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Sexuelle Belästigung im Jugendsport: Fragen und Antworten

Verharmlosen möchte das Thema »sexuelle Belästigung im Sport« niemand. Tatsächlich aber gibt es nur wenige (bekannte) Fälle. Ein Überblick.
03. November 2017, 12:00 Uhr
Redaktion
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Ungewollte körperliche Berührungen zählen bereits zur sexuellen Belästigung – auch im hessischen Sport gibt es solche Vorfälle.

Wie potenzielle Gefahren und Täter erkannt werden können, welche präventiven Maßnahmen im Sportverein ergriffen werden können und welcher Umgang im Fall eines sexuellen Übergriffs ratsam ist, beantworten wir hier.

Was fällt im Sport alles unter sexuelle Belästigung?

Nicht nur körperliche Gewalt oder sexuell motivierte Berührungen fallen unter diesen Punkt, auch sexuelle Nötigung, anzügliche Sprüche oder Andeutungen zählen dazu. »Das Problem ist, dass nicht alles davon justiziabel ist«, weiß Angelika Ribler. »Es geht nicht nur um physische, sondern vor allem um psychische Belästigung.
 


Wie oft kommten solche Fälle im Aktivensport vor?

Werner Schäfer, Leiter des Olympiastützpunktes Hessen, sagte auf Nachfrage, dass ihm kein Fall in den letzten 15 Jahren bekannt sei. Ralf Wächter, zuständig für die Kommunikation beim Landessportbund Hessen, sagt: »Ich kann mich ebenfalls an keinen Fall erinnern. Daraus abzuleiten, dass es so etwas im Sport nicht gibt, wäre aber vermessen.« Sportler würden allerdings einige Eigenschaften in stärkerem Maße vereinen als Nichtsportler: »Selbstbewusstsein, entsprechendes Auftreten und Selbstsicherheit gehören dazu.«

+++ Mehr zum Thema: #metoo: "Mehr Emphatie kann das Problem lösen" +++

Angelika Ribler gibt hingegen zu bedenken, dass das Verhältnis zwischen Trainer und Sportler/in im Spitzensport »meistens viel intensiver« ist und das potenzielle Risiko daher größer sei. »Sie verbringen mehr Zeit miteinander, die psychische Abhängigkeit ist höher, als wenn man sich wie im Amateurbereich nur zweimal die Woche sieht.«

 

Wie verhält es sich mit dem Breitensport und der sexuellen Belästigung?

Ribler selbst ist als Psychologin und Beraterin der Sportjugend Hessen für Fälle zuständig, die aus dem Breitensport resultieren. »Ich habe im Schnitt 20 Beratungsfälle im Jahr – ein Teil davon ist immer auf sexuelle Belästigung zurückzuführen. Meistens sind das aber Grenzüberschreitungen wie das Verschicken anzüglicher Nachrichten oder Bilder über Handy.« Echte Gewaltfälle hätte sie in ihrer Beratungszeit »zum Glück erst zwei-, dreimal« erlebt.

Welche Eigenschaften haben die Täter und mit welchen Tricks gehen Sie vor?

Abgesehen davon, dass die Täter meistens männlich und die Opfer sowohl männlich als auch weiblich seien, könne man kaum allgemeine Aussagen treffen. »Oft heißt es im Sportverein dann: Das hätten wir nie gedacht.« Ein Merkmal: Wenn der Trainer keine andere sozialen Verbindungen als den Sportverein hat. »Die Trainer bzw. Betreuer suchen die Bestätigung dann im Verein und vergaloppieren sich gelegentlich.« Wie bei einem von Ribler selbst erlebten Fall, als ein Trainer einem Jungen Links mit sexuellen Inhalten per Handy schickte. »Tatsächlich hat er das nicht aus Lust gemacht, sondern weil er einen unverhältnismäßig engen Kontakt wollte und zeigen wollte, dass er sich so toll mit den Kindern versteht. Der Zwölfjährige wiederum wollte beweisen, dass er schon mit Erwachsenen mithalten kann.«

Was hilft bei der Prävention solcher Fälle?

Zum einen müsse eine grundsätzliche Sensibilität für das Thema bestehen und ein »täterunfreundliches Umfeld« geschaffen werden – »das heißt nicht, dass alles mit Argusaugen beobachtet wird, denn das macht in einem Sportverein, wo der Kontakt ganz normal ist, keinen Sinn«, erklärt Ribler. Vielmehr solle man auf sein Bauchgefühl achten. Trainer sollten Gespräche mit den Eltern suchen, um Verdachtsfälle auszuräumen: »Sagt mir, wenn etwas unangenehm ist.« Der körperliche Kontakt sei in vielen Sportarten, wie beispielsweise beim Führen am Schwebebalken, aber ganz normal. »Eine Öffnung und Transparenz sind ganz wichtig.« Für Eltern gelte: Den Kindern zuhören. Um der »Kindeswohlgefährdung« entgegenzuwirken, bietet die Sportjugend Hessen jährlich 60 bis 70 Präventionsveranstaltungen an.

Wie sollen Eltern bei einem Verdacht bzw. konkreten Fall vorgehen?

Gespräche mit den Beteiligten führen, Beratungsstellen hinzuziehen (siehe Kontakt unten) und vor allem: Ruhe bewahren. »Im Mittelpunkt muss die Frage stehen: Was ist im Interesse des Betroffenen?«, meint Ribler. Viele Emotionen seien in diesen Fällen im Spiel, wichtig sei, den Fokus auf das Kind/den Jugendlichen zu legen. »Wir sind in Deutschland sehr täterorientiert, wollen eine schnelle, klare Bestrafung. Klar ist, dass bei echter Gewalt Trainer und Kind sofort getrennt werden müssen. Aber darüber hinaus muss man sich die Frage stellen: Welche Perspektive gibt es? Nur weil der Trainer dann aus dem Verein raus ist, ist er ja nicht weg. Wer hat einen Kontakt zu diesem Menschen und kann ihm klar machen: Wenn du so weitermachst, gerätst du in Konflikt mit dem Gesetz.«

Kontakt: Sportjugend Hessen, Angelika Ribler (Psychologische Beratung): Tel. 069/6789401, E-Mail: ARibler@sportjugend- hessen.de.

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Der Hashtag #metoo wird seit Oktober in den sozialen Medien, um sexuelle Übergriffe und Belästigungen im Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein anzuprangern. Schauspielerin Alyssa Milano ermutigte Frauen ihre Erfahrungen unter #metoo zu verbreiten. Seitdem haben Millionen von Menschen den Hashtag genutzt, darunter viele Prominente.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-wz/Lokalsport-Sexuelle-Belaestigung-im-Jugendsport-Fragen-und-Antworten;art1435,340062

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