20. Juni 2021, 22:08 Uhr

Public Viewing

Ein Gefühl kehrt zurück

Der deutsche Sieg über Portugal versüßt den Wetterauer Fußball-Fans den Sommerabend. Nicht die Euphorie ist das prägende Gefühl, sondern die Freude über das vermisste gemeinsame Erlebnis.
20. Juni 2021, 22:08 Uhr
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Von Christoph Sommerfeld
Auf dem Vereinsgelände der TG Friedberg an der Ockstädter Straße können die Zuschauer die Spiele auf einer 15 Quadratmeter großen LED-Wand verfolgen. FOTO: CSO

Ein Samstag mit deutschem EM-Flair: Sonne, Kaltgetränke - und vor allem Public Viewing. Wer hätte das noch Ende April gedacht, als Bundesnotbremse, stockende Impfstofflieferungen und die neuartigen Corona-Varianten die Schlagzeilen bestimmten. Die Wetterau feiert gemeinsam den 4:2-Erfolg der DFB-Elf gegen Portugal. Die Stimmung ist befreit, aber nicht ausgelassen. Emotionen, Situationen und Anekdoten aus Friedberg und Bad Nauheim…

Die Luft steht. Eine drückende Hitze liegt über der Stadt. Wer früh ist, bekommt einen Platz im Schatten auf dem Vereinsgelände der TG Friedberg an der Ockstädter Straße. Patrice und Anja sitzen in der Sonne, als die deutsche Aufstellung über die 15 Quadratmeter große LED-Wand flimmert. »Ich hätte vorne Werner und Sané gebracht«, sagt der Halbfranzose aus Reichelsheim, der vor allem froh darüber ist, nach langer Zeit wieder einmal bei einem solchen Event dabei zu sein.

Früher Jubel brandet auf, als Gosens den Ball zum vermeintlichen 1:0 versenkt. Aber der Treffer zählt nicht. Stattdessen schockt Ronaldo die Deutschen. Kein Grund zur Sorge für den Weckesheimer Stefan, der mit Eintracht-Shirt im Schatten chillt. »Ich bin positiv überrascht von unserem Spiel. Aber hauptsächlich freut es mich, seit Langem wieder einmal unter so vielen Leuten zu sein«, erzählt er während des ersten Cooling Breaks im Spiel. Gute Leistung ja, aber ohne Ertrag?! »Es ist noch Zeit«, gibt sich Stefan zuversichtlich.

So viel Optimismus wird belohnt. Deutschland dreht die Partie noch vor der Halbzeit. Das trägt zur gelösten Stimmung bei. Die ganz große Euphorie ist aber (noch) nicht spürbar. Irgendwie hat man in Zeiten von Videobeweis und kalibrierten Abseitslinien das Gefühl, dass die Jubelschreie oft gedämpft daherkommen. Die Blicke der Fans richten sich nach Toren auf den Linienrichter, der gefühlte fünf Minuten später noch die Fahne heben könnte. Oder greift sich etwa der Schiri ans Ohr? Während sich die Emotionen einst in der Sekunde des Treffers Bahn brachen, wird die Freude heute mitunter verzögert erlebt.

Torjubel mit Verzögerung

Verzögerungen lassen sich auch in Bad Nauheim ausmachen. Der Marktplatz, mit mehreren Kneipen nebeneinander schon länger Public-Viewing-Hotspot in der Kurstadt, ist gut gefüllt. Mit seinem 3:1 sorgt Havertz vor dem »Bistro P13« für den nächsten Aufsprung. Doch im Nachbarbiergarten wird erst ein paar Sekunden später gejubelt. »Die Verschiebung kommt durch einen anderen Receiver zustande«, sagt Felix, der schon die Frankreich-Partie an selber Stelle verfolgte.

Nach dem 4:1 durch Gosens erklärt der aus Bruchköbel zugezogene Wahl-Bad-Nauheimer dann den Damen an seiner Seite die Konstellation in Gruppe F. »Uns reicht jetzt am Mittwoch gegen Ungarn ein Unentschieden zu Platz zwei, wenn Frankreich nicht verliert. Gewinnt Portugal, wären wir punktgleich mit Frankreich, hätten aber den direkten Vergleich verloren.« Soweit keine Einwände. Aber mit einem Remis gegen Ungarn rechnet nach dem guten deutschen Auftritt ohnehin keiner.

So kann auch das finale 2:4 für die Portugiesen die Wetterauer DFB-Fans im »P13« nicht mehr aus der Ruhe bringen. »Nee, da passiert nichts mehr«, sagt Jens in der 75. Minute. Der Bad Nauheimer, der die EM entweder zu Hause vor dem eigenen Fernseher, aber auch gerne im Biergarten verfolgt, kann stressfrei sein Essen genießen.

Viererkette, Dreierkette und Libero

Den Schwerpunkt auf den kulinarischen Genuss gelegt haben auch Vanessa und Sylvia ein paar Tische weiter. Die beiden Frauen aus Butzbach sitzen nebeneinander, quatschen, lachen und richten den Blick immer wieder in Richtung TV-Gerät. Als das Spiel vorbei ist und Deutschland den so wichtigen »Dreier« eingefahren hat, kommt das Essen. Sylvia hat Bruschetta bestellt, Vanessa ein Nudelgericht. Angesprochen auf die von Bundestrainer Löw wiedergewählte taktische Variante mit Dreierkette, entgegnet Vanessa: »Ich war früher Libero.« Da klingelt das Handy. Freundin Magda springt ihr zur Seite, ist zwar etwas verdutzt über die weitergereichte Telefonfrage, meint aber spontan: »Ich finde die Viererkette besser, weil man da etwas flexibler ist.«

Nicht so ganz im Thema ist Sylvia, gibt das aber auch gerne zu. »Ich kenne nicht mal die Namen von unseren Spielern.« Auch das gibt’s. Die beiden Freundinnen beteuern, sich sehr lange nicht gesehen zu haben und lassen einen lauen Sommerabend - vermutlich ohne weiteren Fußball - ausklingen. Überhaupt dürfte die allgemeine Begeisterung über das Zusammensein und die Gemeinschaft an diesem Abend vielerorts mindestens genauso groß sein wie die Freude über den deutschen Sieg.



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