01. März 2018, 12:00 Uhr

Keine Zukunft

Warum Betriebssport-Angebote in der Wetterau oft ins Leere laufen

Der Betriebssport war einst eine große Sache. Davon ist in der Wetterau kaum noch etwas übrig. Wir gehen den Ursachen auf die Spur.
01. März 2018, 12:00 Uhr
scharf_esc
Von Erik Scharf
Im Trend: Das Friedberger Unternehmen Ovag bietet seinen Mitarbeitern im Rahmen des Gesundheitsmanagements Fitnesskurse an. Der klassische Betriebssport findet dagegen immer weniger Beachtung. (Foto Nici Merz)

Es ist Donnerstag, 17.30 Uhr. Emrah Kahraman schließt im Untergeschoss des Ovag-Hauptgebäudes in der Friedberger Innenstadt einen kleinen Sportraum auf. »Die anderen müssten auch gleich da sein«, sagt er. Ein wenig dringt die Vorfreude auf die kommende Stunde durch seine Stimme. Zehn Minuten später sind fünf Kollegen eingetroffen, und die ersten Tischtennisbälle werden sich um die Ohren geschmettert. Bei der Ovag nimmt der Betriebssport noch eine wichtige Rolle ein. Der Trend zeigt aber in die andere Richtung.

So sieht es zumindest Jörg Brand, stellvertretender Vorsitzender vom Betriebssport-Verband Hessen, verantwortlich für den Bezirk Wetterau. Laut Brand gibt es zwei »komische Entwicklungen«. Vor einigen Jahren war es kein Problem, Turniere auszurichten, es meldeten sich immer genügend Mannschaften an.. Heute sei es nahezu unmöglich, Mannschaften an den Start zu bekommen, sagt Brand. Die Gründe liegen für ihn auch am Freizeitverhalten. Denn am Wochenende sei es schwieriger, die Mitarbeiter zu motivieren. Viele wollen ihre Freizeit lieber mit Familie und Freunden verbringen, als auf dem Sportplatz oder in der Sporthalle mit Arbeitskollegen.

 

Hessische Meisterschaften schwer zu organisieren

Selbst hessische Meisterschaften seien unter den gegebenen Umständen nur schwer zu organisieren. »Wir kriegen maximal fünf Mannschaften zusammen. Daraus eine Hessenmeisterschaft zu machen, ist quatsch«, sagt Brand. So beschränkt sich der Wettkampfkalender auf sechs Turniere pro Jahr - darunter auch ein Skatturnier.

Kahraman und seine Tischtennis-Gruppe, die 13 Mitglieder zählt, vertrat die Ovag im vergangenen Jahr bei einem Turnier in Ober-Erlenbach – jedoch wurde dieses von einer anderen Firma organisiert und hatte mit dem Verband nichts zu tun. Doch auch solche Turniere sind die Ausnahme. Selbst die Fußballer der Ovag spielen maximal ein Turnier pro Jahr. Immerhin organisierte Kahraman ein internes Turnier.

 

Immer mehr Yoga und Zumba

Der zweite Aspekt sind laut Brand die Angebote, die »sich in den Betrieben immer mehr Richtung Gesundheitsmanagement verschieben.« Fußball, Leichtathletik und Bowling seien zwar nach wie vor beliebt, aber auch Yoga und Zumba werden immer häufiger angeboten. »Das funktioniert vor allem in den größeren Bezirken, wie zum Beispiel in Frankfurt«, sagt Brand. Aber auch bei der Ovag werden den Mitarbeitern im Rahmen des Gesundheitsmanagements beispielsweise Rücken- und Präventionskurse angeboten - auf Kosten der Firma.

Dass es in der Wetterau tatsächlich schwierig ist, Trends im Betriebssport zu bedienen, zeigt sich am Beispiel des Reha-Zentrums Wetterau/Taunus. Hier stehen den Mitarbeitern Angebote wie Schwimmern, Volleyball, Tischtennis oder Kegeln auf der hauseigenen Bahn zur Auswahl. Besonders beliebt ist laut Katharina Köhler, die das Sportangebot organisiert, aber der Fitnessraum. Nur rund zehn Prozent der Mitarbeiter würden die Angebote regelmäßig nutzen. »Wir können natürlich niemanden zwingen, ich wünsche mir aber, dass das Angebot etwas stärker genutzt wird. So bin ich zufrieden, dass wir die Gruppe überhaupt haben.« Entsprechend ist auch nicht geplant, die Angebote auszuweiten. »Dafür haben wir auch gar keine Kapazitäten«, sagt Köhler.

Manchmal verlaufen Angebote aber auch im Sand: »Früher hatten wir mal eine Yoga-Gruppe. Die lief die ersten drei Termine gut, dann wurden es immer weniger, bis schließlich nichts mehr ging.« Dann brauche man auch keine Kraft investieren, wenn es am Ende nicht genutzt werde, sagt Köhler.

 

Nachwuchs fehlt in vielen Betrieben

In den Gesprächen mit den Betrieben kristallisierte sich noch ein dritter Aspekt heraus. Wie auch im Breitensport, fehlt es in den Betrieben an Nachwuchs. »Viele sind anderweitig beschäftigt oder haben keine Lust. Es werden Jahr für Jahr weniger Spieler und es wird immer schwerer, neue Mitglieder dafür zu begeistern«, sagt Kahraman. Der Vorsitzende des Sportkreises Wetterau, Jörg. K Wulf, sagte kurz nach dem Jahreswechsel im Gespräch mit der WZ: »Die Vereine müssen ein Angebot machen, das den Wünschen, nach flexiblen Trainingszeiten, entgegenkommt und die nicht zwingend mit einer Mitgliedschaft verbunden sind.« Für den Betriebssport ist das fast nicht zu realisieren, über ein firmeninternes Gesundheitsmanagement schon.

Die Perspektive für den Betriebssport sieht sieht nicht gerade rosig aus – insbesondere bei mittelständischen Unternehmen. Obwohl Brand und seine Kollegen durchaus von Firmen angesprochen werden. Dahinter steckt aber ein rechtlicher Aspekt. Denn Mitarbeiter von Firmen, die Sportangebote organisieren, jedoch nicht im Verband Mitglied sind, sind beim Sporttreiben nicht versichert. Solche Details sind oftmals nur einem Gesundheitsbeauftragten bekannt. Den gibt es aber in mittelständischen Unternehmen eher selten. Somit fällt auch der Kontakt zum Verband weg.

Der umgekehrte Weg hat laut Brand aber auch wenig Aussicht auf Erfolg: »Um Firmen zu akquirieren, müssten wir hauptamtlich arbeiten.« Dass das nicht funktioniert, überrascht nicht. Schließlich wurden vor einigen Jahren die Bezirke Wetterau und Taunus zusammengelegt. »Der Aufwand hat sich nicht mehr gelohnt«, sagt Brand. Es ist zu befürchten, dass er sich in Zukunft immer weniger lohnen wird.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos