Lokalsport

Mit 76 ist er endlich Weltmeister

Als 76-Jähriger hat Gerd Pflug seine Badminton-Laufbahn gekrönt. Dabei hätte der Florstädter die WM fast unfreiwillig verpasst. Als 76-Jähriger hat Gerd Pflug seine Badminton-Laufbahn gekrönt. Dabei hätte der Florstädter die Weltmeisterschaft in Polen fast unfreiwillig verpasst. Aus dem Leben eines, wie seine Frau liebevoll sagt, »Verrückten«.
07. Dezember 2019, 12:00 Uhr
Erik Scharf

Oft sind es unerwartete Kleinigkeiten, die ein großes Mosaik vervollständigen. »Realisiert habe ich es noch heute nicht«, sagt Gerd Pflug. Es ist der Moment, als er den Ball, der hoch an die Grundlinie auf der Rückhandseite gespielt wird, umläuft und über Kopf mit der Vorhand als diagonalen Drop zurückspielt - sein Lieblingsschlag. Das war im August. Nun sitzt der 76-Jährige an einem Tisch in seinem Haus in Florstadt und schenkt sich frischen Kaffee ein. Dann steht er auf und holt seine Goldmedaille. Gerd Pflug ist Badminton-Weltmeister im O 75-Doppel.

Fast hätte der Florstädter, der für die TG Friedberg spielt, die Reise zur WM im polnischen Katowice nicht antreten brauchen, denn Bodo Dernbach, sein eigentlicher Partner, musste absagen. »In unserem Alter kann man kein Jahr, manchmal keine Woche vorausplanen«, sagt Pflug. Seine Frau Barbara, die mit am Tisch sitzt, liefert die Erklärung: »Gesund sind die alle nicht mehr, aber verrückt.« Immerhin kommt ihr Ehemann, der nebenbei noch bis zur Bundesliga als Schiedsrichter aktiv ist, als einer der wenigen ohne Verbände oder Stützen aus, das betont er mit schelmischem Nachdruck. Allerdings würden er und Voltaren hin und wieder ein schlagkräftiges Team bilden, sagt Pflug lachend.

Dass er doch nach Katowice fahren konnte, lag daran, dass sein Partner Ersatz auftrieb: Dietmar Unser aus Braunschweig war das, der sich im Einzel für die WM qualifizierte und so den Platz einnehmen konnte. Pflug und Unser absolvierten nur eine Trainingseinheit zusammen, bevor sie wenige Wochen später WM-Gold holten. »Wir haben uns super verstanden und als ungesetztes Doppel jedes Spiel gewonnen«, sagt Pflug. Erst schalteten sie im Halbfinale das topgesetzte Duo aus Japan aus, im Finale setzten sie sich gegen das lautstark unterstützte Doppel aus Polen durch, nachdem sie den ersten Satz noch deutlich verloren hatten. Das Ganze wurde auf YouTube live übertragen. »Das Turnier war insgesamt perfekt organisiert. Wir hatten viele Zuschauer, Trainingsplätze, Rahmenprogramm und Zeremonien bei der Siegerehrung. Wir hatten sogar das ›Hawk Eye‹ im Einsatz«, erzählt Pflug und man spürt in seiner Stimme, wie sehr ihn die Erinnerungen noch bewegen.

Der Weltmeistertitel war sein persönlicher Höhepunkt einer langen Laufbahn im Badminton. Zum Federball unter Leistungsaspekt kam er als Mitzwanziger. Ein Freund bekam Naturfederbälle zum Geburtstag geschenkt. »Wir haben festgestellt, dass man mit diesen Federbällen die Chance hatte, den Ball zu retournieren. Da hat es mich gepackt«, erzählt Pflug. In einem Freizeitpark am Bieberer Berg in Offenbach spielten sie jeden Sonntag. Badminton, wie es heute bekannt ist, lernte Pflug durch seinen damaligen Arbeitgeber. Bei der Bundesbank in Frankfurt gab es eine Betriebssportgruppe. Dort spielte auch seine Ehefrau mit, »aber nur, weil er das gemacht hat«, sagt sie. Anfangs haben die Pflugs, die 2021 Goldene Hochzeit feiern werden, sogar im Doppel gespielt, »aber da hat es nur Mord und Totschlag gegeben«, sagt Barbara Pflug. Dabei sind beide ein tolles Team, oft müssen beide während des Gesprächs über die Schilderungen des anderen lachen, hin und wieder fliegen auch ein paar Sprüche über den Tisch. Das Pflugsche Doppel war nur auf dem Badminton-Platz schnell Geschichte. »Was soll man da riskieren?«, fragt sie keck, ihr Weltmeister-Ehemann stimmt grinsend zu.

Verändert hat sich im Laufe der Jahre nur die Situation während der Turniere, die das Ehepaar immer mit einem Urlaub verbinden. »Am Anfang bin ich aus der Halle rausgegangen, wenn er spielte, weil ich dachte, ich bringe ihm Unglück«, sagt Barbara Pflug. Das hat sich aber über die Jahre gelegt, in Katowice sah sie jeden Ballwechsel ihres Ehemanns, gibt aber zu: »Nach den Spielen war ich in Tränen aufgelöst, so aufregend war das.« Die Aufregung merkte man auch auf den Plätzen: »Alle haben zwei Klassen unter ihrem Niveau gespielt, waren verkrampft und wollten keine Fehler machen«, erzählt Gerd Pflug.

Dass er im hohen Alter noch so fit ist, hat für ihn einen einfachen Grund: ein Leben mit Sport und das Glück der Gesundheit.. Außerdem habe er sein Leben lang Sport getrieben. Von der Leichtathletik (mit 16 Bestweite im Weitsprung: 6,30 Meter), ging es zum Feldhandball bei den Offenbacher Kickers. Als der Sport unter das Hallendach wechselte und Pflug sich erstmals schwerer verletzte, entschloss er sich, die Sportschuhe in die Ecke zu stellen. Das Geschenk des Kumpels änderte das. Heutzutage geht Pflug, wenn alles passt, zwei Mal wöchentlich trainieren und absolviert jeden morgen ein Gymnastik-Programm. Bis vor wenigen Jahren fuhr Pflug noch Snowboard, »aber das machen die Knie nicht mehr mit«, sagt er.

Seine Badminton-Karriere war geprägt von Wechseln. In den Siebzigern kam er nach Friedberg zur TG. Mitte der Achtziger ging es beruflich für zwei Jahre nach Basel in die Schweiz. Als Pflug zurückkehrte, war die Badminton-Abteilung der TG aufgelöst. Über die Stationen Büdesheim und Groß-Karben kam er zurück nach Friedberg. Die Freude am Spiel blieb überall. »Es ist schon vorgekommen, dass ich mitten im Ballwechsel lachen musste, weil ich so viel Spaß hatte«, erzählt Pflug. Der Reiz am Spiel ist für ihn »den Ball doch noch zu kriegen«. Mit zunehmenden Alter wird das nicht leichter, das weiß auch Pflug. Als er in der AK50 in die Senioren-Wettkämpfe einsteigt, sieht er kaum Land. »Da spielte man gegen ehemalige internationale Topspieler. Da hat man gefühlt schon fünf Punkte abgegeben, bevor der erste Ball gespielt ist«, sagt Pflug. Doch bald holt er auf nationaler Ebene Titel, in der AK 65 feierte er seinen ersten Erfolg auf internationaler Ebene bei den Weltmeisterschaften 2011 in Kanada mit Platz fünf im Einzel. In Polen krönte er nun sich und seine Laufbahn.

Im kommenden Jahr steht die Europameisterschaft an. Der Ort ist noch unbekannt. Er weiß, dass es seine letzt Chance auf einen Titel sein wird. »Denn dann kommen die Jungen«, sagt er. Aber wer weiß, zu welchen Höchstleistungen der Ehrgeiz den »Verrückten« noch treibt? Foto: esa

Gerd Pflug ist 76 Jahre alt, in Duisburg geboren und in Offenbach aufgewachsen. Nach dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg studierte er Betriebswirtschaft in Frankfurt und arbeitete bis zur Rente in der Statistischen Abteilung der Bundesbank. Seit April vergangenen Jahres ist er Vorsitzender des Badminton-Bezirks Frankfurt. Weil sich schlicht niemand fand, übernahm er den Posten, allerdings nur für zwei der sonst üblichen vier Jahre. »Ich organisiere ganz gerne, war in Friedberg auch Abteilungsleiter«, sagt Pflug. Sein größter Vorteil: Zeit. Aber auch digital ist er fit. »Mit elektronischer Datenverarbeitung bin ich schon lange vertraut. Zum Beispiel habe ich im Bezirk eine Software eingeführt, vorher wurde alles in Handakten »gespeichert««, sagt er. Kritische Worte findet er beim Thema Trainerausbildung: »Der Hessische Verband bietet zwar Trainerausbildungen an, aber er fördert sie nicht besonders. Die meiste Verbandsarbeit wird von Ehrenamtlichen geleistet «, sagt Pflug. (esa)

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