20. Januar 2021, 07:00 Uhr

Fußball

Die Hessenliga-Bilanz: Michel und Bouembe stechen heraus

Noah Michel hat in neun Spielen 13 Treffer erzielt. Der Stürmer von Türk Gücü Friedberg sticht in der Zwischenbilanz der Fußball-Hessenliga heraus. Beim FV Bad Vilbel sorgt derweil ein 19-Jähriger für Furore.
20. Januar 2021, 07:00 Uhr
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Noah Michel (rechts) hat in neun Hessenliga-Spielen für Türk Gücü Friedberg bereits 13 Treffer erzielt. In dieser Szene gratuliert Eray Eren (Nr. 7). Michel hat sich mit den Kreisstädtern bereits auf eine weitere Zusammenarbeit bis 2023 geeinigt. FOTO: NICI MERZ

Die Fußball-Hessenliga ist erst am 5. September in die Saison 2020/21 gestartet. Nach dem Abbruch der Vorsaison mussten sich die Vereine bis zum 1. August gedulden, ehe seitens der Behörden zumindest Freundschaftsspiele erlaubt wurden. Die Spielklasse startete mit einem aufgeblähten Feld von 20 Vereinen, da die Abstiegsregelungen aus der Vorsaison komplett ausgesetzt wurden und folglich Teams weiter Hessenliga-Status genossen, die unter normalen Umständen der Liga nicht mehr angehören würden.

Hygienekonzepte und Zuschauerbeschränkungen angesichts der Corona-Pandemie prägten die Szenerie auf den Sportplätzen und Stadien von Hessens Beletage. Letztlich konnte der Spielbetrieb nur rund acht Wochen aufrechterhalten werden, in denen immerhin zwölf Spieltage durchgezogen werden konnten. Das ist aber nicht einmal ein Drittel des auf den Spielplänen fixierten Mammut-Programm von 38 Partien pro Mannschaft.

Was bleibt in Erinnerung aus dem bisherigen Saisonverlauf? Aus Sicht der beiden Vertreter des Fußballkreises Friedberg begann das nominell stark verstärkte Team von Türk Gücü Friedberg die Spielzeit als Seriensieger, während sich der fast komplett neu aufgestellte Kader des FV Bad Vilbel erst einspielen musste. Der hervorragende Start mit fünf Siegen katapultierte die Elf von TG-Coach Carsten Weber zwischenzeitlich sogar an die Tabellenspitze. »Eine sehr schöne Sache, aber wir wussten das richtig einzuordnen«, erinnert sich Pressesprecher Selim Karanfil. Denn angesichts von namhaften Zugängen wie Patrick Schorr vom Drittliga-Absteiger FC Carl Zeiss Jena oder Torjäger Noah Michel vom Regionalligisten FC Gießen lagen die Kreisstädter nicht nur voll im Rennen, sondern wurden von der Konkurrenz zunehmend in die ungewollte Rolle eines Titelanwärters gedrängt. Dabei war für Bad Vilbels Coach Amir Mustafic schon vor der Runde klar, dass sich die SG Barockstadt und der SC Hessen Dreieich an der Spitze festsetzen würden. »Alleine schon wegen der professionellen Infrastruktur und den vorhandenen Möglichkeiten war mit diesen Vereinen stark zu rechnen.« Seine Prognose bewahrheitete sich, beide Teams stehen mit Abstand oben und dürften den angestrebten Aufstieg in die Viertklassigkeit unter sich ausmachen.

Wie haben sich die Liga-Neulinge geschlagen? Buchonia Flieden erreichte erst durch die Hintertür der virtuellen Aufstiegsrunde die Hessenliga, hat aber von den vier Neulingen auf Rang acht am besten abgeschnitten. Dahinter folgt mit dem SV Zeilsheim auf Rang neun das Team aus dem Frankfurter Westen, das sich auf Anhieb gut in der Klasse akklimatisiert hat. Auf Platz 18 und 20 laufen der Hünfelder SV und insbesondere die junge Mannschaft des 1. FC Erlensee Gefahr, die Liga verlassen zu müssen.

Wer hat positiv überrascht? Neben dem im letzten Jahr noch auf dem letzten Platz abgeschlagenen FSV Fernwald, der sich mittlerweile auf Rang zehn vorgeschoben hat, ist das positive Abschneiden des FV Bad Vilbel erfreulich. Platz zwölf mit 13 Punkten, mit nur 14 Gegentoren die viertbeste Abwehr der Liga - Zahlen, die sich sehen lassen können. »Mit der Zeit haben wir uns trotz der vielen neuen und teilweise unerfahrenen Spieler immer besser gefunden und bewiesen, dass wir wettbewerbsfähig sind«, sagt Mustafic. Obwohl die Vilbeler mit einer offensiven Spielweise aufwarten, »arbeitet das ganze Team auch nach hinten gut mit. Leider haben wir im Torabschluss viel zu viele Möglichkeiten vergeben«, hadert der FV-Coach mit der kargen Ausbeute von zwölf Toren, im Schnitt gerade mal ein Treffer pro Match.

Wer hat den größten Eindruck hinterlassen? Am Niddasportfeld der erst 19-jährige Rayan Bouembe, aus der U19 des FSV Frankfurt gekommen. Der bullige Stürmer konnte sich auf Hessenliga-Niveau in neun Einsätzen mit drei Toren gut in Szene setzen. »Er besitzt eine gute individuelle Qualität, was er noch braucht, sindt Zeit und Erfahrung«, lobt Mustafic seinen Schützling. Am Eisenkrain in Ober-Rosbach sorgte Noah Michel für Furore. 13 Tore in neun Spielen sind eine Wahnsinnsquote. Übertroffen wurde Michel nur vom Hanauer Torjäger Varol Akgöz, der die Torschützenliste mit 14 Treffern anführt und beim 4:1-Sieg gegen Bad Vilbel alle vier Tore der 93er beisteuerte.

Was ist negativ aufgefallen? Nach der souveränen Phase zu Saisonbeginn verloren die Friedberger wochenlang den Faden, und ohne den verletzten Michel die Torgefährlichkeit. In vier Pflichtspielen gelang kein Tor, unter dem Strich kam in dieser Zeit nur ein Ligapunkt dazu und beim 0:1 in Zeilsheim schied TGF gegen eine Rumpfelf der Gastgeber aus dem lukrativen Hessenpokal aus. Gegen Fernwald führten die Friedberger mit 2:0 zur Halbzeit und verloren nach einer indiskutablen Leistung in Durchgang zwei noch mit 2:3. Nach dieser Partie trat Carsten Weber auf der Pressekonferenz auf den Plan und prangerte »massive Schwierigkeiten im Umfeld an«, und dabei meinte er »nicht nur die Platzverhältnisse«. Die Art und Weise, wie der Übungsleiter diese Thematik in die Öffentlichkeit brachte, wurde vom TG-Vorstand als überflüssig betrachtet. Fachlich stand Weber nie zur Debatte, aber aufgrund seines impulsiven Vortrags gab es tagelang im Verein kein anderes Thema mehr. Die Parteien setzten sich an einen Tisch und übten den Schulterschluss mit der Übereinkunft, die fruchtbare Zusammenarbeit fortzusetzen. Danach kamen mit dem 6:0 gegen Dietkirchen und dem 1:0 in Hadamar zwei überzeugende Siege, so dass man das Schiff sportlich mit Rang fünf auf Kurs hielt.

Wird individuell in der Unterbrechung trainiert? Weber hat seinen Fußballern Trainingspläne mitgegeben und kann die Aktivitäten mittels Applikationen nachverfolgen. »In der Hessenliga sollte das zu erwarten sein, dass Spieler etwas für sich tun«, merkt Karanfil an. In Bad Vilbel hält Mustafic hingegen nichts von solchen Kontrollmechanismen: »Ich kann das von den Spielern nicht verlangen und will das auch nicht kontrollieren.« Vielmehr appelliere er an die Eigenverantwortung der Akteure, die ja schließlich in der höchsten Amateurliga spielen.

Wann und wie kann es weiter gehen? Karanfil sieht weiter »ein riesengroßes Fragezeichen.« Je länger der Lockdown anhalte, desto weniger Zeit verbleibe um noch 27 Spiele zu absolvieren. Inzwischen haben die Kreisstädter aber die Weichen für die Zukunft gestellt: Semun Biber, Julian Scheffler, Julian Dudda, Felix Koob und Top-Torjäger Noah Michael bleiben dem aktuell Rangfünften mindestens bis 2023 erhalten, Identifikationsfigur Alit Usic mindestens eine weitere Saison bis Mitte 2022. Zudem hat Cheftrainer Carsten Weber seinen Kontrakt ebenso bis Mitte 2023 verlängert.

In Bad Vilbel hält Mustafic nichts von der wahrscheinlichsten Variante, die Saison mit der Hinrunde für beendet zu erklären: »Schwachsinn darüber nachzudenken. Das wäre ungerecht, denn eine halbe Saison ist keine komplette Saison.« Sein Plädoyer: »Im Sinne der Gerechtigkeit sehe ich zwei Lösungen: Die Saison annullieren oder bis Juli oder August alles zu Ende zu spielen.«

Nachgefragt bei Noah Michel

Wie bewerten Sie als höherklassig erfahrener Spieler das Niveau der Hessenliga?

Ich habe ja schon Regionalliga und 3. Liga gespielt, und natürlich merkt man da einen Unterschied. In der Hessenliga geht es mehr über den Kampf und nicht nur über das spielerische Element.

Wie haben Sie sich im Sommer bei Türk Gücü integriert, nachdem Sie vor der ersten Corona-Pause nur eine Partie absolvieren konnten?

Ich kannte viele Spieler sowie die Trainer Carsten Weber und Christopher Pilch schon. Deswegen verlief die Integration in die Mannschaft sehr flott. Ich bin hochzufrieden, in diesem Verein spielen zu dürfen, und es macht Riesenspaß.

Welche Lösung in Bezug auf eine gerechte Saisonfortsetzung/Wertung würden Sie bevorzugen?

Wenn keine komplette Runde gespielt werden kann, plädiere ich für eine einfache Runde mit anschließenden Aufstiegs- und Abstiegs-Playoffs.



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