09. Januar 2020, 15:15 Uhr

»Langsam gehen die Farben aus«

Handball- und Fußball-Europameisterschaft, Tour de France und Olympische Spiele in Tokio. Der Terminkalender von Florian Naß ist proppenvoll. Der Ober-Mörler wird für die ARD in diesem Jahr über 50 Events live kommentieren. Vor dem Abflug nach Trondheim hat er sich Zeit genommen, um über Turniere in ganz Europa, einen bunten Straßenatlas und seine Rituale zu sprechen.
09. Januar 2020, 15:15 Uhr
TV-Kommentator Florian Naß hat in diesem Jahr einen vollen Terminkalender. Neben der Handball-Europameisterschaft ist der Ober-Mörler noch in der Fußball-Bundesliga, bei der Fußball-EM, der Tour de France und den Olympischen Spielen im Einsatz. FOTO: NICI MERZ

Um 10.10 Uhr hebt Florian Naß heute am Frankfurter Flughafen ab. Es ist Handball-Europameisterschaft in Norwegen, Schweden und Österreich. Einen Tag vor dem Abflug nach Trondheim hat sich der 51-jährige Ober-Mörler zwischen unzähligen Recherche-Telefonaten noch Zeit genommen, um über sein intensives Sportjahr als Kommentator zu sprechen. Nach der Handball-EM geht es mit Fußball-Bundesliga und dem DFB-Pokal weiter, dann folgen die in 13 europäischen Städten stattfindende Fußball-EM - Naß kommentiert das Eröffnungsspiel zwischen Italien und Türkei in Rom -, die Tour de France und die Olympischen Spiele in Tokio.

Florian Naß, heute beginnt die Handball-Europameisterschaft. Sie starten am Samstag (18.15 Uhr) mit dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien ins Turnier. Kribbelt es schon?

Ich freue mich total auf das Turnier. Bei der Vorbereitung auf ein Spiel kannst du auch 25 Stunden am Tag arbeiten, weil du vom Kleinsten ins Allerkleinste kommst. Du versuchst, jede kleine Geschichte rauszubekommen, die nicht irgendwo steht, die du aber vielleicht im Live-Kommentar nie unterbringen wirst.

Wieso das denn?

Handball ist viel zu schnell, um alle Geschichten unterzubringen. Da geht es ja auch um Geschichten über den Gegner, den Hallenboden, die Schiedsrichter oder die Fans - ich bin da schon ein kleiner Nerd, der sich tief reinkniet. Es ist eine Art Gewissensberuhigung, einen perfekten Spicker wie bei der Klassenarbeit zu haben. Nur, dass ich in der Schule immer zu feige war, den auch rauszuholen.

Immer häufiger werden Co-Kommentatoren als Hilfestellung eingebunden. Gefällt Ihnen das?

Das kann schon eine Bereicherung sein, wenn Ex-Profis aus ihrer Sicht das Spiel erklären. Handball ist meiner Meinung nach zu schnell für eine Doppel-Kommentierung und birgt die Gefahr, dass es in einer Fachsimpelei endet. Bei der EM sitzt Dominik Klein in meiner Reichweite und wird punktuell bei relevanten Szenen dazugeschaltet.

Stichwort Fachsimpelei: Nervt es Sie als Handball-Experten, auch im Halbfinale die Regeln erklären zu müssen?

Auf keinen Fall, ich muss mich nur selbst während des Spiels immer wieder daran erinnern, es nicht zu kompliziert zu machen. In Deutschland spielen 750 000 Leute Handball, das Halbfinale sehen aber über zehn Millionen Zuschauer. Da muss ich schon im Detail erklären, was »löst sich auf zum Kreis« bedeutet.

Sie recherchieren viele Dinge in mühsamer Kleinarbeit, beim Fußball kriegen Sie vor dem Spiel Hunderte Seiten mit sämtlichen Infos. Was ist Ihnen lieber?

Ich recherchiere schon lieber selbst, weil ich es dann auch gecheckt habe. Der bereitgestellten Mappe muss ich gnadenlos vertrauen. Deswegen ist die Vorbereitung auf die Tour de France auch so aufwendig. Jeder Etappe nimmt einen Arbeitstag in Anspruch - und da reden wir noch nicht über die 176 Fahrer. Aber das gehört dazu und macht mir riesigen Spaß.

Die Tour begleiten Sie seit 1997, sitzen auch dieses Jahr am Mikro. Kennen Sie Frankreich besser als die Wetterau?

Ich kenne die Wetterau eigentlich ganz gut, schließlich wohne ich seit 25 Jahren hier. Auch die Ausläufer der Region sind mir aus einem Handball-Jahr in Büdingen bekannt. Historisch und kulturell kenne ich aber Frankreich sicher inzwischen besser als die Wetterau.

Die Streckenabschnitte wiederholen sich ja auch von Zeit zu Zeit.

Ich habe tatsächlich den größtmöglichen Straßenatlas und zeichne jedes Jahr mit einer anderen Farbe die Strecke ein. Langsam gehen mir zwar die Farben aus, aber es hilft, wenn ich sehe, dass die achte Etappe 2011 schon dort verlaufen ist. Dann kann ich meine Arbeit von damals wieder herausholen.

Klingt nach vielen Ordnern in Ihrem Arbeitszimmer.

Das habe ich alles digital. Früher habe ich noch mit Karteikarten gearbeitet, das habe ich von Herbert Watterott gelernt. Aber mittlerweile gibt es so viele gute Datenbanken im Internet, dass Karteikarten Quatsch wären.

Wie viel Material liegt denn bei einem Handballspiel bei Ihnen am Kommentatorenplatz?

In meiner Mappe liegen immer rund 20 A4-Seiten. Verknappt auf A6-Format habe ich ein Info-Blatt für jedes Team und eines für sonstige Informationen. Zum Beispiel worauf die Schiedsrichter ihr Augenmerk haben.

Haben Sie Rituale?

Ich bin immer vor Hallenöffnung da, da muss meine Vorbereitung abgeschlossen sein. Dann drehe ich ein paar Runden durch die Halle. Ich sitze immer links von meinem Assistenten. Und meine Klarsichthüllen dürfen keine Kratzer haben (lacht). Und dann sage ich mir auch mal: Mensch, Naß, du warst so schlecht in der Schule, und jetzt darfst du hier kommentieren. Das ist schon Wahnsinn.

Wahnsinn ist auch die Verteilung der Handball- und Fußball-EM auf ganz Europa. Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Arbeit?

Mir persönlich ist das egal. Sonst habe ich im Auto gesessen, um von Bordeaux nach Paris zu fahren, nun sitze ich im Flieger von Trondheim nach Wien. Aber insgesamt finde ich solche Turniere, gerade in der heutigen Zeit, unverantwortlich. Normalerweise wären wir mit einem Übertragungswagen unterwegs. Nun steht einer in Trondheim und einer in Wien - doppelte Besatzung. Von den Flügen zwischen den Ländern ganz zu schweigen.

Die Turniere, sei es Handball oder Fußball, werden mit immer mehr Mannschaften aufgebläht, dazu kommen immer mehr Spiele in europäischen Wettbewerben. Ist aus Ihrer Sicht nicht langsam eine Grenze erreicht?

Wir reden da ja über die Spitzenspieler, aber ja. Beim Handball ist die Champions League der Sündenfall. Der THW Kiel hat schon jetzt 40 Pflichtspiele absolviert. Wer das verantwortet, hat kein Handballer-Herz. Das Rad lässt sich aber nicht zurückdrehen. Ich verstehe auch nicht, warum es im Handball zusätzliche Olympia-Qualifikationsturniere braucht.

Sie sind für die Olympischen Spiele in Tokio ja schon lange gesetzt. Welche Sportarten betreuen Sie?

Alle Radsportwettbewerbe - Straßen- und Bahnrad sowie Mountainbike. Ich komme Donnerstag an, am Samstag kommentiere ich sechs Stunden das Straßenrennen der Männer. Also 48 Stunden, um sich zu akklimatisieren, mit Fahrern und Trainern zu sprechen und so weiter.

Bleibt da überhaupt Zeit, auch andere Sportarten zu besuchen?

Ich werde sicher mal zum Handball gehen. Und wenn ich sehe, dass ein unkommentierter Handball-Livestream läuft, dann werde ich mich anbieten, auch das zu kommentieren.

Ihre Frau war erfolgreiche Handballerin, Ihre Kinder sind beide aktiv. Werden Ihre Kommentare eigentlich am Esstisch seziert?

Natürlich ist Handball bei uns Thema Nummer eins. Aber die drei sind alle Torhüter, ich war Feldspieler. Wenn ich sage, dass Torhüter eine besondere Spezies sind, dann geht es richtig ab. Die schauen und hören ganz genau zu.

,, Dann sage ich mir auch mal: Mensch, Naß, du warst so schlecht in der Schule, und jetzt darfst du hier kommentieren. Das ist schon Wahnsinn.

,, Insgesamt finde ich solche Turniere, gerade in der heutigen Zeit, unverantwortlich.

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