21. März 2019, 07:36 Uhr

Hip-Hop-Tanz

Von Friedberg auf die Bühnen der Welt: Ousman Conteh und der Hip-Hop-Tanz

Er ist ein echter Wetterauer, doch auf den Hip-Hop- Bühnen dieser Welt ist er weit bekannter als in seiner Friedberger Heimat: Ousman Conteh: Tanzlehrer, Unternehmer, Hip-Hop-Tänzer.
21. März 2019, 07:36 Uhr
Ousman Conteh und seine »Urban 1st Cut Dance Crew« trainiert im Friedberger »Junity«. (Foto: Nici Merz)

»Es ist undramatischer, als man denkt«, beginnt Ousman Conteh seine Erzählung. Es geht um das größte Hip-Hop-Festival der Welt. Gemeinsam hat sich »P-Soul«, wie er sich selbst nennt, mit seinem Hamburger Partner Franklyn Kakyire alias »Slunch« monatelang auf das »Jouste Debout« in Bercy, einem Vorort von Paris, vorbereitet. 18 000 Zuschauer, auf der kreisrunden Bühne die besten Tänzer der Welt, ausgesiebt aus bis zu 6000 Paaren, die in den Vorentscheiden angetreten waren. »Es war ein krasses Gefühl, an den ein, zwei Stellen, an denen das Publikum richtig laut war. Aber richtig realisiert hat man es erst hinterher«, erzählt Conteh. »Wir haben einfach versucht, ganz bei uns zu bleiben.« Mit Erfolg. Das Duo kommt bis ins Achtelfinale, gehört nun also offiziell zu den besten 16 Teams der Welt. »Am Anfang waren wir schon etwas enttäuscht, ausgeschieden zu sein, aber dann haben wir realisiert: Wir haben auch gewonnen. Denn ab jetzt wird alles anders. Nichtsdestotrotz kommen wir im nächsten Jahr wieder«, sagt er.

 
Fotostrecke: Zu Besuch bei Ousman Conteh und dem "Urban 1st Cut Dance Team"


Ousman Conteh und Hip-Hop als Lebenseinstellung

Der 29-Jährige ist in Bad Nauheim geboren, in Friedberg aufgewachsen. Seine Mutter mag Funk-Musik, tanzt viel – er selbst ist ebenfalls sehr musikalisch. Mit elf Jahren nimmt er an der »Hip-Hop-Woche« in Friedberg teil. »Das hat mir eine Identität gegeben«, sagt er heute. Die Musik, die Klamotten, das Tanzen – Ousman Conteh liebt den Hip-Hop und seine Subkultur. »Hip-Hop ist ein Mind-Set, eine Lebenseinstellung. Ich bin damit groß geworden.« Kurz darauf fängt er an, Hip-Hop zu tanzen, heute ist es sein Beruf. Er ist Tanzlehrer, gibt Stunden in Vereinen und Tanzschulen, er ist Unternehmer, vermarktet seine Crew und sich selbst, egal ob für Auftritte bei Events oder für Musikvideos und Werbespots – und er ist Wettkämpfer, der sich auf der ganzen Welt battled, also in Tanz-Wettstreiten antritt. »Früher haben wir viel herumgehangen, haben auf der Straße getanzt, aber auftreten durften wir hier nie. Dann haben wir gesagt: Wenn uns hier keiner möchte, dann gehen wir eben raus und holen uns da unsere Anerkennung«, erzählt er.

»Ich muss cool mit mir selbst sein«, sagt Ousman Conteh über sich und seine Philosophie. (Foto: Nici Merz)
»Ich muss cool mit mir selbst sein«, sagt Ousman Conteh über sich und seine Philosophie. (...

2015 treten er und seine Crew, das »1st Cut Urban Dance Team«, bei einem lokalen Festival in Mainz auf. Sie haben sich monatelang darauf vorbereitet, Tänzer gecastet, Musik geschnitten, die Choreografie ausgearbeitet. Sie gewinnen – und Jahre später touren sie mit dem – immer weiter verfeinerten – Programm um die ganze Welt, gewinnen unter anderem im vergangenen Jahr einen Wettstreit in Madagaskar, treten in Istanbul oder in den USA auf. »Wir sind aufs Ganze gegangen. Aber irgendwann muss man sich entscheiden, was man möchte. Und wenn es einen erfüllt, dann kann man auch davon leben, auch wenn ich vielleicht nicht reich damit werde, aber das ist auch nicht meine Absicht. Ich muss cool mit mir selbst sein«, sagt er. »Mir geht es immer darum, gute Menschen um mich zu haben. Es ist sehr leicht, im Hip-Hop komischen Werten zu verfallen, aber ich gehe mittags lieber ins ›Salzhaus‹ anstatt Kaviar in Berlin zu essen.«

 


Ousman Conteh und seine Crew haben im Friedberger "Junity" ihre Heimat gefunden

Ousman Conteh (hinten, 2.v.r.) und ein Teil des »1st Cut Urban Dance Team« bei ihrer täglichen Arbeit: Dazu gehören Organisation, Marketing, Management – und natürlich jede Menge Spaß am Hip-Hop-Tanz. (Foto: Nici Merz)
Ousman Conteh (hinten, 2.v.r.) und ein Teil des »1st Cut Urban Dance Team« bei ihrer tägli...

Im Friedberger »Junity« haben und er seine Mitstreiter eine Heimat gefunden. Hier tanzen sie, arbeiten, unterrichten – und organisieren Veranstaltungen, die in der gesamten Region ihresgleichen suchen. Bereits zum zehnten Mal findet im Mai das »Six 1 Cypher« statt, ein Wochenende mit Theater, Battles, Workshops und Diskussionen – in diesem Jahr mit über 600 Leuten aus aller Welt. Dazu kommt das »Rookie of the year« für Nachwuchstänzer sowie im August ein dreitägiges »Urban Dance Camp«. »Wir wissen mittlerweile, dass die Art, wie wir arbeiten, nicht selbstverständlich ist. Genau deshalb braucht es auch mehr solcher Jugendhäuser wie das ›Junity‹. Denn es war von Anfang an unser Haus. Hier konnten selbst etwas mitgestalten«, sagt Conteh.

Ich muss cool mit mir selbst sein

Ousman Conteh

Er liebe daher trotz seiner internationalen Erfolge weiter seine Friedberger Heimat. Umso schöner sei es, dass die Stadt inzwischen mehr auf die Szene zugehe, etwa in dem er und seine Crew bei der Friedberger Sportlerehrung ausgezeichnet wurden. »Wir wissen, dass wir Leistung bringen, aber diese Anerkennung ist auch ein bisschen Genugtuung dafür, dass uns international jeder kennt, hier aber keiner,«, sagt er. Und deshalb will er weitermachen – für sich, für die Szene und vor allem für den Nachwuchs. Denn ihnen will er zeigen, dass man auch große Träume haben darf, auch wenn aus einer Kleinstadt kommt – und dass sie wie in seinem Fall manchmal auch wahr werden.

 

Info

Hip-Hop als Leistungssport

Für seinen Traum, der beste Tänzer der Welt zu sein, geht Ousman Conteh an seine Grenzen. »Wenn es einfach wäre, würde es jeder machen«, sagt er. Also wird jeden Tag trainiert, sich gestreched, die Muskulatur gekräftigt, zusätzliche Kraftübungen im Fitnessstudio gemacht – und wenig geschlafen. Vor »Jouste Debout« in Paris sind er und sein Partner nur für ein paar Trainingsstunden zusammen durch die halbe Republik gefahren. Nach der Arbeit fuhr sein Partner um 23 Uhr in Hamburg los, war um 7 Uhr in Friedberg, dann gab es ein paar Stunden Training und um 11 Uhr mittags ging es wieder nach Hause. »Man muss einfach zu 100 Prozent mit seinem Partner sein«, erklärt Conteh den Aufwand. Denn bei den Battles geht es darum, spontan auf eine unbekannte Musik gegen ein anderes Paar zu tanzen. Eine Jury entscheidet, wer weiterkommt und wer ausscheidet. Für den Sieg brauche man vier Dinge: eine gute Foundation, also die Basics im Hip-Hop-Tanz, eine gute Technik, die es erlaube schnell, stark und sauber zu tanzen, eine gute musikalische Intuition, um den Beat der Musik zu adaptieren – und eine gute Harmonie mit dem Partner. Genau das hat sich beim »Jouste Debout« in Paris ausgezahlt. »Es ging an unsere Ressourcen, aber es war eine unglaubliche Erfahrung«, sagt Conteh und strahlt.

 

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