23. Juli 2018, 16:42 Uhr

Fall Mesut Özil

So sehen Wetterauer Fußballer mit türkischen Wurzeln den Fall Mesut Özil

Der Rücktritt von Mesut Özil beschäftigt die Fußballfans in Deutschland. Bei uns erklären drei Wetterauer Fußballer mit türkischen Wurzeln ihre Meinung – und ihr Verständnis für den Profi.
23. Juli 2018, 16:42 Uhr
Ein Bild, das es so wohl nie wieder geben wird: Mesut Özil sitzt beim Training in Eppan in Südtirol während der Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft auf einem Ball. Nun ist er nach wochenlangen Querelen um seine Person zurückgetreten. (Foto: dpa)

Mesut Özil ist beschimpft worden – als »Türkensau« und »Ziegenficker« –, er ist verantwortlich gemacht worden für das historische Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft in der Vorrunde der WM in Russland. Nun ist er zurückgetreten. Die Statements vom Sonntag, die Özil auf allen seinen Accounts in den sozialen Medien gleichzeitig abgab, lesen sich wie eine Anklage gegen den DFB um Präsident Reinhard Grindel und Teammanager Oliver Bierhoff, gegen die deutschen Fans, die ihm nach der Affäre um das Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan den Rücken gekehrt hätten, und gegen die Medien, die sich allgemein gegen ihn gewandt hätten. Doch wie denken lokale Fußballgrößen mit türkischem Migrationshintergrund über den Fall Mesut Özil? Wir haben drei von ihnen gefragt.

Ich finde Özils Entscheidung vollkommen richtig. Man hat gemerkt, dass einige Medien und einige beim DFB ihn raushaben wollten

Deniz Can, Türkischer SV Bad Nauheim
Erkan Gök möchte mit dem FC Karben die  Kreisoberliga in Richtung Gruppenliga verlassen – also die Saison mit dem Aufstieg krönen. (Foto: Chuc)
Erkan Gök möchte mit dem FC Karben die Kreisoberliga in Richtung Gruppenliga verlassen – ...

Die Meinung ist einhellig bei Deniz Can, Sportlicher Leiter des Türkischen SV Bad Nauheim, bei Erkan Gök, Torjäger in Diensten des FC Karben, und bei Torhüter Kamber Koc, der nach seinem Wechsel von Neu-Hessenligist Türk Gücü Friedberg für den Bad Nauheimer TSV aufläuft und zudem in Ober-Rosbach als Jugendtrainer aktiv ist: Sie können den Rücktritt von Mesut Özil verstehen. »Ich finde Özils Entscheidung vollkommen richtig. Man hat gemerkt, dass einige Medien und einige beim DFB ihn raushaben wollten. Wieso sollte er für ein Land Vollgas in der Nationalmannschaft geben, wenn kaum einer hinter ihm steht«, sagt etwa Can. Der Bad Nauheimer ist damit in guter Gesellschaft, denn auch der gebürtige Kurstädter Kamber Koc sagt: »Jeder hat bei der WM schlecht gespielt, trotzdem sollte man die Mannschaft nicht niedermachen – und schon gar nicht Mesut Özil als Menschen.«

 

Fall Mesut Özil: Rassismus in der Wetterau kein Thema – eigentlich

Einig sind sich die drei Fußballer auch bei der Beurteilung der Foto-Affäre rund um den türkischen Präsidenten: Politik ist Politik und Sport eben Sport. Bereits früher habe es Foto von Özil mit Erdogan gegeben, doch immer sei der Aufschrei ausgeblieben – ebenso wie beim ebenfalls umstrittenen russischen Präsidenten Wladimir Putin und Lothar Matthäus, immerhin Rekordnationalspieler Deutschlands. »Natürlich sitzen wir als Deutsche mit türkischen Wurzeln zwischen den Stühlen, aber jetzt wird ein Fass aufgemacht, weil es sportlich nicht läuft. Niemand muss hier Erdogan gut finden, aber bei Mesut Özil ging es nun mal auch nicht um Politik«, sagt Koc und fügt hinzu: »Ich habe mich in all den Jahren nie als Fremder in Deutschland gefühlt, aber die aktuelle Debatte macht mich sehr traurig.«

Kamber Koc. (Foto: Nici Merz)
Kamber Koc. (Foto: Nici Merz)

Auch Erkan Gök erzählt, dass Rassismus für ihn eigentlich noch nie ein besonders großes Thema gewesen sein. Sollte es diesen gegen Özil intern aber gegeben haben, dann sei die Entscheidung »sehr gut«. Denn: »Rassismus hat im Fußball keinen Platz. Der Fußballplatz ist ein Ort, wo sich Menschen kennen und verstehen lernen können – und wo Freundschaften entstehen.« Das habe mit Politik erst einmal nichts zu tun. »Ich finde es schade, dass es mit Mesut Özil so ein Ende nimmt.« Man habe ihm 2014 beim Weltmeistertitel noch zugejubelt und jetzt mache man ihn zum Sündenbock, auch wenn er in einer schlechten Mannschaft noch einer der Besseren gewesen sei.

 

Fall Mesut Özil: Kritik am langen Warten bis zur öffentlichen Stellungnahme

Aber es gibt auch leise Kritik an Özil – zumindest was den Umgang mit der Affäre rund um sein Foto anbelangt. Kamber Koc sagt etwa, dass Özils Statement vielleicht auch etwas zu spät gekommen sei – und das Foto mit Blick auf die aktuelle politische Lage in der Türkei und die Kritik in Deutschland »taktisch unklug« gewesen sei. Doch er wirft auch eine wichtige Frage auf: Wie gehen zukünftige Nationalspieler mit türkischem Migrationshintergrund damit? »Für Emre Can und Ilkay Gündogan ist es sicher ein komisches Gefühl. Sie werden sich dauernd fragen, ob ihnen das auch passieren kann. Das finde ich sehr schade«, sagt Koc. »Auch ich habe schon Spiele erlebt, wo ich wegen meiner Herkunft beleidigt wurde, aber ich habe weggehört. Jetzt waren es aber die eigenen Fans. Das geht einem als Fußballer schon sehr nahe.«

Ich habe mich in all den Jahren nie als Fremder in Deutschland gefühlt, aber die aktuelle Debatte macht mich sehr traurig

Kamber Koc, Türkischer SV Bad Nauheim

Erst wenn sich diesbezüglich im Verband und in der Fanszene etwas ändere, könne man überhaupt über eine mögliche Rückkehr von Mesut Özil spekulieren. »Ich denke, das Kapital ist erst einmal abgeschlossen«, sagt Can und schiebt mit einem Lachen hinterher: »Aber Özil wäre eine echte Verstärkung für die türkische Nationalmannschaft, wenn er denn spielen dürfte.«

 

Fall Mesut Özil: Was bedeutet Rassismus gegen einen Nationalspieler im Jahr 2018?

Koc macht sich derweil Gedanken über die Zukunft. Dass Rassismus im Jahr 2018 wieder an der Tagesordnung sei und deshalb sogar ein Nationalspieler zurücktrete, hätte er nicht für möglich gehalten. »Das ist sehr bitter. Deshalb wünsche ich mir, dass jeder nur als Mensch wahrgenommen wird – egal, wo er herkommt, wie er aussieht oder woran er glaubt. Das versuche ich meinen Jugendspielern auch immer zu sagen.« Kritik sei jederzeit erlaubt, doch sie dürfe nie eine persönliche Linie überschreiten – wie eben bei Mesut Özil.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Deutsche Fußballnationalmannschaft
  • Deutscher Fußball-Bund
  • Emre Can
  • Fussballfans
  • Fußball
  • Fußballspieler
  • Ilkay Gündogan
  • Lothar Matthäus
  • Meinung
  • Mesut Özil
  • Oliver Bierhoff
  • Rassismus
  • Recep Tayyip Erdogan
  • Reinhard Grindel
  • Rücktritte
  • Türk Gücü Friedberg
  • Türkischer SV Bad Nauheim
  • Wladimir Wladimirowitsch Putin
  • Philipp Keßler
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 43 - 10: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.