20. Juni 2020, 10:00 Uhr

Unvergessliche Sportmomente

Wie ein Friedberger seine Teilnahme an den Olympischen Spielen erlebt hat

Uwe Eisenreich hat an Olympischen Spielen teilgenommen. Er wurde WM-Vierter und ist mit dem Bob einmal schwer verunglückt. Zwei große Fehler haben seinen sportlichen Weg geprägt, sagt der Friedberger heute.
20. Juni 2020, 10:00 Uhr
Calgary 1988: Uwe Eisenreich (rechts) im Bob BRD II. FOTOS: IMAGO/NICI MERZ

Mit den amerikanischen Ski-Legenden Phil und Steve Mahre hat er am Vortag von deren Doppelerfolg im Slalom am Tischkicker im Olympischen Dorf gestanden, mit Prinz Albert von Monaco in der Umkleide geflachst und - natürlich - mit Eishockey-Nationalspielern wie »Beppo« Schlickenrieder und Dieter Hegen nach deren Spielen zusammengesessen. Uwe Eisenreich hat viele Anekdoten zu erzählen. Er sagt aber auch: »Ganz ehrlich: Wenn ich gewusst hätte, dass es damals so in die Hose geht, dann wäre ich lieber Zuhause geblieben.« Platz 14 erreichte der Viererbob mit Eisenreich 1984 in Sarajewo, Rang elf dann 1988 in Calgary. Enttäuschend! »Das war bitter. Einfach nur so bitter.« Ein Jahr zuvor, bei der Weltmeisterschaft in St. Moritz, waren Pilot Anton Fischer, Franz Nießner, Eisenreich und Christoph Langen noch auf Platz vier nach vorne gefahren. »Wir sind nach Calgary, um dort etwas zu reißen. Wir waren wirklich guter Dinge. Und dann so ein Mist.«

Frust im Flugzeug

Eisenreich zog seine Konsequenzen, beendete seine Karriere als Bob-Fahrer. Einer von zwei großen Fehlern auf seinem sportlichen Lebensweg. Noch im Flugzeug zurück nach Frankfurt habe ihm Langen, bis dato Bremser mit bulliger Figur, von seinen Plänen erzählt, künftig selbst seinen Zweier-Bob steuern zu wollen; mit Eisenreich als Partner. Der Friedberger lehnte aber ab. Langen gewann wenig später die WM, siegte bei Olympischen Spielen und gilt heute als einer der erfolgreichsten deutschen Bobfahrer. »Das ist brutal ärgerlich. Ich will mir rückblickend gar nicht ausmalen, was ich mit ihm alles hätte erreichen können.« Eisenreich traf man stattdessen vermehrt als Einzelhändler in Friedberg auf der Kaiserstraße, wo er ein Schuhgeschäft betreibt (»Schuhwerk«), oder auf dem Tennisplatz.

Sein - wie er selbst sagt - zweiter großer Fehler: »Ich hätte mich als Jugendlicher in der Leichathletik nicht auf den Sprint konzentrieren sollen. Ich war ein guter Mehrkämpfer. Da habe ich die falsche Entscheidung getroffen.«

Uwe Eisenreich war das Talent in die Wiege gelegt worden. Vater Hermann war als Fußballer zum Sepp-Herberger-Lehrgang eingeladen wurden, Mutter Rosi wurde einmal DM-Vierte im Weitsprung. »Ich war ein fauler Hund«, räumt Uwe Eisenreich heute ein; ein Grund, warum es ihn, den deutschen Leichtathletik-Jugendmeister (60 Meter in der Halle), Ende der 70er Jahre auf die Bob-Bahn zog. »Du kannst als Deutscher national noch so gut sein. International spielt man im Sprint keine Rolle. Und letztlich zählen nur Medaillen. Den Zehntplatzierten kenn doch gar keiner. Und ich habe im Bob-Sport einfach bessere Möglichkeiten gesehen.«

Mit seinem explosiven Antritt hatte er die Aufmerksamkeit der Bob-Branche auf sich gezogen. »Eines Tages kam ein Anruf, ob ich es nicht mal versuche will. Und am nächsten Tag saß ich in Winterberg im Bob. Da blieb nicht mal Zeit zum überlegen, ob ich überhaupt Angst habe«, erinnert sich der heute 61-Jährige.

Eisenreich galt schon 1980 für die Spiele in Lake Placid als Olympia-Kandidat, wurde im letztem Moment aus dem Aufgebot gestrichen. Später, 1982 und 1985, gewann er die deutsche Meisterschaft.

Unglück in Cervina

Großes Glück hatte Eisenreich bei der WM im gleichen Jahr im italienischen Cervina. Der Bob verunglückte, ein Holzbalken durchbohrte sein Knie; wie durch ein Wunder, ohne aber ernsthafte Verletzungen zu verursachen. »Mutter bittet: Mach Schluss, Uwe« hatte seinerzeit die Bild-Zeitung in großen Lettern berichtet. Nach 24 Stunden konnte Eisenreich zumindest an Krücken schon wieder gehen.

Erinnerungen, wie Zeitungsausschnitte und Fotoalben, hat Eisenreich in einer kleinen Tasche gebündelt. Sie steht im Keller. Die Teamkleidung wurde verschenkt. Das Kapitel Olympische Spiele ist abgeschlossen und schon lange kein Thema mehr. Die Wintersport-Übertragungen verfolge er noch mit großem Interesse, sagt der Vater zweier erwachsener Söhne. Kontakte in die Szene seien über all die Jahre abgerissen. Eisenreich blickt nach vorne. Thailand ist sein Sehnsuchtsort. Dort will Eisenreich künftig einen Großteil der Wintermonate verbringen. Sandstrand statt Eiskanal.

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