23. Mai 2021, 07:32 Uhr

Ein hoher Preis

Der Jahrgang Nichtschwimmer

Die Wasserratten können aufatmen. Das Freibad öffnet seine Pforten. Den Vereinen stellt sich nun aber auch die schwere Aufgabe, ganze Jahrgänge vor dem Nichtschwimmer-Bann zu bewahren.
23. Mai 2021, 07:32 Uhr
Das Außenbecken im Usa-Wellenbad und einige andere heimische Freibäder öffnen. Die Mitglieder der SG Wetterau sehnen den 29. Mai herbei. Ein Ziel ist es, viele ausgefallene Schwimmkurse nachzuholen. (Foto: Nici Merz)

Wie an Karneval ging es zu in den WhatsApp-Gruppen der SG Wetterau, als die frohe Kunde über die Öffnung der Außenbecken im Usa-Wellenbad die fast schon ausgetrockneten Schwimmer aus Bad Nauheim und Friedberg erreichte. »Da war was los. Ein echtes Feuerwerk«, sagt Kerstin Uhlig, wenn sie an die beliebten Smartphone-Emojis denkt, mit denen die Mitglieder das Ende einer Durststrecke zelebrierten.

Die frühere Vize-Weltmeisterin über 50 Meter Brust (Masters) war viele Jahre Vorsitzende und ist nun Sportwartin sowie Trainerin beim SC Bad Nauheim. Sie berichtet über Vorfreude und Tatendrang bei Kindern wie Erwachsenen. »Passe ich da noch rein? Kann ich das noch anziehen?« Mit solchen Sätzen entwickelte das Geschehen auf den Displays eine positive Eigendynamik. Seit Anfang November ist die Trainingsstätte der SG-Sportler geschlossen. Am 29. Mai öffnet nun immerhin das Freibad (die WZ berichtete). Die Corona-Zahlen sinken weiter. Eine Rückkehr zur Normalität ist in Sicht. Dennoch zahlen die Schwimmer und die Vereine einen hohen Preis.

Der Deutsche Schwimm-Verband meldete für 2020 einen Verlust von 51 000 Mitgliedern. Diesen Trend kann auch Uhlig bestätigen. Zwar verloren die beiden Stammvereine der SG Wetterau während der Pandemie nicht mehr Bestandsmitglieder als vor Corona, konnten aber auch keinen neuen Nachwuchs verzeichnen, der den natürlichen Schwund sonst kompensiert. »Schwimmkurse waren nicht möglich. Dementsprechend fehlen uns diese Kinder, von denen dann später normalerweise einige in die Kindergruppen wechseln«, erklärt die Bad Nauheimer Sportwartin.

Diese Kurse stehen am Anfang der Entwicklung und sind das klassische Einstiegsangebot der SG. Darin lernen die Kids schwimmen. Anschließend können sie eine der Gruppen besuchen, die die beiden Stammvereine der SG - SC Bad Nauheim und VfB Friedberg - eigenständig anbieten. Wer leistungsorientierter Sport treiben möchte, kann dann weiter in den Jugend-Wettkampfbereich der Startergemeinschaft wechseln. Die erste Mannschaft trainiert hier in der Regel sechsmal pro Woche.

Auch im Lockdown den Spaß erhalten

»In den letzten Jahren hat sich der Bereich für die Erwachsenen stark entwickelt. Auch da gibt es Freizeit-orientierte Kurse und das Mastersschwimmen auf Wettkampfebene«, erklärt Uhlig. Perspektivisch denkt man in Bad Nauheim und Friedberg zusätzlich über ein Angebot Prävention/Fitness nach. Die Übungseinheiten würden mit und ohne Wasser stattfinden.

Letzteres sind die Vereine aus der jüngeren Vergangenheit nur allzu gut gewöhnt. Da war an herkömmliches Training im Becken nicht zu denken. Recht schnell hat es die SG verstanden, ihren Mitgliedern aller Widrigkeiten zum Trotz etwas anzubieten. »Es gab Videotraining. Wir haben Programme verschickt für Athletikeinheiten. Die Leute sind gelaufen. Die Kinder hatten die Möglichkeit, bis zu dreimal pro Woche zu trainieren«, blickt Uhlig zurück. So hat es die Startergemeinschaft geschafft, den Spaß an der Sache zu erhalten. Ganz wichtig außerdem: »Unsere Mitglieder konnten sich sehen, und wenn es nur am Bildschirm war. Das war ein wichtiger Faktor. Mit all diesen Bemühungen konnten wir letztlich den ganz großen Mitgliederrückgang verhindern.«

Wohl dem, der in diesen Zeiten seinen eigenen Pool im Garten hatte. So entstanden mitunter lustige und motivierende Aufnahmen, die sogleich mit der Allgemeinheit geteilt wurden. »Der eine oder andere hat sich ein Seil um den Bauch und gebunden und das andere Ende an einem Baum befestigt. Das hatte denselben Effekt wie in einer Gegenstromanlage«, klärt Kerstin Uhlig auf.

Auch Zweitliga-Wasserballer mussten warten

Seit Februar durften die SG-Schwimmer das Friedberger Burgfeld und den Nauheimer Waldsportplatz als Trainingsstätte nutzen. Wann immer es die Verordnungen zuließen, traf man sich zu den Übungseinheiten in Präsenzform und nannte das ganze dann Lauf-, Athletik-, Bewegungs-, und Trockenschwimmtraining.

Im März forderte dann der VfB Friedberg den Zweckverband Usa-Wellenbad dazu auf, vor allem den Wasserballern aus der Kreisstadt wieder eine Trainingsmöglichkeit einzuräumen. Immerhin sind diese durch ihre Zweitliga-Zugehörigkeit privilegiert und hätten eigentlich grünes Licht. Wenn aber die Kommune das Bad nicht öffnet, nutzen alle Privilegien nichts. Diese Erfahrung mussten nebenbei auch die Triathleten machen, die in der Wetterau als Regionalliga-Starter Kader-Status genießen.

Die SG-Verantwortlichen um Uhlig gehören aber nicht zu denen, die mit den Corona-Regeln haderten. Sie entwickelten stattdessen alternative Übungsformen und können sich jetzt auf eine Rückkehr ins Wasser freuen. Kurz- und mittelfristig wünscht sich die Bad Nauheimer Sportwartin vor allem ein großes Plus bei den Belegungszeiten des Bads. Immerhin werden die Wartelisten für Schwimmkurse lang und länger. Angesichts der gebeutelten Jahrgänge der etwa Vier- bis Sechsjährigen klafft eine große Lücke. »Die Kinder fehlen in den Schwimmkursen, später dann in den Kindergruppen und am Ende auch in den Leistungsgruppen«, sagt Uhlig. »Dieser Trend ist schwer aufzuhalten.« Daher gilt es jetzt gegenzusteuern.

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