23. April 2020, 07:00 Uhr

Virtuelle Realität

Teamwechsel, Fehlstart, Abstiegssorgen. Für den Bad Nauheimer Tim Heß kommt derzeit all das zusammen. Sein Glück: Es ist alles nur virtuell.
23. April 2020, 07:00 Uhr
Tim Heß liefert mit seiner virtuellen Figur in der European Champions League - der stärksten »NHL20«-Liga - ein offensives Feuerwerk ab und feiert hier seinen dritten Tagestreffer gegen Lulea Hockey. FOTOS: TWITCH/PV

Die Unlucky Boys machten ihrem Namen alle Ehre. Nach zehn Spielen standen bei dem Team aus Finnland erst zwei Siege auf dem Konto. Mit einer Mischung aus nicht ausgeschöpftem Potenzial und einem schweren Auftaktprogramm begründet das Tim Heß. Der Bad Nauheimer ist seit wenigen Wochen ein Teil der Unlucky Boys in der European Championship League (ECL) Elite. Dort gelang am gestrigen Abend der Befreiungsschlag.

Die ECL ist die höchste Liga im Videospiel »NHL20« im Modus »Sechs gegen Sechs« auf der PlayStation. Die »NHL«-Reihe ist einer der populärsten Ableger in der Welt der Sportspiele, vergleichbar mit der Fußballsimulation »FIFA«.

Für Heß bedeutete die neue Mannschaft auch einen Schritt aus der Komfortzone. Vor wenigen Wochen verließ er die Brayce Phantoms, das beste Team aus Deutschland. Sein Eintrag im Forum, er suche eine neue Herausforderung, stieß auf reges Interesse. Letztlich schloss sich der 20-Jährige, der vor wenigen Wochen den erstmals ausgerichteten eDEL-Cup souverän gewann, den Unlucky Boys an - nun sind fünf Finnen seine Mitspieler. »Ich hatte mehrere Angebote und habe dann ein Tryout absolviert. Das hat ganz gut gepasst«, sagt Heß, obwohl zumindest die sprachliche Barriere nicht ganz von der Hand zu weisen war. »Im Spiel wird Englisch gesprochen. Nur, wenn es kurze Anweisungen sind, sprechen meine Teamkollegen Finnisch«, erzählt er. Umgekehrt funktioniert das aber auch schon ganz gut. »Ein paar finnische Begriffe habe ich schon drauf. Zum Beispiel verstehe ich es, wenn beim Bully etwas angesagt wird«, sagt Heß, der als rechter Flügelspieler über den Bildschirm fegt.

Der Fan von NHL-Klub Philadelphia Flyers trainiert bis zu sechs Tage pro Woche für jeweils rund zwei Stunden mit seinem Team. Die Frage, mit welchem Ehrgeiz das Ganze betrieben wird, erübrigt sich an dieser Stelle. Allein die Ergebnisse sind in der ausgeglichenen Liga noch nicht so wie gewünscht. »Wenn man in ein neues Team kommt, braucht es am Anfang seine Zeit. Außerdem haben wir schon gegen drei der vier besten Teams gespielt«, sagt Heß, der bislang in zwölf Spielen fünf Tore erzielte und acht Assists sammelte. Gegen JYP Jyvaskyla zum Auftakt mussten zwei Overtime-Niederlagen verdaut werden. Danach setzte es eine 1:7-Packung sowie eine bittere 0:1-Pleite - 30 Sekunden vor Spielende - gegen Tabellenführer HAVU Gaming. Auch gegen die hREDS gab es keine Punkte. Aus dem Quartett der Top-Teams fehlt nun noch Linköping HC, das offzielle E-Sport-Team des schwedischen Erstligisten. »HAVU und Linköping sind ein bisschen wie im Fußball Real Madrid und der FC Barcelona«, beschreibt Heß die Kräfteverhältnisse. Danach kämen Jyvaskyla und hREDS. Die Punkte müsse man gegen andere Teams einfahren, sagt Heß.

Wie beim realen Vorbild ist die Saison in der ECL auch in eine Hauptrunde und Playoffs unterteilt. Die besten acht Teams kämpfen um den Titel, die schlechtesten acht um den Klassenerhalt. Viel Zeit bleibt aber nicht, um die Abstimmung auf dem digitalen Eis zu verfeinern. Der Spielplan ist extrem komprimiert.

Am 8. April startete die Saison, am 11. Mai ist das abschließende Hauptrundenspiel angesetzt. Die exakten Spieltermine verabreden die Teams untereinander, in der Regel werden Hin- und Rückspiel an einem Abend ausgetragen. Das ergibt Sinn, wenn zwölf Spieler in ganz Europa schon zeitgleich vor der Konsole hocken.

So wie am Mittwochabend. Heß und die Unlucky Boys duellierten sich mit Lulea Hockey, von denen der Bad Nauheimer vor Saisonbeginn auch ein Angebot erhielt. Die beiden Spiele wurden, wie jede andere Partie auch, auf der Streamingplattform Twitch übertragen. Wer einschaltete, sah, wie die Unlucky Boys ihr Potenzial entfalteten. Heß drückte erst dem 4:0-Sieg mit zwei Toren und zwei Assists seinen Stempel auf. Auch im Rückspiel direkt im Anschluss scorte er und steuerte ein Tor und eine Vorlage zum 3:1-Sieg bei. Vom letzten Tabellenplatz 16 ging es so an Lulea vorbei bis auf Rang 13.

Auf dem Kanal der Plattform »NHLGamer«, über die die Liga organisiert wird, werden montags und donnerstags je zwei Begegnungen im Stil einer TV-Übertragung gestreamt (twitch.tv/NHLGamer). Mit Einschätzungen, Analysen, Grafiken, Statistiken und fachkundigen Kommentatoren. Am Montag (20 Uhr) sind dort die Unlucky Boys gegen Roots zu sehen, zuvor trifft das finnische Team mit Bad Nauheimer Unterstützung heute Abend (20 Uhr/live auf twitch.tv/julius97_) auf Kova Esports.

Besonders freut sich Heß aber auf den 29. April, dann geht es gegen die ehemaligen Teamkollegen. »Mit denen stehe ich immer noch in täglichem Kontakt«, sagt Heß. Eine Rückkehr ist keineswegs ausgeschlossen, schließlich ist die Vereinbarung mit den Unlucky Boys zunächst auf diese Saison begrenzt. »Danach schauen wir, wie und ob es weitergeht«, sagt Heß. So, wie im realen Leben auch.

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