26. April 2017, 21:00 Uhr

Sportlicher Einstieg

Wie Sie im Frühling wieder richtig fit werden

Für viele ist der Frühling willkommener Anlass für mehr Sport. Worauf sollten Neu- oder Wiedereinsteiger achten? Dr. Christian Pilat, Sportwissenschaftler der JLU Gießen, gibt Hinweise.
26. April 2017, 21:00 Uhr
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Aus der Redaktion
Der Frühling lockt zum Joggen, wie hier im Kurpark in Bad Nauheim. (Foto: chh)

Herr Dr. Pilat, der Frühling kommt und viele Menschen nehmen sich wieder vor, mehr Sport zu treiben. Wann lebt man denn aus sportmedizinischer Sicht am gesündesten?

Dr. Christian Pilat: Zunächst einmal muss man sagen, dass das Maß an Alltagsaktvitität neben dem Sport mindestens genauso wichtig ist. Selbst wenn man keinen regelmäßigen Sport treibt, aber einen aktiven Alltag hat, sei es durch Spaziergänge mit dem Hund oder einen häufigen Verzicht auf Motorisierung, hat man ein geringeres Risiko für beispielsweise einen Herzinfarkt. Für den geplanten Sport gilt: 150 Minuten sportliche Betätigung in der Woche entsprechen heute einem gesunden Lebensstil. Das sind zweieinhalb Stunden und könnte notorische Sportgegner zwar abschrecken, aber zu Beginn ist wenig besser als nichts und man sollte ja auch nicht von null auf Hundert starten.

Was empfehlen Sie also gewillten Neu- oder Wiedereinsteigern?

Dr. Pilat: Wer älter als 35 Jahre ist und länger sportabstintent war, sollte eine sportmedizinische Untersuchung machen. Davor muss man wirklich keine Sorge haben. Zentraler Bestandteil ist ein Fahrradergometer, ein Arzt ist beteiligt, es wird abgeklärt, wie sportgesund man ist. Das kostet je nach Einrichtung rund 100 Euro. Zu uns in die Sportmedizin der JLU kommen täglich Menschen, vom Kaderathleten bis zum Breitensportler. Zwei gute Gründe sprechen dafür: Durch die Untersuchung kann man gesundheitliche Risiken, bis hin zum plötzlichen Herztod, beim Sport quasi ausschließen. Zum anderen bekommt man optimale Bewegungs -und Belastungsempfehlungen. Viele übernehmen sich nämlich am Anfang, das ist ein Problem.

Vor allem, weil die Motivation dann wieder nachlässt?

Dr. Pilat: Genau. Wenn man im Stadtpark stichprobenartig die Herzfrequenz von Joggern misst, ist die häufig zu hoch. Das führt auf Dauer dazu, dass man schneller in einen Erschöpfungszustand kommt. Diejenigen, die sehr ehrgeizig beginnen, hören meistens am schnellsten auch wieder auf. Jeder kennt den Spruch, dass man sich beim Laufen noch unterhalten können sollte, aber nur wenige beherzigen es auch.

Welche Ruhephasen empfehlen Sie?

Dr. Pilat: Wenn Neueinsteiger nun meinen, jeden Tag trainieren zu müssen, weil das Leistungssportler ja auch machen, liegen sie falsch. Der Organismus beispielsweise eines Profisportlers ist durch lange Vorbereitung an die Belastungen gewöhnt. Entscheidend bleibt gerade für Neueinsteiger immer das subjektive Empfinden. Beim Krafttraining gilt, dass die beanspruchte Muskelgruppe nach einem Training bis zu 48 Stunden Pause benötigt.

Sind neue Laufschuhe für das regelmäßige Joggen notwendig?

Dr. Pilat Beim Neueinsteiger ja. Beim Laufen wirkt ein Vielfaches des Körpergewichts auf den Bewegungsapparat, natürlich ist das wichtig. Schuhe sind für Anfänger als Unterstützung hilfreich. Aber die Tendenz geht zum Barfußlaufen. Ich kenne einige, die komplett barfuß joggen. Die Schuhe sind häufig nur noch eine Schutzhülle. Durch den Absatz des Schuhs im Fersenbereich erkennt man häufig ein Aufkommen des Fußes im Fersenbereich – das führt zur hohen Belastung des Kniegelenks. Wer barfuß läuft, tritt eher mit dem ganzen Fuß auf. Dadurch nutzt man eher die natürliche Dämpfung der Wadenmuskulatur. Es gibt ja mittlerweile viele Schuhe, die dem Barfußlaufen ähneln.

Für gewisse Sportarten eignen sich diese Schuhe aber sicherlich nicht...

Dr. Pilat: Natürlich kommen beim Tennis beispielsweise andere Herausforderungen durch das ständige Abstoppen. Generell: Es gibt so viele Sportarten. Auch das wird bei der Untersuchung thematisiert. Wir wollen helfen, die richtige für jeden Einzelnen zu finden. Wer übergewichtig ist, fängt besser mit dem Schwimmen oder Rad fahren an. Auch Nordic Walking empfiehlt sich. Viele reden da von Nordic Talking. Aber wenn die Stöcke dazu dienen, dass die Menschen rausgehen und motiviert sind, ist aus meiner Sicht nichts dagegen einzuwenden.

Stichwort Motivation: Was ist ihr stärkstes Argument für all diejenigen, die wieder mit dem Sport anfangen wollen?

Dr. Pilat: Wir sind Wissensriesen, aber Umsetzungszwerge. Sport und Bewegung tut gut, das wissen alle, trotzdem schaffen es die wenigsten, das regelmäßig umzusetzen. Wir müssen nicht Bedürfnisse wecken, sondern Bedürfnisse erkennen. Einfach nur laufen gehen macht keinen Spaß? Dann sieht man es unter dem Gesichtspunkt, unter Menschen, unter Freunden zu sein. Wenn man einem Diabetiker sagt: Du musst Sport machen, weil dein Blutzuckerspiegel zu hoch ist, wird man ihn eher schwer erreichen. Man muss Anreize finden, die die Person ansprechen und wenn es Trainingsgruppen sind, in denen man regelmäßig zusammenkommt. Man sollte sich Vorbilder aus dem direkten Umfeld suchen und an Personen, die es trotz begrenzter Zeit schaffen, Sport zu treiben, orientieren. Jeder sollte sich klar machen: Inaktivität ist genauso ungesund wie rauchen. Und: Man muss einen anderen Blickpunkt auf den Sport bekommen: Das ist nicht nur Leistung, sondern vor allem Spaß und Gesundheit.



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