14. November 2019, 12:00 Uhr

Serie »Kuriose Sportarten«

Unterwasser-Rugby - Luft holen und abtauchen

Menschen mit Flossen, Schnorchel und Schwimmbrille springen ins kleine Becken. Dann werden zwei Körbe und ein Ball wird ins Wasser geworfen. Eine Frage muss erlaubt sein: Was macht ihr da?
14. November 2019, 12:00 Uhr

Es klingt logisch, nahezu naiv: »Wenn man merkt, dass die Luft knapp wird, sollte man den Ball loslassen.« Dieser Satz von Kaija Spruck erklärt die ganze Wucht des Unterwasserrugbys. Rugby ist nicht umsonst Namensgeber dieser Sportart. Es gibt keine Schoner, lediglich einen Ohrschutz. Ziehen, zerren, klammern - unter Wasser ist (fast) alles erlaubt. Vor allem wenn man den Ball bekommt, ist man von allen Seiten angreifbar. »Unterwasserrugby ist ein 3D-Sport. Man dreht sich in alle Richtungen, die Gegner kommen von allen Seiten«, sagt Spruck. Die 33-Jährige spielt bei den Pohlheimer UWRugbees.

Unter Wasser wird sich mit Zeichensprache verständigt

Zu Beginn sieht alles noch harmlos aus. Ein Dutzend Frauen und Männer steuern auf das kleine Becken im Pohlheimer Hallenbad zu. Sie tragen Schwimmflossen, Schwimmbrillen mit einem Schnorchel und haben eine Badekappe mit Ohrenschutz auf dem Kopf. Selbst als sie zwei Körbe ins Wasser lassen, die fortan auf dem Beckenboden ihr Dasein fristen, könnte man noch immer davon ausgehen, dass es eine Art Tauchkurs ist. Es ist wesentlich mehr als das, auch wenn es in diesem Sport nicht schadet, ein guter Taucher zu sein.

Von Außen betrachtet ist es ein skurriles Szenario. Außer dem Geräusch des aufgewirbelten Wassers ist nichts zu hören. Unter Wasser wird sich mit einfacher Zeichensprache verständigt. Die Spieler, die am Beckenrand auf ihren Wechselpartner warten, haben den Kopf im Wasser und atmen über den Schnorchel, um das Spielgeschehen weiter zu verfolgen - und um den eigenen Einsatz nicht zu verpassen. Sind sie an der Reihe, geht es für rund eine Minute zur Sache. Je nach Lungenvolumen wird währenddessen zwei- bis dreimal aufgetaucht, um Luft zu holen. Entsprechend lebt das Spiel auch von taktischen Kniffen - vom richtigen Auftauch-Zeitpunkt und vom Ausnutzen eines Wechsels beim Gegner.

Erst den Torhüter wegziehen, dann den Ball in den Korb stoßen

Das Ziel beim Unterwasserrugby ist es, den mit Salzwasser gefüllten, handballgroßen Ball in einen Korb, der an der Kopfseite auf dem Beckenboden steht, zu befördern. Das ist Aufgabe der zwei Stürmer. Erschwert wird das durch den Torwart, der mit dem Rücken auf dem Korb liegt und permanent mit den Füßen paddeln muss, um in Position zu bleiben. Vor ihm sorgen zwei »Dackel« mit Händen und Füßen dafür, dass der Torwart nicht von gegnerischen Spielern weggezogen wird. »Die Dackel müssen sich darauf verlassen können, dass der Partner genug Luft hat. Wenn ein Dackel wechselt, muss der andere solange unten bleiben, bis der Wechselpartner da ist. Die Torhüter sind in der Regel die erfahrensten Spieler«, erklärt Spruck.

Unter Wasser, so Spruck, geht es zur Sache, hin und wieder könne es auch mal wehtun. »Es ist nicht zimperlich und nichts für Menschen mit langen Fingernägel. Die werden vor dem Spiel kurzgeschnitten. Die Spiele stehen aber alle unter einem freundschaftlichen Charakter, schwere Verletzungen gibt es nicht«, sagt Spruck. Außerdem gelte auch im Unterwasserrugby die Fußball-Kreisliga-Weisheit: »Wenn man den Ball rechtzeitig abgibt, kriegt man auch nichts ab.« Gepasst wird der Ball mit einer kugelstoßartigen Armbewegung.

Unterwasser-Rugby geht auf eine Erfindung von Bundeswehr-Taucher zurück

Erfunden haben den Sport Bundeswehr-Taucher, denen offenbar etwas langweilig war. In Gießen gab es vor rund 20 Jahren eine Bundesligamannschaft in einer Spielgemeinschaft mit Marburg, die sich hauptsächlich aus Studenten zusammensetzte. »Und dann gab es uns vom DLRG Heuchelheim«, sagt Spruck. »Mein Vater, seine Cousins, meine beiden Brüder, zwei Onkels und ein Cousin waren aktive Taucher und spielen, bis auf meinen Vater und einen Onkel, alle noch« Als vor rund 15 Jahren sowohl das Heuchelheimer als auch das Marburg-Marbacher Schwimmbad geschlossen wurde, löste sich die Bundesliga-Mannschaft auf. »Um den Sport zu erhalten, haben wir uns zusammengetan und sind nach Pohlheim gegangen«, erzählt Spruck. »Ambitionierte Spieler sind auf uns Amateure gestoßen«, sagt Spruck.

Als die Mannschaften fusionierten, bildete sich eine Damenmannschaft heraus, die fortan in der Bundesliga spielte. Da die Gegner aus Berlin, München oder Wiesbaden kamen, nannten sie sich Mittelhessen statt Pohlheim, auch Name »Rugbees« hat in dieser Zeit seinen Ursprung. Spruck selbst spielte außerdem Bundesliga in Duisburg und Wiesbaden, während ihres Auslandssemesters in Stockholm war sie in der ersten schwedischen Liga aktiv.

Die Zeiten sind allerdings vorbei, die Pohlheimer spielen in der Landesliga Hessen. »Die Liga ist sehr klein geworden. Es sind noch vier Teams, davon eines aus Luxemburg. Dafür fahren wir hin und wieder auf Spaßturniere«, sagt Spruck. Überhaupt wird bei den UWRugbees aus Spaß an der Freude gespielt. Der jüngste Spieler ist 13 Jahre, der Älteste, Sprucks Onkel, ist 55 Jahre alt. Ambitionen auf einen Aufstieg gibt es nicht. »Dafür fehlen uns Trainingszeiten. Zweimal die Woche für eine Stunde würde dafür nicht ausreichen, aber wir sind über diese Trainingszeiten wahnsinnig froh«, sagt Spruck. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Hochschule Mittelhessen stellt sie den Sport in ihren Kursen meistens kurz vor, für die Studenten sei es fast immer Neuland, sagt sie. Dann zieht Spruck die Schwimmbrille wieder auf, schwimmt in die Mitte des Spielfelds und beobachtet die Spielsituation, den Kopf hat sie dabei unter Wasser. In der nächsten Sekunde taucht sie ab. Jetzt geht es wieder zur Sache.

Unterwasser-Rugby: Das sind die Spielregeln

Ein Team besteht aus maximal zwölf Spielern, von denen sechs (fünf Feldspieler, ein Torhüter) im Wasser sind. Ein Spiel dauert zweimal effektive 15 Minuten. Die Körbe stehen in drei bis 5,50 Meter Tiefe auf dem Beckenboden. Nur der Spieler, der den Ball hat, darf durch Halten, Ziehen oder Stoßen attackiert werden, oder andere attackieren. Niemand darf sich am Korb festhalten oder verkeilen. Die Spielfeldlänge muss zwischen zwölf und 22 Meter liegen, die Breite zwischen acht und zwölf Metern. Das Becken im Pohlheimer Hallenbad erfüllt diese Mindestmaße, allerdings fehlt der Platz für eine Wechselgasse, weswegen dort keine Turnier ausgerichtet werden dürfen.

Unterwasserrugby ist der geilste Sport, weil »es zwar ein Mannschaftssport ist, aber man in erster Linie sich besiegen muss, weil der ganze Körper danach schreit, aufzutauchen«, sagen die Spieler der UWRugbees Pohlheim.

Trainiert wird dienstags (Bahntraining von 20 bis 21 Uhr), mittwochs (20 bis 21 Uhr) und samstags (13 bis 14 Uhr) im Pohlheimer Hallenbad. Interessenten melden sich per E-Mail an kontakt@uwrugbees.de.

Die Fixkosten liegen im Jahr bei rund 165 Euro. Das setzt sich zusammen aus dem Mitgliedsbeitrag von 55 Euro (nicht verpflichtend) plus Schwimmbad-Eintritt (Einzelpreis: 4,50 Euro/6-Monats-Karte: 110 Euro) plus einmalige Ausrüstungskosten von ca. 100 Euro. (esa)

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