heute (19.30 Uhr) im Heimspiel gegen die Eislöwen Dresden sowie am Montag (19.30 Uhr) bei den Bietigheim Steelers wird Daniel Heinrizi, der Sportliche Leiter und Co-Trainer, zusammen mit Marcus Jehner und Fitnesstrainer Matthias Ott die Mannschaft coachen.

Unmittelbar vor dem Training am Nachmittag hatten drei der vier Gesellschafter den italo-kanadischen Übungsleiter einbestellt und über ihre Entscheidung informiert. Diese sei - nachdem bereits in den vergangenen Tagen ein Austausch mit der Mannschaft stattgefunden habe - erst gegen Mittag nach telefonischen Konferenzen und nach Rücksprache mit dem Mannschaftsrat gefällt worden. Kapitän Patrick Strauch und dessen Stellvertreter Harry Lange, die gemeinsam mit Jason Pinizzotto jenes Gremium bilden, wollten sich am Abend gegenüber der WZ-Sportredaktion nicht zur Beurlaubung des Trainers und auch nicht zu deren Begründung durch die GmbH äußern.

Die Fans - das zeigen die ersten Reaktionen im offiziellen Fanforum der Roten Teufel sowie auf der WZ-Facebook-Plattform - spaltet die Entscheidung in zwei Lager. Während einige den Coach an der Gegenwart und nicht an den Erfolgen der Vergangenheit messen wollen, äußern andere ihr Unverständnis für diese Maßnahme.

+++ Im Video: Andreas Ortwein kommentiert die Carnevale-Entlassung bei der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Dresden (ab Minute 7)

»Ich bin geschockt, und mir bricht diese Entscheidung das Herz«, sagte Carnevale voller Pathos, wollte die Trennung gestern nicht weiter kommentieren. »Ich war gekommen, um Eishockey hier weiterzuentwickeln. Das tut sehr weh.« Wie schon bei seinem ersten Engagement in Bad Nauheim Ende der 90er Jahre hatte Carnevale seine Tätigkeit nicht allein als Job, sondern als seine Leidenschaft gesehen, der er ebenso gradlinig wie in der Wortwahl provokant und offenherzig nachgegangen war. Die Bandbreite seiner Emotionen, die er positiv wie negativ stets ausgelebt hatte, kam bei den Fans, aber nicht immer in der Führungsriege gut an.

Unberührt von dem Trainerwechsel bleibt die Personalie Taylor Carnevale. Das sportliche Vater-Sohn-Verhältnis - das war hinter vorgehaltener Hand zu vernehmen - könnte für den Trainer zu einem Stolperstein geworden sein; dem persönlichen Erfolg des mit 21 Jahren jüngsten Kontingentspielers der Liga habe der Coach alles untergeordnet, was durch den erfolgreichen Saisonstart aber kaschiert worden sei. Mit 16 Treffern und 26 Vorlagen wird Carnevale junior als Top-Scorer der Mannschaft ausgewiesen.

»Viele Mosaiksteinchen haben sich zu einem großen und klaren Bild zusammengesetzt, das Vermutungen und Empfindungen der GmbH-Funktionäre widerspiegele«, sagt Ortwein. »Der gute Saisonstart hat uns unseren Anspruch höher definieren lassen. Wir wollen Anschluss halten, und dazu muss jeder Spieler 100 Prozent seiner Leistung abrufen«, führt der RT-»Chef« aus und nimmt der Mannschaft, speziell den offenbar zahlreich unzufriedenen Spielern, mit dieser Maßnahme nun zugleich das Alibi. Zuletzt hatten einige Schlüsselspieler - speziell Kevin Lavallee und Michael Dorr waren intern vom Coach heftig kritisiert worden - die von ihnen erwartete Leistung nicht abrufen können. »Einige Spieler hatten regelrecht einen Rucksack auf den Schultern, hatten Angst, einen Fehler zu machen«, beschreibt Ortwein die Wahrnehmung der GmbH-Entscheidungsträger.

Fünf Spiele in Folge hatten die Roten Teufel nicht gewinnen können, waren zum Weihnachtsfest zum ersten Mal überhaupt aus den Playoff-Rängen gerutscht; als Aufsteiger. Die langfristigen Verletzungen von Chris Heid, Daniel Ketter, Dan Ringwald und Dennis Reimer sowie die Hüftverletzung von Thomas Ower, auf die »zu spät« - so hatte Carnevale intern immer wieder angemahnt - personell reagiert worden sei, hatten tiefe Spuren, speziell in der Defensive, hinterlassen; gerade vor dem Hintergrund der Zusatzbelastung Hessen-Cup mit drei Dienstag-Spielen binnen fünf Wochen. Und dies just vor dem traditionellen Spiele-Marathon rund um den Jahreswechsel. Das Team wirkte zuletzt ausgebrannt, Leistungsträger waren im Formtief versunken. Der stete Ruf nach neuem, frischen Personal, um dem Aufrüsten der Konkurrenz standhalten zu können, verhallte weitgehend unerhört - einem begeisternden Schnitt von durchschnittlich 2400 Zuschauern zum Trotz (mit rund 1700 Fans war offiziell kalkuliert worden). Vielmehr wurde der Coach, der sich angesichts der plötzlich langen Ausfallliste in seiner Rolle als Mahner bestätigt sah, aufgefordert, aus dem bestehenden Kader, mit dem in Bad Nauheim neue finanzielle Dimension erreicht worden waren, das Maximum herauskitzeln. »Natürlich muss man das Verletzungspech berücksichtigen. Aber gerade in solchen Situationen muss der Trainer Maßnahmen ergreifen, die Jungs näher zusammenrücken zu lassen, und den Spielern vertrauen, die zur Verfügung stehen«, sagt Ortwein.

Am Donnerstag, beim 3:6 in Bremerhaven, hatten Jan Guryca und Mitch Versteeg dann zumindest einmal die Lücken geschlossen, die die Ausfälle von Ower und Ringwald hinterlassen haben. Für Kevin Lavallee, den Carnevale in den drei Partien ausgemustert hatte, könnte sich mit der gestrigen Entscheidung die Tür zurück in den Kader wieder geöffnet haben. »Die Entscheidung fällt der Trainer«, sagt Ortwein. Lavallee fehlte in der gestrigen Trainingseinheit, so dass heute nicht mit einem Einsatz zu rechnen ist.

Thomas Ower wird hingegen nicht mehr zurückkehren. Der Aufstiegs-Held, der gestern seinen 28. Geburtstag feierte, hat seinen Platz in der Kabine bereits geräumt und werde sich im Januar einer Operation unterziehen.

Die Eislöwen Dresden, der heutige Gast im Colonel-Knight-Stadion, waren im November/Dezember mit einer Serie von elf Siegen auf Zweitliga-Rekordjagd, kassierten aber zuletzt drei Niederlagen. Rund 500 Fans werden die Mannschaft um Ex-Teufel Carsten Gosdeck heute in die Wetterau begleiten. Kurz nach 18 Uhr wird der Sonderzug in Bad Nauheim erwartet. Der Spielmannszug des TV Eichelsdorf wird den blau-weißen Tross am Bahnhof empfangen, eskortiert durch die Polizei geht’s dann - zusammen mit den RT-Fans, die sich ebenfalls zur Begrüßung angekündigt haben - über die Bahnhofsallee und die Ludwigstraße zum Stadion.

Heute: Bad Nauheim - Dresden, Kaufbeuren - Landshut, Weißwasser - Ravensburg (alle 19.30 Uhr), Crimmitschau - Bietigheim, Heilbronn - Bremerhaven, Riessersee - Rosenheim (alle 20 Uhr).

Monag: Bietigheim - Bad Nauheim, Landshut - Dresden, Rosenheim - Weißwasser (alle 19.30 Uhr), Bremerhaven - Crimmitschau, Heilbronn - Riessersee, Ravensburg - Kaufbeuren (alle 20 Uhr).



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