01. August 2018, 07:00 Uhr

Leichtathletik-EM

Vor der Leichtathletik-EM: Das sagt der Friedberger Sprinter Steven Müller

Steven Müller die erfolgreichste Zeit als Sportler: eue Bestleistung, DM-Silber, Europameisterschaftsnominierung. Dafür investiert der Sprinter der LG ovag Friedberg-Fauerbach aber viel.
01. August 2018, 07:00 Uhr
Philipp_Keßler
Von Philipp Keßler
Steven Müller von der LG ovag Friedberg-Fauerbach gibt im Training immer Vollgas. Rund 30 Stunden pro Woche investiert der 200-Meter-Sprinter in seinen Sport – neben seinem Studium und dem überlebenswichtigen Nebenjob. (Foto: Keßler)

Es ist Freitagabend, die Hitze drückt: 200-Meter-Sprinter Steven Müller kommt mit Trainer Otmar Velte auf die Sportanlage am Friedberger Burgfeld. Die beiden haben bereits vier Stunden Arbeit hinter sich: Analysen, Trainingsplan, Management. Nun gilt es, noch etwas zu trainieren. Doch vor der Abreise nach Kienbaum ins zentrale Trainingslager der Nominierten des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) für die Europameisterschaften in Berlin Anfang August nimmt sich der Athlet der LG ovag Friedberg-Fauerbach Zeit für ein Interview. Es geht um ihn um seine Leistungen – und die Zustände des deutschen Spitzensports allgemein.

Herr Müller, wie fühlen Sie sich nach dem Gewinn der Silbermedaille bei den deutschen Meisterschaften und vor der EM?

Müller: Ich freue mich, an so einem Wettbewerb teilzunehmen. Deshalb bin ich momentan auch noch nicht nervös oder so etwas. Die Freude überwiegt bei mir.

War die Europameisterschaft in ihrem Jahresplan bereits drinnen?

Müller: Das ist eigentlich eine Trainerfrage, denn er plant für mich. Aber grundsätzlich planen wir nicht nach Wettbewerben, sondern nach Zeiten. Und da wir 20,60 Sekunden erreichen wollten, die die EM-Norm von 20,65 Sekunden unterbieten, war das im Bereich des Möglichen.

Mein Trainer sorgt, dafür, dass ich mich auf den Sport konzentrieren kann

Steven Müller

Trainingslager mit den anderen Nominierten, dann die Europameisterschaft im eigenen Land. Wie gehen Sie mit der neuen Situation um?

Müller: Es ist in der Tat Vieles völlig neu für mich. Ich merke es bereits jetzt, dass es nicht mehr nur eine Medienanfrage gibt, sondern dass es mehr wird. Zum Glück hält mir mein Trainer den Rücken frei, denn das wäre ein großer Arbeitsaufwand nebenher. Deshalb ist ein gutes Verhältnis zwischen Trainer und Athlet auch so wichtig. Er sorgt, dafür, dass ich mich auf den Sport konzentrieren kann.

Wie integrieren Sie den Leistungssport überhaupt in Ihren Alltag?

Müller: Ich merke immer mehr, dass ich gewisse Rahmenbedingungen in meinem Umfeld einhalten muss, damit alles funktioniert. Der Leistungssport hat höchste Priorität für mich, da ich die Chance nur jetzt habe – ich werde ja auch nicht jünger. Der Rest muss da hinten anstehen. Zu 30 Stunden Training kommt das Studium und mein Nebenjob.

Wie sieht das Training im Alltag aus?

Müller: Mein Trainer und ich planen das Training im Vorfeld gemeinsam. Im Alltag bin ich dann aber alleine, zum Beispiel im Kraftraum oder bei gewissen Methoden, die ich alleine absolvieren kann. Technisches und mentales Training findet dann aber natürlich mit Trainer statt. Da geht es dann um Startübungen, aber auch um die Frage, wie ich die Kurve und die Gerade laufe. Das hat sich aber mit der Zeit auch verändert, denn am Anfang brauchte ich mehr Zeit mit dem Trainer. Mittlerweile habe ich aber genügend Erfahrung. Und auf der Bahn stehe ich ja schließlich auch alleine.

Die Geldfrage ist und bleibt die schwierigste Frage eines jeden Leichtathleten

Steven Müller

Wie finanzieren Sie sich das alles?

Müller: Ich arbeite neben dem Studium an der Uni Kassel in einer Art Cafeteria. Ich versuche gewisse Zeitspannen zu arbeiten, um mir Reserven anzusparen. Und ich versuche natürlich, die Kosten so niedrig wie möglich zu halten. Der Verein unterstützt mich etwas, dazukommt die eine oder andere Privatperson, die mir mal etwas hilft. Aber die Geldfrage ist und bleibt die schwierigste Frage eines jeden Leichtathleten. Es geht dabei um profane Dinge wie Reisekosten, Startgeld und das tägliche Essen. Dahingehend ist die Europameisterschaft eine Chance, mich noch einmal zu präsentieren.

Haben Sie Rituale, wie Sie in einen Wettkampf gehen?

Müller: Auf jeden Fall baut man mit der Zeit Routinen auf und versucht, mit einem roten Faden durch den Wettkampf zu gehen. Bei mir gehört es zum Beispiel dazu, dass ich am Morgen jedes Wettkampfes richtig heiß dusche. Mit dem Betreten des Stadions bin ich dann schon im Tunnel und nur noch auf das Rennen fokussiert. Wenn mich dann einer ansprechen würde, geht das einfach nur im einen Ohr rein und zum anderen raus.

Wie sieht die Zielsetzung für die Europameisterschaften aus?

Müller: Es ist natürlich schwierig, ganz ohne Ziel irgendwo hinzufahren. Die konkreten Ziele möchte ich aber lieber für mich behalten. Alleine an der EM teilzunehmen, war aber natürlich bereits eines meiner Ziele.

Wie sind Sie überhaupt – sehr spät mit 20 Jahren – zur Leichtathletik gekommen?

Müller: Ich habe in Paderborn Football gespielt und bekam Anfragen aus der ersten und zweiten Liga. Daraufhin wollte ich meine Athletik und meine Schnelligkeit verbessern, weil es meine Stärken waren und ich körperlich weniger vorzuweisen hatte. So bin ich über die Freundin eines Kumpels zu Otmar Velte als Trainer gekommen – und war bei unserer ersten Begegnung auch ohne großes Aufwärmen sehr schnell. Da war er schon überrascht, aber auch interessiert.

Wie ist die Verbindung zum Verein hier zustande gekommen?

Müller: Als ich mit dem Laufen angefangen habe, bin ich in den LT Paderborn eingetreten. Irgendwann haben wir aber gesehen, dass ich mehr Möglichkeiten brauche. Da hat sich die LG Friedberg-Fauerbach rein örtlich angeboten, zumal es nicht einfach ist, einen Verein zu finden, der einen unterstützt. Das passt mittlerweile sehr gut. Dementsprechend laufe ich auch in der Staffel mit und trainiere dann auch hier.

Ich möchte einfach mein Leistungspotenzial voll ausschöpfen

Steven Müller

Was ist Ihr Ziel für die weitere Karriere?

Müller: Es wäre für mich schon ein Erfolg, wenn ich weiter meine Leistung verbessern könnte, und sich meine Zeiten weiter wie bisher entwickeln. Ich möchte einfach mein Leistungspotenzial voll ausschöpfen.

Merken Sie während des Rennens, wie schnell Sie sind?

Müller: Jein. Na klar merke ich, dass ich schwere Beine habe, wenn ich vom Training vom Vortag noch angeschlagen bin, und deshalb langsamer bin. Im Wettkampf merke ich das aber nicht unbedingt. Den Unterschied zwischen einer 20,60 und einer 21,90 spüre ich natürlich. Aber eigentlich ist die Zeit auch nur die Rückmeldung, wie viel ich von dem richtig mache, was ich trainiere.

Gibt es ein Vorbild in Ihrem Leben?

Müller: Ich würde lügen, wenn ich sage, dass es nicht so war. Wie für viele andere Sprinter auch, war das gerade am Anfang Usain Bolt. Aber ich habe ganz andere körperliche Voraussetzungen, dementsprechend habe ich inzwischen meinen eigenen Laufstil, den ich versuche, auf die Bahn zu bringen. Deshalb trainiere ich ja von Anfang an alleine. Das war anfangs sehr ungewohnt, da ich aus einer Mannschaftssportart kam, weil sich der Trainer voll auf mich konzentriert.

Wie ist das Verhältnis zu den anderen DLV-Athleten, gerade im Sprint?

Müller: Ich bin ehrlich: Ich habe kein besonderes Verhältnis zu ihnen, was natürlich aber auch daran liegt, dass ich noch nicht so lange dabei bin. Es gibt eine Person, mit der ich mich auf Anhieb gut verstanden habe, die zwar aktuell nicht mehr Nationalkader ist, mit der ich mich aber gerne austausche.

Info

Der Zeitplan für Steven Müller bei der Leichtathletik-EM

Die Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin finden von Montag, 6. August, bis Sonntag, 12. August statt – im altehrwürdigen Berliner Olympiastadion. Für die 200-Meter-Sprinter geht es am Mittwoch, 8. August, morgens ab 10.50 Uhr mit der ersten Runde los. Am selben Tag steht um 20.20 Uhr das Halbfinale an. Doch eine Verschnaufpause gibt es dann nicht, denn das Finale steigt bereits einen Tag später, am Donnerstag, 9. August, um 21 Uhr. Dann messen sich die schnellsten Männer Europas auf der zweitkürzesten Sprintstrecke. Übrigens: Das 100-Meter-Finale wird bereits am Dienstag, 7. August, ausgetragen – zu Beginn der Großveranstaltung.



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