08. November 2017, 12:00 Uhr

Urteil gefällt

(Un)bespielbar? Kurioser Spielausfall vor Kreissportgericht

Von Amtsanmaßung sowie einer Fürsorgepflicht gegenüber dem Steuerzahler ist die Rede. Das Kreissportgericht hatte sich mit einem kuriosen Spielausfall in der Fußball-Kreisoberliga zu befassen.
08. November 2017, 12:00 Uhr
Bespielbar oder nicht? In den Durchführungsbestimmungen steht: »In der Zeit von einer Stunde vor Beginn des Spiels bis zu dessen Ende obliegt der Entscheid über die Bespielbarkeit allein dem Schiedsrichter, wobei sich dieser seiner Verantwortung bewusst sein muss.«

Sonntag, 17. September, kurz vor 15 Uhr. Starkregen fällt in der Wetterau. Vielerorts verzögert sich der Spielbeginn in den Amateurligen. 40 Minuten später: Der Himmel über Steinfurth klart auf. Muhammet-Ufuk Sönmez, der das Spiel leiten soll, besichtigt den Platz. Die Linien waren weggespült worden. Es hatten sich auch Pfützen gebildet. Mängel, die zeitnah zu beseitigen gewesen wären, ist Schiedsrichter des FSV Friedrichsdorf überzeugt. »Das Feld hätte man herrichten können. Man hätte spielen können.« Doch dazu kam es nicht: Matthias Hengst, dem Kreisfußballausschuss als »2. Kontaktperson Seniorenfußball« beim SV Steinfurth gemeldet, stellte sich dem Unparteiischen als »Beauftragter der Stadt Bad Nauheim« vor, erklärte das Sportfeld für »gesperrt« und unterschrieb dem Referee, anschließend auch, tatsächlich über jene Befugnisse zu verfügen. »Wenn die Stadt den Platz sperrt, steht das aus meiner Sicht über meiner Entscheidung«, sagt Sönmez.

Einzelrichter Rainer Preiss wertete die Partie anhand des Sonderberichts des Unparteiischen als Spielabsage des SV Steinfurth und entsprechend mit drei Punkten und 3:0 Toren für den SV Gronau. Die Platzherren hätten nicht den Willen gezeigt, die vom Referee angezeigten Mängel mit Besen und Markiergerät zu beseitigen.

Der Widerspruch der Rosendörfler wurde nun vom Kreissportgericht mit Vorsitzenden Karl-Ernst Kunkel (SG Melbach) und seinen Beisitzern Egon Antmansky (Traiser FC) und Günter Schäfer (SV Reichelsheim) verhandelt und zurückgewiesen. Reduziert wurde dabei die Geldstrafe (von 100 Euro auf 75 Euro).

In der Urteilsbegründung verwiesen die Richter auf eine Vereinbarung zwischen dem Fußballausschuss und dem Städte- und Gemeindebund aus dem Jahr 2013. Darin heißt es unter anderem: »In der Zeit von einer Stunde vor Beginn des Spiels bis zu dessen Ende obliegt der Entscheid über die Bespielbarkeit allein dem Schiedsrichter, wobei sich dieser seiner Verantwortung bewusst sein muss.« Und selbst vorher wäre eine Spielabsage lediglich durch eine gemeinsame Platzbegehung durch Beauftragte der Stadt und des Kreisfußballausschusses und nicht im Alleingang des Gastgebers regelkonform gewesen.

Beim SV Steinfurth - das war während der knapp zweistündigen mündlichen Verhandlung in Ober-Mörlen deutlich geworden - stieß dieser Paragraf, wonach allein der Referee entscheide, auf Unverständnis. Es entstand der Eindruck, in Steinfurth habe man diese explizite Regelung gar nicht gekannt.

Seit mehr als zehn Jahren schon sei er inzwischen für solche Fälle der »Beauftragte der Stadt« erklärte Hengst voller Überzeugung, was von den weiteren Zeugen des Klubs bestätigt wurde. In den entsprechenden Akten wird der Name Hengst allerdings nicht geführt. Der tatsächlich »Beauftragte« trägt den Namen Theis. Peter Krank, dem Stadtrat, sowie Volker Buchholz, dem Leiter der Immobilienverwaltung, ist Hengst allerdings seine Fürsorgepflicht den Sportplatz in Steinfurth betreffend, wohlbekannt, was diese ihm schriftlich bestätigten. »Wenn wir an diesem Tag gespielt hätten, hätten wir den Platz ruiniert. Eine Sanierung hatte Tausende Euro an Steuergeldern gekostet. Dann will ich sehen, wie das der Kommune verkauft werden soll. Wir haben im Interesse der Stadt gehandelt«, begründet Hengst seinen Alleingang.

Kontrovers wurde diskutiert und anhand von Fotomaterial zu belegen versucht, ob ein Rollen des Balles, ein Spiel, an manchen Stellen möglich war. »Wir konnten uns normal warmmachen. Wenn man aber dieses Spiel absagt, dann können wir 70 Prozent der Spiele ab Oktober absagen. Wir haben schon auf wesentlich schlechteren Plätzen gespielt«, meinte Michael Notarangelo, der den SV Gronau vertrat.

Richter Kunkel kennt Situationen wie diese aus eigener Erfahrung. »Menschlich ist das nachvollziehbar; gerade wenn man den Platz ins Herz geschlossen hat. Und dennoch gibt es Richtlinien, an die wir uns halten müssen. Die können wir nicht umwerfen. Sonst sind Absagen auf diesem Weg Tür und Tor geöffnet.«

Kommentar

Offen kommunizieren

Der SV Steinfurth fürchtet um seinen Platz. Das ist verständlich. Im Rosendorf sieht man sich auch in der Fürsorgepflicht um Steuergelder, die bei einer eventuellen Sportplatz-Sanierung hätten verschleudert werden müssen. Das ist löblich. Dennoch: Das Urteil des Kreissportgerichts ist richtig. Und die Richter hatten keine andere Wahl. Das Regelwerk sieht keine Ausnahmen vor. Es ist allen Klubs bekannt und für alle Vereine bindend. Nur so funktioniert der Spielbetrieb. Nur die Frage, ob die Durchführungsbestimmungen angesichts der Erkenntnisse vom 17. September für einen solchen Fall in irgendeiner Form modifiziert werden sollten, stellt sich. In Steinfurth hätte anstelle eines amtsanmaßenden Auftretens vielleicht schon eine offene Kommunikation genügt, um den Schiedsrichter an dessen Verantwortung zu erinnern und für die Konsequenzen zu sensibilisieren, wenn denn die Platzverhältnisse denn tatsächlich so waren, wie sie von Seiten des SV Steinfurth dargestellt werden. Von Michael Nickolaus

Schlagworte in diesem Artikel

  • Fußball
  • Hengste
  • Karl Ernst
  • Mängel
  • SV Steinfurth
  • Schiedsrichter
  • Seniorenfußball
  • Starkregen
  • Steinfurth
  • Steuergelder
  • Steuerzahler
  • Traiser FC
  • Michael Nickolaus
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos