11. Dezember 2019, 07:00 Uhr

EC Bad Nauheim

Von Schneebälle und Verräter-Rufen: Wie Ralf Pöpel einst die Derbys erlebt hat

Eishockey-Spiele zwischen Bad Nauheim und Frankfurt haben eine große Historie. Ralf Pöpel kennt die Derbys aus vielen Perspektiven.
11. Dezember 2019, 07:00 Uhr
Ralf Pöpel, der für Bad Nauheim, Frankfurt und Mannheim in der Eishockey-Bundesliga gespielt hatte, kennt die Rivalitäten aus eigener Erfahrung. FOTO: NICI MERZ

Ralf Pöpel kennt Eishockey-Derbys aus mehreren Perspektiven. Er hat für den VfL und den EC Bad Nauheim gespielt, für Eintracht Frankfurt und auch den Mannheimer ERC. Er ist stolz für seinen Heimatklub aufgelaufen, ist aber auch im Trikot des Erzrivalen dorthin zurück gekommen, wo alles begonnen hatte; ins Colonel-Knight-Stadion. Im Interview spricht der 65-Jährige differenziert über Derbys, Verräter-Rufe, Schneeballwürfe und warum er sich in Frankfurt als Wetterauer einheimisch gefühlt hat.

Ralf Pöpel ist noch mit Freiluft-Eishockey groß geworden. Erst Anfang der 70er-Jahre wurde die Eisfläche im Kurpark überdacht. Von der Saison 1973/74 bis zum Pleite des VfL Bad Nauheim gehörte der Stürmer dem Bundesliga-Kader an. Mit Mannheim wurde er später unter Trainer Ladislav Olejnik zweimal »Vizemeister«. Über den damaligen Zweitligisten Bad Nauheim (86/87) führte sein Weg zu Eintracht Frankfurt (vier Spielzeiten); zurück in die Bundesliga. Anfang der 90er-Jahre ließ er schließlich seine Karriere in Bad Nauheim ausklingen. Ein Interview vor dem Winter-Derby zwischen dem EC Bad Nauheim und den Löwen Frankfurt am Samstag (20.30 Uhr) im Fußball-Stadion am Bieberer Berg in Offenbach.

Ralf Pöpel, mit Blick auf das Winter-Derby. Wären Sie gerne noch einmal 30 Jahre jünger?

Natürlich, da wäre ich gerne dabei. Das ist für Bad Nauheim etwas bislang Einmaliges. Und das wird es sicher auch bleiben. Back to the Roots eben - so, wie ich das von früher kenne. Bei Nieselregen leidet die Eisqualität, da wird die Oberfläche rau. Bei starkem Schneefall muss vielleicht eine zusätzliche Pause eingelegt werde, um das Eis abzuziehen.

Sie selbst haben einst einmal vor 20 000 Zuschauern gespielt; allerdings in einer geschlossenen Halle.

Ja, 1978 mit der Olympia-Auswahl in China. Das waren noch ganz andere Zeiten. Die Zuschauer wurden nach einem Glockenschlag blockweise ins Stadion gelassen, alle in grün oder blau gekleidet; Arbeiter und Militär. Und es war im Grunde das gesamte Spiel über mucksmäuschenstill in der Halle.

Wie haben Sie die Derbys mit dem VfL und der Eintracht damals erlebt?

Wir Spieler kannten uns ja alle, da hat man schon ein bisschen gegrantelt und gestichelt. Letztlich war auch viel Flachs dabei. In Bad Nauheim hat das Derby noch einen ganz anderen Stellenwert, und vielleicht ist das auch der Grund, warum die Roten Teufel zumeist gewinnen. Wer sich als Spieler durch Bad Nauheim bewegt, wird immer wieder mit dem Rivalität konfrontiert, wird angesprochen. »Jungs, dieses Spiel müsst ihr gewinnen.« Das kenne ich aus Frankfurt so überhaupt nicht. Da kennt einen niemand auf der Straße.

Sie haben mit der Eintracht das »echte Frankfurter Derby« bei Ihrem Ex-Klub Mannheim bestritten.

Das sind Württemberger, wir sind Hessen. Dieses Duell hatte zu meiner Zeit keine große Historie. Das ist im Duell Bad Nauheim/Frankfurt anders. Hier ist die Tradition verwurzelt. Und wer damals in Bad Nauheim keinen Fuß fassen konnte in der ersten Mannschaft, der ist eben nach Frankfurt. Eintracht hat damals im Radrennstadion gespielt. Das hatte vielleicht ein ähnliches Flair wie heute der Bieberer Berg. Open-Air-Feeling eben. Ich kann mich erinnern, dass Horst Philipp damals vom VfL zur Eintracht gewechselt war, und wie er in Bad Nauheim ausgepfiffen wurde. Proppenvoll war’s im Kurpark. Das Stadion war Ende der 60er-Jahre noch nicht überdacht. Die Frankfurter Spieler wurden mit Schneebällen beworfen. Solche Duelle prägen die Geschichte, die vergisst man nicht. Ich habe damals selbst Schneebälle geworfen.

Welches Derby aus Ihrer Zeit als Spieler ist Ihnen in besonderer Erinnerung

Ein Spiel mit der Eintracht gegen Bad Nauheim beim Turnier im den damaligen Henninger-Cup in Frankfurt zur Weihnachtszeit. Wir waren als Bundesligist Favorit und haben mit Ach und Krach gewonnen. Ricki Alexander war Trainer in Bad Nauheim und wollte unbedingt verhindern, dass ich ein Tor schieße. Also ist mir damals Steffen Lang nicht von der Seite gewichen. Der hat mich wahnsinnig gemacht. Ich bin gerannt und gerannt, aber Steffen war ein junger Kerl und ein guter Schlittschuhläufer. Es war nur ein Turnierspiel, aber irgendwann war man einfach nur genervt.

Wie haben die Fans in Bad Nauheim Ihren Wechsel nach Frankfurt aufgenommen?

Das war im Großen und Ganzen akzeptiert. Die Eintracht hat eine Liga höher gespielt. Da hab’s eine klare Hierarchie und keine wirkliche Rivalität. Klar, der eine oder andere hat schon mal »Judas« gerufen, und wenn wir verloren hatten, gab’s schon mal eine sarkastische Stichelei, aber nichts Wildes.

Ist das Derby für Fans größer als für Spieler?

Das Spiel wird durch Fans und Medien natürlich aufgebauscht. Letztlich geht’s um drei Punkte, wie in jedem anderen Spiel auch. Die besondere Brisanz beim Winter-Derby ist sicher die Frage, wer denn die Nummer eins im Rhein-Main-Gebiet ist. Als Bad Nauheimer hat man sich ja immer ein bisschen hinter Frankfurt mit dem Potenzial, seinen Sponsoren und Möglichkeiten versteckt. Da war’s ein Erfolg, wenn man irgendwie mitgehalten hat. Aber in diesem Jahr läuft’s bislang anders.

In Bad Nauheim haben in der Vergangenheit sehr viele Einheimische gespielt. Wie war der Kontakt zu den Spielern der Eintracht?

In Frankfurt gab’s es nur wenige Einheimische. Und die echten Frankfurter waren - und das soll nicht despektierlich klingen - auch eher Ergänzungsspieler in den hinteren Reihen. Als erstes fällt mir da noch Christian Ziesch ein. Aufgestiegen mit der Eintracht, einst U-Nationalspieler und in Bad Nauheim mal einer der besten Punktesammler.

Wie war es für Sie, in Bad Nauheim als Gegner aufzulaufen?

Man spielt daheim - aber mit einer anderen Mannschaft. Das ist schon komisch. Als Spieler nimmt man das nicht so wahr. Aber ich verstehe die Fans, die auch »Judas« rufen. Für mich war einst auch Horst Philipp durch seinen Wechsel nach Frankfurt ein Verräter. Wie konnte er nur zur Eintracht gehen? Man muss aber auch sagen, dass es Bad Nauheimer waren, die den Grundstein für den Klassenerhalt der Eintracht in der 2. Bundesliga gelegt haben. Pilo Knihs, Dieter Jehner, Hartmut Keßler, und Rainer Wesener sind damals mit Frankfurt aus der Oberliga aufgestiegen, und nach dem VfL-Konkurs kamen Spieler wie Manfred Müller, Helmut Keller, Bernd Schoofs oder auch mein Bruder Jürgen dazu - bundesliga-erfahrene Leute, die für kleines Geld gespielt haben, die einfach nur spielen wollten.

Wie wurden Sie als Bad Nauheimer denn in Frankfurt aufgenommen?

Sehr positiv. Ich war für jeden ‚der Hesse‘. Endlich mal einer! Uli Egen, Jocki Hiemer, die Birk-Brüder oder auch Peter Zankl - das waren ja alles Bayern. Und Jaro Mucha oder Milan Mokros sind ursprünglich ja auch nicht aus der Rhein-Main-Region.

Wie eng sind Sie dem EC Bad Nauheim heute noch verbunden?

Eng. Über Freude, über die Medien. Im Stadion bin ich eher selten. Old-Time-Hockey - das mag schön sein. Ich kenne aber auch viele Ältere, die den Komfort vermissen. Das fängt bei Parkplätzen an und geht über Sitzplätze, die feucht sind, weil es von der Decke tropft. In ein neues Stadion - nicht mehr so kalt, besserer Service - würden auch viele echte Nauheimer wieder hingehen. Man muss von jedem Platz aus gut sehen können. Der Stadionbesuch an sich muss eben Spaß machen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Roten Teufel?

Ich behauptete, mit einer neuen Arena hätten wir 3000 Zuschauer im Schnitt. Das Stadion muss kommen; auch als Zeichen für die, die jetzt Geld und Zeit in den Klub stecken. Sonst stellt sich die Frage, wie lange Geldgeber das noch mitmachen. Da kann man auch schnell die Lust verlieren. Klar: Elvis, Kurstadt - aber man wird auch heute noch überall auf Eishockey angesprochen. Kein Mensch würde Gummersbach oder Großwallstadt kennen. Der Handballsport hat’s populär gemacht. Und so ist das auch mit Eishockey in Bad Nauheim. Es wäre auch schade im die Jugendlichen, die verrückt sind und jeden Abend auf dem Eis stehen. Ohne Profi-Eishockey würde auch bei den Kindern das Interesse nachlassen. Das ist hier eben der Unterschied zu Frankfurt. Hier ist Eishockey gewachsen, hat Tradition.

Erlebt man ein Derby auch als Einheimischer anders als ein ortsfremder in der Mannschaft?

Ja, da ist man emotional einfach enger dran. Bei Niederlagen gegen Frankfurt bin ich noch heute richtig sauer; auch wenn ich für Frankfurt gespielt habe. Aber eben als Eintrachtler. Mit den Löwen habe ich nicht viel zu tun. Deshalb freut’s mich, dass Bad Nauheim momentan vor Frankfurt steht.

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