08. August 2021, 07:00 Uhr

Ein Leben für Eintracht Frankfurt

Eine Eintracht-Legende aus Dorheim: Die Karriere des Uwe Bindewald

Der Dorheimer Uwe Bindewald hat emotionale Last-Minute-Entscheidungen erlebt, stand Weltstars gegenüber und ist nach 15 Jahren bei Eintracht Frankfurt Markenbotschafter. Ein Porträt.
08. August 2021, 07:00 Uhr
Ein Lieblingsfoto von Uwe Bindewald: Im März 1995 trifft der Dorheimer im UEFA-Cup mit Eintracht Frankfurt auf Juventus Turin mit Stürmerstar Gianluca Vialli.

Eintracht Frankfurt


Samstag, 16. Mai 1992: Mit einem Sieg am letzten Spieltag beim abstiegsbedrohten FC Hansa Rostock kann Eintracht Frankfurt die Deutsche Meisterschaft gewinnen. 12 000 Fans haben die Mannschaft an die Ostsee begleitet. Eine Pflichtaufgabe, so scheint’s. Das Ende ist bekannt. Frankfurt verliert 1:2. Schiedsrichter Alfons Berg verweigert den Gästen einen Elfmeter. »Lebbe geht weiter«, sagte Trainer Dragoslav Stepanovic im Anschluss. Bis heute ist diese Aussage so etwas wie sein Markenzeichen. Der Frühlingstag von Rostock war zugleich Ausgangspunkt für bewegte Jahre der Eintracht. Uwe Bindewald hat diese Höhen und Tiefen miterlebt.

263 Bundesliga-Spiele hat der Dorheimer zwischen 1988 und 2004 bestritten, zwei Aufstiege gefeiert und zwei Abstiege verarbeitet. 123 Einsätze in der zweiten Liga weist die Statistik auf, und in mehr als 50 Partien in nationalen und internationalen Wettbewerben hat Bindewald zudem gespielt. Sein Abbild ziert heute eine Säule im U-Bahnhof am Willy-Brandt-Platz in Frankfurt, wo er sich als Legende neben Jürgen Grabowski, Bernd Hölzenbein, Uwe Bein und Karl-Heinz Körbel einreiht. »Wenn man allein die Menge an Spielern der Eintracht über all die Jahre sieht, dann ist das natürlich eine große Ehre, ausgewählt worden zu sein«, sagt Bindewald, der von der Eintracht aufgrund seiner Verdienste auch zum Markenbotschafter ernannt wurde.

Von den Eintracht-Fans wird »Zico«, wie er von vielen gerufen wird, bis heute für seinen Stil verehrt. Selbst ein Frankfurter Fußball-Magazin war nach ihm benannt worden. Mit Herz, Biss und Leidenschaft hatte Bindewald im sportlichen Schatten von Technikern wie Uwe Bein, Andy Möller oder Jay-Jay Okocha kompromisslos die Außenbahn verteidigt, Sprechchöre mit seinem Namen hallten noch lange Zeit durch den Stadtwald in Frankfurt, wenn die Zuschauer dort die Einsatzbereitschaft ihrer Mannschaft vermisst haben. »Einen doppelten Übersteiger habe ich im Spiel nicht gemacht. Das würde ich mich nie trauen. Da breche ich mir wahrscheinlich die Beine«, sagt Bindewald lachend über seinen Spielstil.

Auf eine Titel-Chance, wie sich diese in Rostock ergeben hatte, wartet man in der Rhein-Main-Region bis heute vergeblich. »Je älter man wird, desto bewusster wird einem auch, wie nah wir damals dran waren.« Oft werde die komplette Saison auf dieses eine Spiel abgewälzt, »aber wir hatten ja auch zuvor schon die Möglichkeit, alles klar zu machen«, blickt der 52-Jährige zurück. Die Erinnerung an die 90 Minuten im Ostseestadion verfolgt ihn bis heute.

Legendäre Abende unter Flutlicht

Die Eltern derer, die er heute als Trainer der Fußballschule von Eintracht Frankfurt anleitet, haben Bindewald selbst noch spielen sehen. Rasch werden die historischen Spiele zum Gesprächsthema rund um den Trainingsplatz; die Partien gegen den 1. FC Kaiserslautern (als Jan Åge Fjørtoft 1999 den Klassenerhalt sichern konnte) oder den SSV Reutlingen (als Alex Schur 2003 mit einem Last-Minute-Tor zum 6:3 die Eintracht zum Aufstieg köpfte) beispielsweise. Sie sind emotional vergleichbar einzuordnen. »Die Glücksgefühle, das Unmögliche möglich gemacht zu haben: Das ist mit Worten nicht zu beschreiben«, sagt Bindewald, der bei der Eintracht quasi über Jahre hinweg als Stammspieler gesetzt war.

Coach Pal Csernai hatte Bindewald am 15. Spieltag der Saison 1988/89 gegen Werder Bremen erstmals zum Einsatz gebracht. Trainer wie Klaus Toppmöller, Jupp Heynckes, Horst Ehrmanntraut, Felix Magath, Martin Andermatt und Willi Reimann begleiteten ihn durch seine Karriere.

Die Europapokal-Abende runden die Reihe persönlicher Highlights ab. Uwe Bindewald grätschte gegen Weltstars wie Gianluca Vialli oder Alessandro Del Piero von Juventus Turin, kämpfte gegen Girondis Bordeaux mit Zinedine Zidane, Christophe Dugarry oder Bixente Lizarazu. Die außergewöhnliche Qualität dieser Spieler habe man auf dem Platz regelrecht gespürt.

Von Dorheim, über die JSG Melbach/Södel und Kickers Offenbach - parallel absolvierte Bindewald eine Ausbildung zum Gas- und Wasser-Installateur - hatte ihn sein Weg 1986 zur Eintracht geführt. Als A- und B-Jugendlicher stand er im Finale um die Deutsche Meisterschaft. Unter Heribert Bruchhagen endete 2004 seine aktive Zeit, obwohl er nach der Vorrunde gemeinsam mit Lucio vom FC Bayern München noch die besten Zweikampfwerte der Fußball-Bundesliga aufweisen konnte.

Einmal noch auf dem Rasen stehen

»Ich hätte das Ende gerne selbst bestimmt und dafür auch Abstriche in Kauf genommen.« Einige Monate kickte er noch für den FC Eschborn, stieg dann in die Nachwuchsarbeit ein und ist dort noch immer tätig: »Ich habe sehr viel gesehen und erlebt. Und diese Erfahrungen möchte ich den Kindern und Jugendlichen vermitteln.«

Der tägliche Weg führt Bindewald, dessen Söhne Marius (21 Jahre/SKV Beienheim) und Niklas (17 Jahre/Karbener SV) sportlich dem Vater nacheifern, deshalb noch immer nach Frankfurt. Er arbeitet bei der Eintracht fest angestellt in der Fußballschule, ist Leiter des Talentfördertrainings mit 180 Kindern und als A-Lizenz-Inhaber unter anderem Leiter bei Camps.

Mit Weggefährten wie Ralf Falkenmeyer, Alexander Schur, »Charly« Körbel, Manni Binz oder Oka Nikolov steht er im regelmäßigen Austausch, und für die Traditions-Elf der Eintracht kickt er ebenso wie - wenn es die Zeit zulässt - zu Hause mit der Altherrenmannschaft des FSV Dorheim.

Sehr froh und dankbar sei er rückblickend, seinen Weg bei der Eintracht gegangen und dieser auch treu geblieben zu sein. »Sonst würde ich heute nicht machen können, was ich mache.« Einmal aber würde er gerne noch tauschen; mit der jüngeren Generation: »Es gibt einfach nichts Schöneres, als vor 50 000, 60 000 oder 70 000 Zuschauern zu spielen. Und gerade in Frankfurt ist das in den vergangenen Jahren Gänsehaut pur gewesen. Da kannst du auch viermal wöchentlich spielen: Wenn man die Atmosphäre in einer ausverkauften Arena spürt, dann fällt es leichter, den Muskelkater zu vergessen.«

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