Lokalsport

Quantensprung: Zu Besuch beim ersten eSport-Verein der Wetterau

Drei Männer haben beim 1. FC Viktoria Eckartshausen die erste eSport-Abteilung im Wetteraukreis gegründet. Ihnen geht es dabei um nicht weniger als um die Zukunft des organisierten Sports.
25. Oktober 2018, 07:00 Uhr
Philipp Keßler
Blick über die Schulter von eSports-Abteilungsleiter Max Klein. Sein Charakter hat gerade eine Armbrust gefunden und nimmt diese nun auf. Wichtig für den Sport seien nur ein Rechner, ein guter Internetzugang und ein Headset zur Kommunikation. (Foto: Keßler)
Blick über die Schulter von eSports-Abteilungsleiter Max Klein. Sein Charakter hat gerade eine Armbrust gefunden und nimmt diese nun auf. Wichtig für den Sport seien nur ein Rechner, ein guter Internetzugang und ein Headset zur Kommunikation. (Foto: Keßler)

Beim 1. FC Viktoria Eckartshausen gab es bislang zwei Abteilungen: Fußball und Breitensport. Während Erstere aktuell in der Kreisliga B Büdingen als Spielgemeinschaft mit Vonhausen unterwegs ist, freut sich die Breitensportabteilung dank Nordic Walking und Co. durchaus großer Beliebtheit. Doch seit einigen Wochen ist die Familie im Verein durch eine weitere Abteilung gewachsen: den 1. Electronic Gaming Club Viktoria. Die Abteilung für eSport, also elektronische Spiele auf dem Computer oder der Konsole, ist die erste ihrer Art im Wetteraukreis.

Mitbegründer und erster Abteilungsleiter ist der 26-jährige Max Klein. Gemeinsam mit seinen gleichaltrigen Freunden Urs Kröll und Claus Löffler will der Informatiker den Verein auf diese Weise für die Zukunft aufstellen. »Nur auf Fußball alleine zu setzen, geht nicht mehr lange gut, zwischenzeitlich hatten wir einen Notvorstand für den gesamten Verein, aber wir brauchen diesen gemeinnützigen Status für die Zukunft. Irgendwann habe ich dann eigentlich eher als Witz vorgeschlagen, eine eSport-Abteilung zu gründen. Irgendwie ist dieser Gedanke aber haften geblieben«, erzählt Klein. Er erarbeitete im Laufe des Jahres eine Satzungsänderung des Vereins, setzte eine Satzung für die neue Abteilung auf und gründete sie schließlich im Juli offiziell. »Ich war froh und überrascht, dass der Rest des Vereins, das so gut aufgenommen hat. Aber die Gründung der Breitensportabteilung 2006 hat meiner Meinung nach die Offenheit für neue Dinge im Verein gefördert«, sagt Klein. Nun gehe es darum, die neue Abteilung zu einem Erfolg werden zu lassen.


eSports: Vorteil sind niedrige Kosten - und trotzdem ein Gemeinschaftsgefühl

Doch das ist gar nicht so einfach, denn anders als im Fußball, Handball oder Basketball ist der eSport-Bereich extrem vielschichtig. Gespielt werden verschiedenste Spiele, bei denen es sich mal um Strategie-, mal um Ego-Shooter- oder Sportspiele handelt. Die drei Gründungsmitglieder haben sich auf das Spiel »Playerunknown’s Battlegrounds« spezialisiert, ein sogenanntes Battle-Royale-Spiel. Dabei geht es darum, dass eine Figur aus einem Flugzeug per Fallschirm abspringt. Der Charakter muss sich dann alleine durchschlagen, Waffen und Munition sowie andere Gegenstände sammeln – und überleben. Welcher der 100 Charaktere am längsten durchhält, hat gewonnen. Aber: Das Spiel mischt ebenfalls mit, indem in festen Zeitabständen die Karte verkleinert wird – wer dann draußen steht, verliert. Gespielt wird entweder alleine oder in Zweier- oder Viererteams. »Das ist nicht nur blindes Rumgeballer, sondern das Spiel hat eine strategische Komponente«, erklärt Klein. Sein Kumpel Urs Kröll fügt hinzu: »Wegen uns ist jetzt es das Spiel, mit dem der Verein anfängt. Wir suchen aber Leute, die das Portfolio an Spielen diversifizieren.« Dies sei allerdings immer dann schwierig, wenn einer alleine zum Verein komme und ein Spiel spiele, das sonst kein anderer bevorzuge. Ideal seien daher gerade am Anfang kleine Gruppen. Dies sorge für Gemeinschaft und mache das zweimalige Training pro Woche deutlich attraktiver.

Wir suchen Leute, die das Portfolio an Spielen diversifizieren

Urs Kröll

Trainiert wird übrigens nicht am selben Ort, sondern dank Highspeed-Internet am heimischen Rechner – aber zu festgelegten Zeiten und über das Netz miteinander verbunden. »Das ist dann auch wie beim Fußballtraining. Die Zeiten werden eingehalten«, sagt Klein. Neben dem Luxus, seinen Rechner überall aufstellen zu können, wollen die Drei auch mit den ansonsten geringen Kosten des Sports punkten. Der Mitgliedsbeitrag liege bei 2 Euro pro Monat, viele Spiele lägen in der Anschaffung lediglich im zweistelligen Bereich oder seien sogar kostenlos. Ansonsten brauche man nur einen Computer, einigermaßen schnelles Internet und ein gutes Headset – und müsse aufgrund des Jugendschutzes über 16 Jahre alt sein.


eSports: Eckartshausener Abteilung ist beim Dachverband bereits anerkannt

Ein weiterer Antrieb, neben dem Institutionalisieren ihres Hobbys, sehen die drei Gründer darin, eSport in der Region, aber auch in Deutschland insgesamt, bekannter zu machen. Denn in diesem Bereich sei die Bundesrepublik im Vergleich zu Asien und (Nord-)Amerika deutlich hinterher. Immerhin gebe es inzwischen große Turniere, die live im Internet übertragen würden und es teilweise auch ins Fernsehen schaffen würden. Noch fehle es allerdings abseits des teilweise schon millionenschweren Spitzensports mit Vollzeitprofis an Organisation und Ligen für den Breitensport, damit sich die einzelnen Vereine oder auch privaten Teams, Clans genannt, untereinander messen könnten. Dies wolle der eSport-Bund Deutschland (ESBD) als Dachverband aber aufbauen, sagt Klein, der seine Abteilung dort bereits hat anerkennen lassen.

Die Spieler müssen noch etwas die Hemmungen vor einem klassischen Verein verlieren, eintreten und dann eben auch etwas Geld bezahlen

Max Klein

»Ich finde es gut, dass wir uns selbst etwas erschaffen können«, sagt Löffler, der wie Kröll erst nach der Gründung überhaupt in einen Sportverein eingetreten ist. Gesucht würden nun Spieler, die sich einerseits vorstellen können, ihr Hobby im Verein zu betreiben, andererseits aber auch nicht vor Eigeninitiative und Selbstverantwortung zurückschrecken, wenn es um die Etablierung einer neuen Disziplin geht. »Es haben sich schon ein paar Leute gemeldet, die Interesse haben. Einer aus dem Saarland möchte beispielsweise eintreten – auch das ist möglich. Die Spieler müssen nun einfach noch etwas die Hemmungen vor einem klassischen Verein verlieren, eintreten und dann eben auch etwas Geld bezahlen. Das steckt in der Szene jedoch im Allgemeinen noch sehr in den Kinderschuhen. Aber es ist ein Versuch, und wenn ich in zwei Jahre alleine hier sitze, dann ist es eben so und wir lassen es«, sagt Klein. Bis dahin soll seine Abteilung via Facebook, über Flyer und vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda bekanntgemacht werden. Und vielleicht retten ja so eines Tages die Mitglieder der neuen Eckhartshausener Abteilung ihren Verein mit eSports vor dem Aussterben.

Info

Ist eSport wirklich Sport?

Der 2017 in Frankfurt gegründete eSport-Bund Deutschland (ESBD) definiert eSport in seiner Satzung als »das sportwettkampfmäßige Spielen von Video- bzw. Computerspielen, insbesondere auf Computern und Konsolen, nach festgelegten Regeln«. Neben den verschiedensten Disziplinen je nach Art der Spiele gibt es einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten unter dem Oberbegriff eSport: Zum einen müssen Menschen gegen Menschen in einem gleichzeitigen Wettkampf gegeneinander spielen, zum anderen muss die sportliche Leistung erfüllt sein. Hierbei definiert sich eSport als Präzisionssportart. Es gehe um die motorische Leistung der Spieler am Eingabegerät, die Reaktion auf die Bildschirminhalte und die gedankliche Beherrschung des Spielablaufs. Bislang wird eSport in über 60 Nationen von Verbänden des organisierten Sports anerkannt und teilweise sogar staatlich gefördert. Deutschland gehört nicht dazu, gleichwohl im Koalitionsvertrag von Union und SPD im Bund eine solche Anerkennung gefordert wird.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/sport/lokalsport-wz/Lokalsport-Quantensprung-Zu-Besuch-beim-ersten-eSport-Verein-der-Wetterau;art1435,504142

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